Arcandor : Der Karstadtklüngel

Nicht nur Thomas Middelhoff, sondern auch Madeleine Schickedanz und andere Aufsichtsräte profitierten von Mietgeschäften mit Karstadt-Filialen.

David C. Lerch
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Mahnwache. Anfang Juni demonstrierten Mitarbeiterinnen vor dem Karstadt-Warenhaus in Potsdam für ihre Arbeitsplätze. -Foto: ddp

Düsseldorf - Die Investments liegen ein paar Jahre zurück. 2002 sicherten sich Thomas Middelhoff und seine Frau Cornelie Fondsanteile an vier Karstadt-Immobilien. Heute sind die Warenhäuser insolvent, womöglich auch wegen zu hoher Mieten. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) empört sich über „zweifelhafte Mietverträge“. Kabinettskollegin Brigitte Zypries (SPD) bittet die Justiz um Aufklärung, und seit einer Woche ermittelt die Staatsanwaltschaft Essen. Der Vorwurf: Untreue. Der Verdacht: ein Interessenkonflikt Middelhoffs, der von Mai 2005 bis Februar 2009 Karstadt-Chef war. Der Anleger Middelhoff profitierte von Mietverträgen, die dem Kaufhausmanager zu schaffen machten.

Doch in dieser Zwickmühle steckte Middelhoff keineswegs allein. Auch diverse andere Akteure des Handelskonzerns sind an den Immobilienfonds beteiligt. Vor allem Vertreter der Eigentümer verdienten mit. Das belegen Grundbucheintragungen aus Potsdam und Leipzig, die dem Tagesspiegel vorliegen. Demnach sind neben den Middelhoffs auch ehemalige und aktuelle Gesellschafter des Bankhauses Sal. Oppenheim, teilweise mit ihren Ehefrauen, sowie Vertreter weiterer Gremien der Bank an mindestens zwei der fünf Immobilien persönlich beteiligt, die der Oppenheim-Esch-Fonds an den Karstadt-Mutterkonzern Arcandor vermietet. Unter den Anlegern in Leipzig befindet sich zum Beispiel auch Matthias Graf von Krockow, Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter von Sal. Oppenheim. Die Privatbank wollte sich dazu nicht äußern. Sal. Oppenheim hält derzeit 25 Prozent der Arcandor-Anteile.

Die betroffenen Karstadt-Häuser stehen in Potsdam, Leipzig, München und Karlsruhe – immer in bester Lage. Dazu kommt eine Immobilie in Wiesbaden, die Arcandor untervermietet.

2002 und 2003 verkaufte der Karstadt-Quelle-Konzern die Immobilien an den Bauunternehmer Josef Esch, der sie umbaute oder ganz neue Häuser errichtete und an die alten Eigentümer vermietet. Für jede Immobilie legten Esch und Oppenheim einen geschlossenen Immobilienfonds auf – exklusiv für Kunden der Bank und für sich selbst. Die Warenhäuser erweisen sich als höchst lukrative Investition: Bis zu 20 Prozent der Warenhausumsätze verschlingen die Mieten später – üblich sind etwa sieben Prozent. Die Verträge laufen über 20 Jahre. Erst seit der Insolvenz von Arcandor sind die Zahlungen ausgesetzt.

Hinter den Fonds steckt die Oppenheim-Esch-Managementgesellschaft, an der die Hauptaktionärin von Arcandor, Madeleine Schickedanz, zu einem Drittel beteiligt ist. Einem Bericht des „Handelsblatts“ zufolge investierte Schickedanz 1,7 Millionen Euro in die Gesellschaft. Das Stammkapital der GmbH beläuft sich laut Handelsregister auf 5,1 Millionen Euro. Das Vermögen der Quelle-Erbin verwaltet ihr Ehemann Leo Herl, der gleichzeitig im Aufsichtsrat von Arcandor sitzt. Fondsanteile an der Karstadt-Filiale Leipzig besitzt zudem der ehemalige Aufsichtsrat Holger Lampatz.

Damit wird deutlich, dass einigen Personen rund um den Essener Großkonzern die hohen Mietlasten der fünf Häuser gar nicht so unrecht gewesen sein dürften. In der öffentlichen Diskussion um Staatshilfe spielte diese Verquickung nie eine Rolle.

Der einzige, der sich stets offen zu seiner Doppelrolle bekannte, war Thomas Middelhoff. Im Juni 2004 holte Schickedanz den früheren Bertelsmann-Chef zu Karstadt, zunächst als Chef des Aufsichtsrats. Sein Stellvertreter war damals der Betriebsrat Wolfgang Pokriefke, der sich heute noch genau erinnert: „Middelhoff kam von sich aus auf uns zu und hat von der Beteiligung berichtet.“ Der Aufsichtsrat habe ihm dann empfohlen, sich auf der Hauptversammlung zu erklären, was er auch tat. „Damals hat das niemand als anrüchig empfunden“, erinnert sich der Gewerkschafter.

Dass auch Herl und Lampatz, beides ehemalige Kollegen im Aufsichtsrat, von Oppenheim-Esch-Fonds profitieren, wusste Pokriefke nicht. „Es gab keine Informationen, wer da seine Hand im Spiel hat.“ Die Ermittlungen gegen Middelhoff drehen sich nun vor allem um dessen juristischen Umgang mit dem Geschäft seines Vorvorgängers Wolfgang Urban mit Josef Esch im Jahr 2002. Verkauf und Miete der fünf Immobilien wurden damals geregelt. Doch das ist offenbar nicht alles. Nach Informationen des „Spiegels“ existiert eine vertrauliche Zusatzvereinbarung. Darin sei Karstadt für die Miesen aus der Vermietung ein Ausgleich zugesichert worden: Gewinne aus künftigen Immobiliengeschäften zwischen Oppenheim-Esch und Karstadt-Quelle. Dazu kam es jedoch nie. Im Mai 2004 verlässt Urban den Konzern und Esch wollte von dem Ausgleich anscheinend nichts mehr wissen. Middelhoff verzichtete auf entsprechende Forderungen gegen Esch. Die beiden kennen sich gut. Seit 2001 ist Esch der persönliche Vermögensverwalter von Middelhoff, der zudem mit Eschs Gattin eine weitere Firma unterhält.

Auch die Eigentümerseite des Konzerns hätte eine Klage wohl nicht gerne gesehen. Esch ist als Testamentsvollstrecker von Madeleine Schickedanz ein enger Vertrauter der Großaktionärin.

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