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Armut im Alter : Immer mehr Rentner brauchen Sozialhilfe

Statistisches Bundesamt: Die Zahlen steigen ständig. Sozialverbände mahnen Rentenreform an. "Die Rente muss zum Leben reichen", sagen sie.

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Die Rente reicht oft nicht zum Leben. Deshalb erhalten viele Rentner zusätzlich eine Grundsicherung.
Die Rente reicht oft nicht zum Leben. Deshalb erhalten viele Rentner zusätzlich eine Grundsicherung.Foto: Sebastian Willnow/dpa

Wie kann das sein? In diesem Sommer winkt Millionen Rentnern die größte Erhöhung seit 23 Jahren: Im Westen gibt es 4,25 Prozent, im Osten sogar fast sechs Prozent mehr. Doch zugleich rutschen immer mehr Senioren in die Sozialhilfe ab. Im Dezember 2015 haben mehr als 536.000 Menschen im Rentenalter Grundsicherung, also Sozialhilfe, erhalten, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mit. Das waren fast 24.000 mehr als im Dezember des Vorjahres und so viele wie noch nie zuvor, berichtete die Statistikbehörde.
Nimmt man die Menschen hinzu, die wegen einer Krankheit oder eines Unfalls nicht mehr arbeiten können und voll erwerbsgemindert sind, waren Ende des vergangenen Jahres sogar 1,038 Millionen Menschen in Deutschland auf Grundsicherung angewiesen – gegenüber dem Vorjahr ist das eine Steigerung von 3,5 Prozent und ebenfalls ein neuer, trauriger Rekord.

Die Zahl ist noch viel höher, sagen Sozialverbände

Nach Meinung der Sozialverbände sind in Wirklichkeit aber noch sehr viel mehr Menschen betroffen. „Wir gehen von einer hohen Zahl an Menschen aus, die Grundsicherung aus Scham nicht beantragen, obwohl sie eigentlich ein Anrecht darauf hätten“, sagte Ulrike Mascher, die Präsidentin des Sozialverbands VdK. Mascher forderte am Dienstag die Bundesregierung auf, gegen die wachsende Altersarmut vorzugehen. „Die Rente muss zum Leben reichen“, betonte die VdK-Chefin. Auch die Arbeiterwohlfahrt (Awo) mahnte die aus ihrer Sicht „längst überfällige Rentenreform“ an.
Dass Handlungsbedarf besteht, sieht auch die Bundesregierung. Viele Menschen werden im Alter zum Sozialfall, weil sie nicht genug in die Rentenkasse eingezahlt haben. Betroffen sind Menschen, die lange arbeitslos waren, sich mit Minijobs oder prekären Arbeitsverhältnissen über Wasser gehalten haben. Hinzu kommt, dass das Rentenniveau immer weiter sinkt. 2004 hatte die rot-grüne Regierungskoalition beschlossen, dass das Niveau der Altersbezüge bis 2020 auf 46 Prozent, bis 2030 auf bis zu 43 Prozent sinken darf. 1985 hatte das Rentenniveau noch bei 57,4 Prozent gelegen, im Jahr 2000 bei 52,9 Prozent. 2012 betrug das Niveau noch knapp mehr als 50 Prozent. Inzwischen sind rund 47,5 Prozent erreicht. Die Deutsche Rentenversicherung prognostiziert für 2030 ein Absinken auf 44,4 Prozent. Nach einer in der vergangenen Woche veröffentlichten WDR-Untersuchung droht fast jedem zweiten Bundesbürger wegen des sinkenden Rentenniveaus eine Alterssicherung unterhalb der Armutsgrenze.

"Millionen droht der Gang zum Sozialamt"

Die Bundesregierung will im Herbst Grundzüge einer Rentenreform vorlegen. Nach Meinung des VdK muss dabei unbedingt das Rentenniveau stabilisiert werden – mindestens auf dem heutigen Stand. Zudem müssten die Rentenabschläge von bis zu 10,8 Prozent in der Erwerbsminderungsrente abgeschafft werden. Auch Awo-Chef Wolfgang Stadler will die Absenkung des Rentenniveaus gestoppt sehen, zudem müssten die Beitragsleistungen von Geringverdienern besser bewertet werden, fordert er. „Ohne eine solche Rentenreform droht in ein paar Jahren Millionen Rentnern der Gang zum Sozialamt“, warnt der Verbandsvorsitzende.

Auch Berlin ist betroffen

Das trifft auch auf Berlin zu. Mit gut 77.000 Fällen liegt die Hauptstadt auf dem sechsten Platz in der Statistik, der Großteil davon (mehr als 41.000 Fälle) betrifft Fälle von Altersarmut. Am größten ist das Problem derzeit in Nordrhein-Westfalen. Hier haben insgesamt 267.624 Menschen Grundsicherung beantragt, weil die Rente nicht reicht oder sie erwerbsunfähig sind.
Bei der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales verweist man vor allem auf Selbstständige und Hausfrauen, die gar nicht oder nur kurz in die Rentenkasse eingezahlt haben und daher im Alter Probleme bekommen. Hier müsse nachgebessert werden, sagte eine Sprecherin mit Blick auf die Bundespolitik. Dennoch ist Berlin nach den Daten der Senatsverwaltung keinesfalls das Armenhaus Deutschlands. Die Durchschnittsrente im Ostteil liege bei 1090,99 Euro im Monat, das sei bundesweite Spitze. Die Westrenten betragen 909,60 Euro, bleiben damit aber leicht unter dem Bundesschnitt von 916,50 Euro. mit AFP

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