Wirtschaft : Aucoteam GmbH: "Wir kaufen die Firma, wer macht mit?"

Jacqueline Dreyhaupt

"Wie kaufe ich meinen Betrieb von der Treuhandgesellschaft?" - mit dieser Frage beginnt im Herbst 1990 die Geschichte der Aucoteam GmbH. Das aus der Not geborene "Bündnis für Arbeit" der Berliner Firma wurde zur Erfolgsstory und gilt als vorbildliches Modell der Mitarbeiterbeteiligung.

Für Peter Schmidt, Entwicklungs-Ingenieur und seit der Wende Direktor des Forschungszentrums des ehemaligen DDR-Kombinats Elektro-Apparatewerk (EAW), gab es damals keine Alternative. Das Zentrum stand schon früh auf der Abschussliste der Treuhand. "Nicht rentabel" lautete das vernichtende Urteil: Silvester 1990 sollte Schluss sein. 200 Mitarbeiter hätten dann auf der Straße gestanden. "Entweder arbeitslos oder das Unternehmen kaufen - ansonsten gab es keine Möglichkeiten", erinnert sich Schmidt.

Über einen Aushang am Schwarzen Brett der Firma suchte er Mitstreiter für sein Vorhaben. 36 Kollegen waren bereit, das Risiko einzugehen. Sie zeichneten GmbH-Anteile und wurden Miteigentümer der am 30. April 1991 gegründeten Aucoteam Ingenieurgesellschaft für Automatisierungs- und Computertechnik mbH. Fünf Mitarbeiter aus der Führungsebene übernahmen im Zuge der Privatisierung 75 Prozent des Stammkapitals von 120 000 Mark, 31 weitere Mitarbeiter die restlichen 25 Prozent als Minderheitsgesellschafter. Je nach finanziellen Möglichkeiten waren Einlagen zwischen 500 und 20 000 Mark möglich.

"Es war mehr ein Belegschafts-Buy-Out als ein Management-Buy-Out", sagt Michael Lezius, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied bei der Arbeitsgemeinschaft für Partnerschaft in der Wirtschaft e.V. (AGP). Die Unternehmens-Anteile seien eben nicht nur von leitenden Angestellten gekauft worden, wie es sonst bei einem Management-Buy-Out üblich ist. Die AGP fördert Mitarbeiterbeteiliguns-Modelle und hat auch das Team um Peter Schmidt unterstützt. Es sei learning-by-doing gewesen mit der Hilfe sehr guter Berater, sagt Schmidt. "Unserer fachlichen Kompetenz waren wir uns bewusst, aber was die betriebswirtschaftliche Seite und das Marketing anbelangt, waren wir ehrlich gesagt eher ahnungslos."

Das Wagnis der "Jung"-Unternehmer hat sich gelohnt: Die zehnjährige Firmengeschichte ist eine Erfolgsbilanz. Aus der Aucoteam GmbH ist eine Unternehmensgruppe geworden, die Automatisierungsanlagen, Software und Systemlösungen für Industrie und Verwaltung liefert. Unternehmen wie Bosch, ABB Schaltanlagen und Zeiss Jena stehen auf der Kundenliste.

Fast ein Drittel der 145 Mitarbeiter sind mittlerweile an der Unternehmensgruppe beteiligt. Der Umsatz ist von 1991 bis 2000 jährlich durchschnittlich um 16 Prozent gestiegen und lag vergangenes Jahr bei 26 Millionen Mark. Die Auftragseingänge bis Mai 2001 sind im Vergleich zum Vorjahr bereits um 33 Prozent gestiegen. Peter Schmidt, jetzt Vorsitzender der Geschäftsleitung, hält ein Umsatzwachstum von 13 Prozent für 2001 für realistisch. "Eigentlich war es unmöglich, was sie versucht haben - ohne Produkte, ohne Kunden eine Firma zu kaufen", sagt Lezius. Aber es hat geklappt.

Entscheidend für das Überleben des Unternehmens war, dass Aucoteam in der Entlohnung eigene Wege gegangen ist. Das Gehaltsmodell von Aucoteam basiert auf drei Säulen: Die Grundgehälter sind niedrig. Je nach Erfolg ihres Geschäftsbereiches erhalten die Angestellten aber Zuschläge. Die Bereiche werden monatlich auf Effektivität geprüft und entsprechend schnell kann beim Gehalt reagiert werden. Hinzu kommen noch Zulagen, die sich an der individuellen Leistung der Mitarbeiter orientieren und von jedem selbst verhandelt werden. Urlaubs- und Weihnachtsgeld wird nicht gezahlt, dafür eine ergebnisabhängige Jahresausschüttung.

"Das Modell war für Aucoteam die einzige Chance", sagt der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Diesterweg. Und er geht noch weiter: "Ich könnte mir vorstellen, dass noch mehr Betriebe überleben können, wenn sie unser Modell anwenden." Die Firma ist nicht im Arbeitgeberverband und somit nicht an Flächentarifverträge gebunden. "Uns gäbe es nicht mehr mit einem Flächentarifvertrag", sagt Schmidt. Mittlerweile wäre Aucoteam zwar in der Lage, einen Tarifvertrag zu erfüllen, aber das würde die "Fleißigen bestrafen und die Faulen belohnen", sagt der Unternehmenschef. "Gute Leute verdienen bei uns nach Marktniveau, sonst hätten wir sie nicht mehr."

Die Geschichte von Aucoteam zeigt: Der realtiv große Kreis der Eigentümer hat die Handlungsfähigkeit und Steuerbarkeit des Unternehmens nicht beeinträchtigt. Weitere Angestellte würden sich gern noch einkaufen. "Der Bedarf ist da", sagt Schmidt. Wenn es nach ihm ginge, wäre das auch kein Problem. Die Firma könne so nur gewinnen - mehr Eigenkapital und engagierte Mitarbeiter. Die anderen Gesellschafter sträuben sich aber. Sie wollen nichts von ihren Unternehmens-Anteilen verkaufen. "Das entspricht nicht ganz dem Gedanken der Mitarbeiterbeteiligung", gibt Schmidt zu.

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