Auftrag für Siemens : Russlands ICEs fahren auch bei minus 40 Grad

Siemens sieht noch großes Wachstumspotenzial in Russland. Der Schnellzug Sapsan sieht zwar aus wie ein deutscher ICE - soll aber widerstandsfähiger sein.

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ICE auf russisch: der Sapsan.
ICE auf russisch: der Sapsan.Foto: dpa

Wie kleine Geschosse prasseln die Schneeflocken auf die Windschutzscheibe und nehmen dem Fahrer fast die Sicht. Doch Filipp Smetanin steuert seinen Zug konzentriert weiter durch die Dunkelheit. Knapp 200 Stundenkilometer zeigt das Display vor ihm an. Pünktlich um 19.25 Uhr ist er in Sankt Petersburg losgefahren. Nach gut 600 Kilometern, um 23.14 Uhr, will Smetanin in Moskau sein. Ständig hupt er, denn immer wieder überqueren Fußgänger die Gleise. Es hat schon Unfälle gegeben, weil der Falke schneller und leiser ist, als viele es hier erwarten.

Sapsan, zu Deutsch Falke, nennen die Russen die acht Hochgeschwindigkeitszüge vom Typ Velaro, die Siemens 2009 an die russische Staatsbahn RZD geliefert hat. Jetzt kommen noch einmal acht Züge hinzu. „Es freut uns sehr, dass die RZD beim weiteren Ausbau des Hochgeschwindigkeitsverkehrs wieder auf Siemens setzt“, sagte Konzernchef Peter Löscher am Montag bei der Vertragsunterzeichnung in Moskau.

Siemens übernimmt in den kommenden Jahren auch die Instandhaltung der Züge, insgesamt hat der Auftrag ein Volumen von 600 Millionen Euro. Ausgeliefert werden die Züge, die im Werk Krefeld gebaut werden, ab Januar 2014. Die Zeit bis dahin wird der Staatsbahn RZD womöglich sehr lang vorkommen. Denn die acht Sapsan sind zu fast 90 Prozent ausgelastet, wie Dimitri Pegov sagt, der Leiter der Abteilung Hochgeschwindigkeitszüge bei der RZD. 600 Passagiere passen in den 250 Meter langen Zug hinein. Tatsächlich gibt es an diesem Sonntagabend kaum einen freien Platz. Allerdings muss auch niemand stehen. Denn wer Sapsan fahren will, braucht eine Reservierung. Und er muss frühzeitig da sein. Am Bahnsteig durchleuchten Sicherheitsleute zuerst Gepäck und Passagiere, dann kontrolliert eine Zugbegleiterin jeden einzelnen Pass. Wer sich nicht ausweisen kann, kommt nicht hinein.

Drinnen sieht alles fast so aus, wie in einem ICE der Deutschen Bahn – und doch auch ein bisschen anders. Der Sapsan ist zum Beispiel 33 Zentimeter breiter als die ICEs in Deutschland, da die russische Bahn eine breitere Spurweite hat. Die Isolierung des Zuges ist 50 Zentimeter dick, doppelt so dick wie beim ICE. „Die Züge sind für extreme Witterungsbedingungen von minus 40 bis plus 40 Grad ausgelegt“, erklärt Ansgar Brockmeyer, der bei Siemens für die Hochgeschwindigkeitszüge verantwortlich ist. Beweisen kann er das derzeit nicht. Um die null Grad zeigt die Anzeige im Zug. Dort steht auch die Geschwindigkeit: 220 Stundenkilometer. Bis zu 250 Stundenkilometer kann der Sapsan fahren.

In der Businessklasse nimmt der Fahrgast auf breiten Ledersesseln Platz. Hier sind Getränke und ein zweigängiges Menü im Preis drin. Serviert wird von Zugbegleiterinnen, die wie Stewardessen aussehen. Am Platz liegen Schlappen, eine Schlafmaske und sowohl Ohrstöpsel als auch Kopfhörer bereit. Auf dem kleinen Monitor an der Wagendecke kann der Gast Filme schauen; Lassie ist es an diesem Abend. Aber die meisten Reisenden beschäftigen sich anders. Einige Passagiere lesen, die meisten aber sitzen vor ihren Laptops, Tablets oder Smartphones.

RDZ-Manager Pegov tippt Preise in sein Smartphone. „Tickets gibt es umgerechnet ab 40 Euro für die einfache Strecke, die Fahrt in der Businessklasse kostet 166 Euro“, sagt er. „Aber die Preise sind flexibel.“ Sehr flexibel. Wer zu Stoßzeiten wie etwa Freitag- oder Sonntagabend fahren will, zahlt ein Vielfaches. Wer Hin- und Rückfahrt zusammen bucht, erhält zehn Prozent Rabatt. Andere Züge sind viel billiger als der Falke, aber sie brauchen auch länger. „Wir könnten oft deutlich mehr Tickets verkaufen, als wir Plätze haben“, sagt Pegov. Viermal am Tag verbindet der Sapsan die beiden russischen Metropolen. Zweimal am Tag geht es von Moskau auch nach Nischni Nowgorod. Mit den acht Neubestellungen verdoppelt sich nicht nur die Kapazität. „Die Fahrgäste wollen auch mehr Komfort“, erklärt Pegov. In den neuen Zügen wird es zusätzlich eine Premium-Klasse und eine VIP-Zone geben.

Siemens sieht noch großes Wachstumspotenzial in Russland. In den gesamten GUS-Staaten soll der Markt bis 2016 um 3,8 Prozent auf dann 7,2 Milliarden Euro wachsen. „Das Marktvolumen ist gigantisch“, sagt Hans-Jörg Grundmann, der das gesamte Bahngeschäft bei Siemens leitet. Unter anderem soll bis zur Fußball-WM 2018 eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Moskau und Sankt Petersburg gebaut werden.

Doch Siemens denkt auch an Regional-, U- und Straßenbahnen. Erst kürzlich hat das Unternehmen den Auftrag für 240 Regionalzüge im Wert von 2,1 Milliarden Euro bekommen. Gemeinsam mit einem russischen Partner wird dafür ein Werk in Jekatarinenburg errichtet. Siemens hat damit in Russland seit 2006 Verträge im Gesamtwert von rund fünf Milliarden Euro abgeschlossen.

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