Ausbildung und Beruf für Ältere : Azubi mit über 30

Auch Ältere können noch mal von vorn anfangen – und einen ganz neuen Beruf erlernen. Was möglich ist.

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Nochmal Lehrling. Im mittleren Dienst sitzen bei der Polizei auch Schüler im Unterricht, die schon eine andere Ausbildung hinter sich haben. Foto: Polizei Berlin
Nochmal Lehrling. Im mittleren Dienst sitzen bei der Polizei auch Schüler im Unterricht, die schon eine andere Ausbildung hinter...Foto: Polizei Berlin

„Bei der Polizei ist kein Tag wie der andere“, sagt Jaqueline Sanchez Marinez. Das gefällt ihr – und war einer der Gründe, warum sie sich für eine neue Karriere bei der Polizei entschieden hat; warum sie nun mit 38-Jahren noch einmal die Schulbank drückt und eine Berufsausbildung macht, die andere nach der Schule absolvieren. Dass sie dabei zu den Ältesten gehört, stört sie nicht. „In meinem alten Beruf fehlten mir die Perspektiven, ich konnte mich nicht mehr weiter entwickeln“, sagt die zweifache Mutter. Als gelernte Krankenpflegerin war sie zuletzt sechs Jahre als Ausbilderin und Dozentin tätig und hatte damit alles erreicht. Sie entschied sich für einen Neuanfang, suchte nach Möglichkeiten und bewarb sich mit 37 Jahren für eine Berufsausbildung im mittleren Dienst bei der Polizei in Berlin. Ihr berufliches Ziel: Sanches Martinez möchte in den Streifendienst gehen, sich um Unfälle und Ordnungswidrigkeiten kümmern.

Nur 24 Azubis waren 2013 40 Jahre oder älter

Mit über 30 noch einmal einen ganz neuen Job zu erlernen – lange Zeit war das kaum möglich. Arbeitgeber suchten nur junge Berufseinsteiger. Doch in Zeiten des Nachwuchsmangels greifen sie nun vermehrt auch auf Ältere zurück. Auch müssen Stellenausschreibungen für Ausbildungsplätze heute nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz altersneutral formuliert sein, um niemanden zu benachteiligen. Dennoch: Statistisch gesehen gehören die Älteren immer noch zu den Exoten des Ausbildungsmarktes. So waren unter den Azubis, die 2013 in Berlin eine Lehre begonnen haben, laut Bundesinstitut für Berufsbildung rund 97 Prozent unter 30 und knapp drei Prozent zwischen 30 und 39 Jahren. 40 Jahre und älter waren insgesamt 24 Auszubildende. Die Polizei ist da schon einen Schritt weiter: Seit einigen Jahren sind dort auch sogenannte Lebensältere als Azubis willkommen. Laut der seit Januar 2013 gültigen Laufbahnverordnung sind damit 30 bis 39 Jahre alte Personen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung und mindestens einer zweijährigen hauptberuflichen Tätigkeit gemeint. Und es handelt sich dort bei den älteren Lehrlingen nicht um Einzelfälle: In diesem wie im vergangenen Jahr wurden 48 ältere Azubis eingestellt.

So haben auch viele Azubi-Kollegen von Sanches Martinez schon einige Jahre im Arbeitsleben hinter sich, sie sind zwischen 31 und 40 Jahren alt, waren früher Verkäufer, Verfahrenstechniker und Mitarbeiter der Gesundheitsbranche.

Den Betrieben gehen die Lehrlinge aus

„Für die Ausbildung von Lebensälteren spricht, dass diese Erfahrungen gesammelt haben, die der Polizei und auch den Bürgern der Stadt zu Gute kommen“, erklärt Thomas Neuendorfer, der stellvertretende Sprecher der Polizei Berlin. Sie seien häufig emotional reifer und bereit, Verantwortung zu übernehmen, und motiviert, die Ausbildung erfolgreich abzuschließen. Zudem könnten sie die Jüngeren bei ihrer Orientierung unterstützen und als Vorbild dienen.

Neuendorfer findet, dass es auch aus Arbeitgebersicht gut ist, eine möglichst ausgewogene Alterspyramide unter den Mitarbeitern zu haben, um das angesammelte Erfahrungswissen mit zukünftigen Pensionierungswellen nicht zu verlieren. Gegen die Einstellung von Lebensälteren spreche nur, dass sie dem Unternehmen kürzer zur Verfügung stehen. Anders als bei der Polizei setzt man beim Technologiekonzern Siemens bei der Erstausbildung auf Jüngere. Ältere Kandidaten sind laut Sprecherin Konstanze Somborn eher die Ausnahme. Dennoch würden diese nicht von vornherein ausgeschlossen, weil dies altersdiskriminierend sei. Offensichtlich haben aber viele andere Berliner Arbeitgeber Probleme, ihre Ausbildungsplätze mit Jüngeren zu besetzen. Nach einer aktuellen Aus- und Weiterbildungsumfrage der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) hatten im vergangenen Jahr rund ein Drittel der befragten Unternehmen Schwierigkeiten, Lehrlinge zu finden. „Ältere Auszubildende sind deshalb für Unternehmen zunehmend eine alternative Zielgruppe“, sagt Sprecher Christian Breitkreutz. Viele der älteren Azubis seien Studienabbrecher, die von Unternehmen gerne genommen werden.

Viele ältere Azubis sind dankbar, neu anfangen zu können

Auch bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) haben Ältere als Azubis eine Chance. Wer sich im Auswahlverfahren durchsetze, bekomme einen der 140 Ausbildungsplätze, berichtet Sprecherin Monika Schulz. Eine Altersgrenze gibt es nicht. Allein wegen des Alters falle kein Bewerber durch das Raster des standardisierten Online-Auswahltests. Das Ergebnis: „Fast fünf Prozent unserer Auszubildenden sind derzeit über 30 Jahre alt“, sagt Schulz. Die Chancen seien hoch, gerade unter älteren Kandidaten engagierte Azubis zu finden. Viele seien dankbar, noch einmal neu anfangen zu können und entsprechend motiviert. Die 30-Jährigen würden sich dabei kaum von den 40-Jährigen unterscheiden. „Einige lernen früher aus, manche entscheiden sich für einen anderen Beruf und wieder andere verlängern ihre Ausbildungszeit wegen der Elternzeit“, erklärt Schulz. Die Dussmann Group steht älteren Berufseinsteigern ebenfalls offen gegenüber. Das Unternehmen bildet in verschiedenen Geschäftsbereichen in 16 Ausbildungsberufen aus. Besonders in Pflegeberufen sind Personen über 30 oder 40 willkommen. Seit 2012 unterstützt die IHK mit dem Projekt „Your turn“ Ausbildungsunternehmen dabei, Studienaussteiger in stark verkürzter Zeit auszubilden zu Kaufleuten für Groß- und Außenhandel, zu Immobilienkaufleuten und zu Fachinformatikern für Systemintegration. Laut der Kammer haben ältere Azubis in vielen Bereichen Chancen: in kaufmännischen Berufen, als Kaufleute für Büromanagement, als Industriekaufleute, als Kaufleute im Gesundheitswesen oder in gewerblich-technischen Berufen, als Mechatroniker oder Elektroniker und vor allem in der Gastronomie.

Bei niedirgen Gehältern hilft die Arbeitsagentur

Wenn ein Azubi-Gehalt nicht für den Lebensunterhalt reicht, hilft die Arbeitsagentur. Nicht nach Alter, sondern nach dem individuellen, konkreten Bedarf werden Förderbeträge ermittelt. Berufsausbildungsbeihilfe können etwa Personen beantragen, die älter als 18, verheiratet oder in einer Lebenspartnerschaft verbunden sind, mindestens ein Kind haben und nicht bei den Eltern leben. Im August 2016 schließt Sanches Martinez ihre Ausbildung ab. In ihrem künftigen Polizei-Job wird sie ihr medizinisches Wissen, ihre Menschenkenntnis und ihre spanischen und englischen Sprachkenntnisse gut gebrauchen können, ist sie sicher.

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