Autismus : Der besondere Blick

Autisten haben es schwer auf dem Arbeitsmarkt. Dabei können sie sehr wertvoll für Firmen sein - wie ein Berliner beweisen will.

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Unglaublich nah. Im aktuellen Kinofilm Extremely Loud And Incredibly Close spielt Thomas Horn einen elfjährigen autistischen Jungen.
Unglaublich nah. Im aktuellen Kinofilm Extremely Loud And Incredibly Close spielt Thomas Horn einen elfjährigen autistischen...Foto: Cinetext/Allstar/Warner Bros.

Ein Einzelgänger sei er immer gewesen, sagt Wenzel Blamberg mit einem Lächeln. Seine Augen blicken das Gegenüber hinter dicken Brillengläsern konzentriert an. Nur mit Kindern sei er immer gut klargekommen. „Im Vorschulalter haben die sehr ausgeprägte Spezialinteressen – Ritter oder Dinosaurier, über die sie alles wissen wollen. Das hat mir gefallen.“ Dass er deshalb nach dem Abitur nicht seine Computerliebe zum Beruf, sondern eine Ausbildung zum Erzieher machte, bezeichnet der 23-Jährige heute als Fehler. Mit den Kollegen und den Eltern in einer Berliner Betreuungseinrichtung für Vorschulkinder habe es zunehmend Probleme gegeben – Blamberg hatte Schwierigkeiten, mit den Erwachsenen zu kommunizieren, außerdem stand er sich oft selbst im Weg: „Ich brauche ein festes Zeitgerüst.“ Seit kurzem hat Blamberg nun die Diagnose über das, was er und seine Eltern schon lange vermuteten: Er ist Autist.

Auf grob 0,3 Prozent der Bevölkerung oder fast 250 000 schätzt der Bundesverband Autismus Deutschland die Zahl der Asperger-Autisten hierzulande: jener Gruppe innerhalb des sogenannten „Autismusspektrums“ also, die – obschon zumeist normal intelligent – eine Schwäche im Erkennen nichtsprachlicher Signale, von Mimiken und Stimmungen eint, deren Mitglieder aber zumeist auch über eine hohe Konzentrationsfähigkeit, in nicht wenigen Fällen sogar über eine explizite Hochbegabung in bestimmten Bereichen verfügen.

Wenzel Blamberg kennt das: Er kann am Computer Abläufe leicht nachvollziehen, hat aber Schwierigkeiten, auf Fragen, die sich nicht mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten lassen, zu reagieren. Und er hat – auch das ist typisch – explizite Spezialinteressen, die eine Nische des Wissens bis ins Letzte ausleuchten: Im Fall Wenzel Blambergs sind das Strecken- und Zeitpläne von Berliner S-Bahn und BVG, die er alle bestens kennt – ebenso wie Fahrzeugtypen und Baureihen. Das, so sagt er, gibt ihm Halt.

Glaubt man Dirk Müller-Remus, selbst Vater eines autistischen Sohnes, ist Blamberg auch in anderer Hinsicht ein typischer Asperger-Autist: „Viele scheitern auf dem ersten Arbeitsmarkt, haben ungünstige Karriereverläufe, in denen sie entweder nie aufsteigen oder – etwa als Akademiker – oben einsteigen und dann schnell Probleme bekommen.“ Daraus, dass Autisten ein besonderes Umfeld brauchen, um produktiv arbeiten zu können, hat Müller-Remus ein Geschäftsmodell entwickelt: „Auticon“ heißt seine Ende letzten Jahres gegründete Firma, die in fünf Jahren bis zu 50 Asperger-Autisten beschäftigen und ihre Stärken zur Geltung bringen will. Die ersten sollen nach mehreren Test- und Einarbeitungsphasen im Sommer mit einer tariflich bezahlten Arbeit als Softwaretester beginnen. Vorbilder für das Modell, das sich in zwei Jahren wirtschaftlich tragen soll, gibt es in Dänemark und Belgien. Müller-Remus, der in einer ersten Bewerbungsphase 28 viel versprechende Bewerbungen erhielt – darunter auch jene Wenzel Blambergs – ist überzeugt, dass es auch in Berlin einen Bedarf für autistische Arbeitskräfte gibt: „Wir wollen die Arbeitskraft an Unternehmen ausleihen, die sie gerade brauchen. Dafür muss es genügend Nachfrage vor Ort geben – denn Autisten ziehen nicht gerne um, brauchen ihre stetigen Abläufe.“

Die Vorteile, die Softwareentwickler von den neuen Mitarbeitern hätten, liegen für Dirk Müller-Remus auf der Hand: „Asperger-Autisten haben eine hohe Konzentrationsfähigkeit. Die Genauigkeit ist enorm, die Gründlichkeit groß, die Konzentration lässt auch bei häufigen Wiederholungen eines bestimmten Vorgangs nicht nach.“ Den Nachteilen – etwa der Tatsache, dass manche Autisten eine ruhige, reizarme Arbeitsumgebung brauchen, um überhaupt arbeiten zu können – möchte man bei Auticon mit einem speziellen Coaching begegnen. Eine Betreuerin soll mit den Arbeitnehmern in die Betriebe gehen, ihnen helfen, ihre Arbeitsplätze dort einzurichten. Bei denen, für die sie dort Kollegen auf Zeit sind, wird sie um Verständnis für die Schrullen der Neuen werben. Zudem steht sie als Beraterin zur Seite, wenn Arbeitsabläufe autistengerecht sequenziert und in beherrschbare, regelmäßige Einheiten zerlegt werden. Dass sich die Beschäftigung eines Asperger-Autisten trotz dieses Aufwands lohnt, davon ist Müller-Remus zutiefst überzeugt: „Das sind einzigartige Fähigkeiten, die sich so sonst nicht ersetzen lassen.“

Ideengeber. Der Berliner Unternehmer Dirk Müller-Remus (l.) und Sebastian Dern, freier Berater und Mitglied der Selbsthilfeorganisation Aspies e.V.
Ideengeber. Der Berliner Unternehmer Dirk Müller-Remus (l.) und Sebastian Dern, freier Berater und Mitglied der...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Bei Autismusverbänden stößt das Vorhaben auf regen Anklang. Aspies, ein Selbsthilfeverein für Menschen mit Asperger-Syndrom, berät die junge Firma und unterstützt sie so bei ihrem Vorhaben. Und auch beim Bundesverband Autismus sieht man den Vorstoß mit Wohlwollen: „Arbeitslosigkeit ist gerade heute ein großes Problem unter Autisten “, sagt Friedrich Nolte, Fachreferent des Verbands. Er begründet das mit dem veränderten Betriebsklima in vielen Unternehmen. „Früher gab es mehr Firmen und Institutionen, die das geduldet haben: den schrägen Typen zum Beispiel, der in der Poststelle arbeitet und mit niemandem reden will.“ Autisten könnten alles sein – wenn man ihnen den Publikumsverkehr erspare. „Am Telefon scheitern die meisten.“ Daher seien Arbeitsmodelle, die die Schwächen berücksichtigen, unbedingt zu unterstützen.

Wenzel Blamberg setzt große Hoffnungen auf Auticon. Nachdem er sich seinen Autismus – das ist Einstellungsvoraussetzung – klinisch hat bestätigen lassen, trennt ihn nur noch ein Test von einer auf ihn zugeschnittenen Arbeitswelt. Blamberg könnte sich in ferner Zukunft allerdings auch andere Jobs vorstellen: „Für die U-Bahn Zeitmanagement machen – das wäre ein Traum.“

Mehr Informationen im Netz

www.auticon.de

www.aspies.de

www.autismus.de

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