Wirtschaft : Balanceakt

Arbeit und Leben unter einen Hut zu bringen, ist schwer. Doch es kann klappen.

von
Ganz schön wackelig. Zu viel Arbeit, zu wenig Freizeit – aufgrund hoher Arbeitsbelastung nehmen sich viele fürs kommende Jahr vor, mehr Gleichgewicht in ihre Leben zu bringen. Foto: Fotolia
Ganz schön wackelig. Zu viel Arbeit, zu wenig Freizeit – aufgrund hoher Arbeitsbelastung nehmen sich viele fürs kommende Jahr vor,...Foto: alphaspirit Fotolia

Schon wieder muss die Yogastunde ausfallen, weil sich der Chef kurz vor Arbeitsschluss eine schriftliche Zusammenfassung des letzten Meetings wünscht. Der letzte Theaterbesuch ist ewig her und im Kindergarten gucken die Erzieher bereits schief, weil das eigene Kind oft erst kurz vor Schluss abgeholt wird. Wem die tägliche Zwickmühle zwischen Arbeit, Freizeit und Familie bekannt vorkommt, dessen Work-Life-Balance befindet sich womöglich in einer Schieflage.

Laut einer globalen Studie des Bürodienstleisters Regus gaben mehr als die Hälfte der Deutschen an, dass ihnen der Spagat zwischen Arbeit und Privatleben nicht gut gelingt. Aufgrund hoher Arbeitsbelastung haben sie nicht genügend Zeit für Hobbys und Familie. Viele nehmen sich deshalb vor, im kommenden Jahr mehr Balance in ihre Leben zu bringen. Bestseller-Autor Professor Lothar Seiwert hat viele Bücher zum Thema Zeitautonomie geschrieben. Die Titel lauten „Ausgetickt: Lieber selbstbestimmt als fremdgesteuert“ oder „Wenn du es eilig hast, gehe langsam“. Für ihn gibt es den Gegensatz zwischen Arbeit und Leben nicht, die der Begriff Work-Life-Balance suggeriert. Er benutzt daher lieber das Wort „Life-Balance“. „Beruf und Leben gehören zusammen. Mehr noch: Die meisten von uns verbringen den Großteil ihrer Zeit am Arbeitsplatz. Deshalb ist es wichtig, das starre Entweder-Oder-Denken hinter sich zu lassen“, sagt er. „Hier geht es nicht um die Trennung von Arbeit und Freizeit, sondern um einen harmonischen Mix aus den verschiedenen Bereichen, die unser Leben ausmachen.“

Doch wie entsteht diese Harmonie, nach der sich so viele sehnen und die offenbar so wenigen gelingt? „Freiräume für die Menschen und Dinge, die uns wichtig sind, gewinnen wir nur durch kluge Planung“, sagt Lothar Seiwert. „Die Kosten-Nutzen-Rechnung ist ganz simpel: Jede Minute, die Sie in Ihre Planung investieren, bekommen Sie als Vielfaches in Form von Zeitersparnis und Arbeitsentlastung zurück.“

Anke Adamik berät als Coach Menschen zum Thema Work-Life-Balance. Um erst einmal einen Überblick zu gewinnen, wo unsere kostbare Zeit eigentlich hinfließt, rät sie einen Kreis zu zeichnen, der die 24 Stunden eines Tages symbolisiert. Ihn teilt man in einzelne Tortenstücke auf. Sie geben die Zeit an, die man für verschiedene Tätigkeiten benötigt, darunter auch Kleinigkeiten wie Haare föhnen oder Kind in den Kindergarten bringen. „Oft merken wir dabei, dass unsere Zeiteinteilung vollkommen unrealistisch ist und dass bestimmte Dinge einfach mehr Zeit in Anspruch nehmen als wir ihnen zugestehen“, sagt sie. Wenn man es ohnehin nie zu den Kursen im Fitnessstudio schafft, sollte man die Mitgliedschaft lieber kündigen und die Bewegung stattdessen in den Tag integrieren, also mit dem Fahrrad ins Büro zu fahren oder mehr Wege laufen.

Das Gleiche gelte für die Einteilung der Arbeit. „In klaren Absprachen mit dem Chef und den Team-Kollegen sollte man kommunizieren, welche Aufgaben man realistischerweise in einem bestimmten Zeitraum übernehmen kann.“ Das kann Anke Adamiks Erfahrung nach Frust am Arbeitsplatz vorbeugen.

Arbeitgeber können eine Menge dazu beitragen, dass die Balance im Leben ihrer Mitarbeiter gelingt. Laut einer Kienbaum-Studie aus dem Jahr 2007 zum Thema Work-Life-Balance und demografischem Wandel engagieren sich besonders Großunternehmen auf diesem Gebiet.

Der Automobilkonzern Daimler stellte im November die Ergebnisse einer Untersuchung der Uni Heidelberg mit dem Titel „Ausgeglichen! – Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben“ vor. Als Konsequenz aus der Befragung von 6000 Mitarbeitern hat das Unternehmen Maßnahmen wie diese eingeführt: Ab 2013 werden alle eingehenden Nachrichten im E-Mail-Posteingang jedes Einzelnen während des Urlaubs automatisch gelöscht. Darauf weist eine Abwesenheitsnotiz hin und nennt die Kontaktdaten des Vertreters. Auf diese Weise werden Urlaubsrückkehrer nicht mit einer E-Mail-Flut konfrontiert und können in den Ferien besser abschalten.

Lothar Seiwert hält Maßnahmen wie diese für sehr hilfreich und effektiv. „Mitarbeiter, bei denen die Life-Balance stimmt, sind wesentlich zufriedener, motivierter und leistungsfähiger“, gibt er zu bedenken. Zugleich kann aber auch jeder einzelne etwas dafür tun, um Arbeit und Freizeit, Beruf und Familie, Gasgeben und Faulsein, Erfolg und Entspannung in Einklang zu bringen. „Wichtig ist dabei vor allem eins: Die Mischung von Job und Privatem muss für jeden ganz persönlich passen.“

Viel zu arbeiten, immer erreichbar zu sein und wenig Zeit für Privates zu haben muss nicht automatisch unglücklich machen, ist auch die Erfahrung von Christian Schmid-Egger. Er bietet in Unternehmen Kurse zur Burnout-Prävention an und kennt Führungskräfte, die sehr gut mit ihrem hohen Arbeitspensum zurechtkommen und sich dadurch nicht gestresst fühlen. „In diesen Positionen wiegen andere Werte wie selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Arbeiten den Stress wieder auf“, sagt er. Wer in der zweiten oder dritten Reihe der Unternehmenshierarchie arbeitet, hat es dagegen oft schwerer. Denn dort mangelt es häufig an Anerkennung der eigenen Leistung, so Schmid-Egger. Das erhöhe das Burn-Out-Risiko. „Hier sind die Chefs gefragt, zu einer wertschätzenden Firmenkultur beizutragen“, sagt er.

Als Ausgangspunkt für eine gelungene Work-Life-Balance rät Christian Schmid-Egger, sich erst einmal bewusst zu machen, welche Situationen und Gedanken zu Stress führen und was auf der anderen Seite für Entspannung sorgt. „Wer die Frage ‚Was ist mir wichtig?’ ehrlich für sich beantworten kann, der kann auch seine Prioritäten im Alltag entsprechend setzen.“

Wie bei allen guten Vorsätzen kann auch die Work-Life-Balance schnell aus dem Blickfeld geraten. Schon im Februar ist man möglicherweise genauso gestresst wie im vergangenen Jahr. Um das zu verhindern rät der Berliner Motivationstrainer Christian Weilmeier, Ruhephasen bewusst einzuplanen. Termine mit Freunden, Unternehmungen mit den Kindern oder der Sportkurs sollten ihren festen Platz im Kalender haben. „Zugleich sollte man aber das Thema Work-Life-Balance nicht zu verkrampft sehen. Wenn es einen nicht stört, nach Feierabend für die Firma erreichbar zu sein, dann ist das auch in Ordnung. Wichtig ist bei alledem, ehrlich mit sich und den eigenen Ansprüchen umzugehen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben