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Bauernpräsident im Tagesspiegel-Interview : "Der Ausfall tut sehr weh"

Vor einem Jahr verhängte Russland ein Embargo gegen Agrargüter aus der EU. Die Reaktion Moskaus auf die westlichen Sanktionen traf deutsche Bauern hart, wie Bauernpräsident Joachim Rukwied im Tagesspiegel-Interview erklärt.

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Joachim Rukwied. „Russland war einer unser drei größten Exportmärkte, und der ist praktisch weg gebrochen.“
Joachim Rukwied. „Russland war einer unser drei größten Exportmärkte, und der ist praktisch weg gebrochen.“Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Rukwied, als Reaktion auf die Sanktionen des Westens hat Russland vor einem Jahr ein Embargo auf zahlreiche Agrargüter verhängt. Wie hat sich das auf die deutschen Bauern ausgewirkt?

Das Embargo hat die deutsche Landwirtschaft sehr schwer getroffen. Vor dem Embargo hatten wir pro Jahr Agrarprodukte im Wert von 1,8 bis 1,9 Milliarden Euro nach Russland exportiert. Russland war einer unser drei größten Exportmärkte, und der ist praktisch weg gebrochen. Die Ausfuhren haben sich nach dem Embargo auf rund 900 Millionen Euro halbiert. Besonders schlimm hat es die Fleisch- und Milchlieferanten getroffen, aber auch die Obstbauern haben Probleme. Polen hatte vor dem Einfuhrstopp 500 000 Tonnen Äpfel jährlich nach Russland geliefert, die Ware landet jetzt auf den europäischen Märkten. Das hat die Preise in den Keller getrieben.

Wie viel billiger ist das Kilo Äpfel in Deutschland geworden?

2013 haben die Obstbauern 60 Euro pro 100 Kilogramm bekommen. Während der Ernte 2014 sind die Preise auf bis zu 15 Euro pro 100 Kilo gesunken.

Lohnt sich das dann überhaupt noch?

Häufig nicht mehr. Aber so lange die Erntekosten niedriger sind als der Verkaufserlös, wird aus Gründen der Verlustminderung geerntet.

Der Schaden, den die Bauern durch die Russland-Sanktionen und das Embargo erlitten haben, müsste aber doch geringer sein als die Exportausfälle, oder?

Der Exportausfall liegt – wie gesagt – bei 900 Millionen Euro, der Schaden bei 600 bis 800 Millionen Euro. Bis zu fünf Prozent unserer Wertschöpfung sind verschwunden. Es ist ja nicht nur der Exportausfall, der uns Kummer macht, sondern auch die sinkenden Preise. Beim Schweinefleisch lag der Preis in der Spitze bei 1,90 Euro pro Kilo, heute sind es noch 1,40 Euro. Ein Schweinemäster, der im Jahr 4000 Tiere mästet, verliert durch das Embargo rund 30 000 Euro im Jahr, ein Milchviehhalter mit 75 Kühen und einer Jahresproduktion von 600 000 Kilo Milch circa 18 000 Euro. Bei der Milch sind die Erzeugerpreise im vergangenen Jahr um zehn Cent pro Liter gesunken, in Norddeutschland bekommt man gerade noch 27 Cent für den Liter. Russland war weltweit gesehen der größte Importeur von Käse und Butter. Der Ausfall tut sehr weh.

Sie müssen sich andere Märkte suchen …

Wir fordern eine Marketingoffensive. Die Milchbauern in der EU haben im vergangenen Jahr mehr Milch produziert als sie nach der Milchquote gedurft hätten. Sie müssen deshalb 900 Millionen Euro als Ausgleichsabgabe an Brüssel zahlen. Diese Gelder sollte man nutzen, um in wachsenden Märkten – vor allem in Asien – eine europäische Marktoffensive zu starten.

Sind die Fleisch- und die Milchproduzenten diejenigen, die am stärksten unter dem Embargo leiden?

Ja, und die Obst- und Gemüsebauern. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Ich baue auf meinem Hof selbst Kohl an. Im vergangenen Jahr habe ich nicht einen einzigen Kopf vermarkten können, für den es nicht im Vorfeld schon Abnahmeverträge gegeben hat. Sämtliche freien Mengen mussten vernichtet werden.

Die EU hat die Bauern für die Lieferausfälle entschädigt. Wie viel haben die deutschen Landwirte bekommen?

In Deutschland ist so gut wie nichts angekommen. Den Großteil haben die russischen Anrainerstaaten bekommen – das Baltikum und Polen. Das Geld aus Brüssel hat die Einnahmeausfälle in Deutschland nicht im Entferntesten kompensieren können. Die deutschen Milchexporte nach Russland sind von August 2014 bis heute von 125 Millionen Euro auf acht Millionen gesunken, Fleisch und Fleischwaren von 175 Millionen auf fünf Millionen Euro, Obst und Gemüse von sieben Millionen Euro auf 50 000 Euro. Die Stimmung in der deutschen Landwirtschaft ist derzeit entsprechend schlecht.

Sollten die Sanktionen gegen Russland aufgehoben werden?

Ich weiß um das schwierige Verhältnis zu Russland, aber trotzdem sollte sich die Politik um eine Annäherung bemühen. Auch mit Blick auf die Bevölkerung in der Ost-Ukraine. Man sollte nichts unversucht lassen.

Unabhängig von Russland, wie ist die Lage im Moment? Wie läuft die Ernte?

Wir haben bisher im Schnitt bei Weizen, Gerste und Raps acht bis zehn Prozent weniger geerntet als im Vorjahr. Allerdings gibt es regionale Unterschiede. In Regionen, in denen es so gut wie gar nicht geregnet hat, wird 30 bis 40 Prozent weniger Getreide geerntet, auch der Ertrag vom Grünland war regional unzureichend. Dagegen haben wir beispielsweise im Süden von Baden-Württemberg und Bayern sowie im Norden Deutschlands mit höheren Niederschlägen sowie grundsätzlich auf schweren Böden gute Erträge geerntet. Viele Kulturen werden erst später im Jahr geerntet, da müssen wir abwarten. Dies betrifft auch Mais und weitere Grünlandschnitte.

Also auch alles, was man als Futter für die Kühe braucht?

Ja. In meiner Region, im Norden Baden-Württembergs, ist alles braun, da wächst kein Gras mehr nach wegen der Trockenheit. Das wird schwierig für die Milchbauern. Der Mais bringt nicht die Erträge, die er bringen soll. Wir beregnen das Gemüse, wir wässern die Obstbäume, die Weinstöcke werden mit Tröpfchenberegnung versorgt.

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