Bauerntag in Berlin : Bauer sucht Respekt

1000 Landwirte treffen sich in Berlin. Mit dabei: Bundeskanzlerin Angela Merkel und viel sonstige Politprominenz.

Eine Frage der Haltung: Viele Verbraucher wollen Produkte aus der Region oder von Biohöfen.
Eine Frage der Haltung: Viele Verbraucher wollen Produkte aus der Region oder von Biohöfen.Foto: Stefan Sauer/dpa-Zentralbild/dpa

Berlin hat seine Vorteile – auch für Bauern. Nach getaner Arbeit kann sich Bauernpräsident Joachim Rukwied am Mittwochabend beim Beatles-Musical amüsieren, ohne aus dem Haus gehen zu müssen. Denn die Beatles-Show „All you need is love“ findet am selben Ort statt wie der Deutsche Bauerntag, im Hotel Estrel. Zwei Tage lang tagen rund 1000 Landwirte in Neukölln – und hoffen auch auf ein bisschen Liebe. Die Bauern erwarteten von den hochkarätigen, politischen Gästen „ein klares Bekenntnis zu einer Landwirtschaft in der Mitte der Gesellschaft“, sagte Rukwied am Dienstag in Berlin. Aber nicht nur das: Der oberste Bauernvertreter der Bundesrepublik wünscht sich auch eine solide Fortführung der europäischen Agrarpolitik sowie Impulse für eine nationale Nutztierhaltungsstrategie und das staatliche Tierwohllabel.

Grüne wollen Massentierhaltung abschaffen

Es ist die Tierhaltung, die die Liebe vieler Bürger zu den Bauern hat erkalten lassen. Die Massentierhaltung, die Verpestung des Grundwassers durch Riesenställe und Güllereste – die Bauern stehen am Pranger und müssen sich gegen den Vorwurf zur Wehr setzen, dem Kommerz das Wohl ihrer Tiere zu opfern. Die Grünen punkten mit dieser Empörung politisch. Sie haben kürzlich auf ihrem Parteitag den Ausstieg aus der Massentierhaltung beschlossen. In 20 Jahren soll es das in Deutschland nicht mehr geben. Und damit die Verbraucher bis dahin zumindest wissen, was sie kaufen, sollen nach dem Willen der Partei für Fleisch und Milch verbindliche Kennzeichnungen über die Haltung der Tiere eingeführt werden. Von den 6,3 Milliarden Euro, die deutsche Landwirte jährlich aus Brüssel bekommen, wollen die Grünen zudem eine Milliarde Euro an Betriebe umschichten, die mehr in Tier-, Natur- und Klimaschutz investieren.

Bauern fühlen sich an den Pranger gestellt

Die Bauern fühlen sich ungerecht behandelt. „Die Verwendung von Kampfbegriffen ist einer konstruktiven Diskussion über die Weiterentwicklung der Landwirtschaft nicht förderlich“, mahnt Rukwied – und kann sich dabei auf die Unterstützung von Wissenschaftlern verlassen. In den Ställen habe es einen „gewaltigen Innovationsschub gegeben“, sagt der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), Andreas Hensel. Leider sei die Diskussion aber stark emotionalisiert, kritisierte Hensel kürzlich auf der „World Food Convention“ des Tagesspiegels. Jeder Stadtbewohner glaube, dass „er Bauer kann“, ärgert sich Hensel.
Tatsächlich gibt es bei vielen Bauern den Willen zur Veränderung. „Wir sind hoffnungsfroh, dass wir bis 2020 jedes fünfte Schwein innerhalb der Initiative Tierwohl mästen werden“, berichtet Rukwied. Dabei zahlen Handelsketten in einen Fonds ein, der Landwirte für eine bessere Tierhaltung belohnt. Parallel dazu gibt es inzwischen auch eine staatliche Initiative von Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU). Schmidt hat ein Siegel auf den Weg gebracht, das Betriebe verwenden können, die ihre Tiere besser halten als gesetzlich vorgeschrieben.

Die Preise steigen

Es ist aber nicht nur die Liebe zum Tier, die Bauern umtreibt, sondern auch das Geschäft. Mit besserer Tierhaltung, regionalen oder Bio-Produkten können sie deutlich höhere Preise erzielen als für Massenware. Obwohl die Zeiten, als die Bauern aus Protest gegen die geringen Preise ihre Milch öffentlich in den Gully gekippt haben, vorbei sind. Heute können die Milchbauern 33 oder 34 Cent für den Liter Milch von den Molkereien erwarten, in der akuten Krise waren es weniger als 23 Cent. Auch die Fleischpreise haben sich erholt. Die Schweinemäster bekommen derzeit 1,81 Euro für ein Kilogramm, in der Vergangenheit waren die Preise auf 1,30 Euro abgerutscht. Bei Getreide gibt es ein ähnliches Bild, nur die Obst- und Weinbauern leiden unter den Ernteverlusten nach dem strengen Frost im Frühjahr.

Angela Merkel nimmt Bauern in Schutz

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird am Mittwoch zu den Landwirten sprechen, am Donnerstag werden Agrarminister Schmidt und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller erwartet. Von der Kanzlerin können die Bauern Aufmunterndes erwarten. Bereits am Samstag hatte sie in ihrem Videopodcast die Landwirte vor Pauschalurteilen in Schutz genommen. Die „überwältigende Mehrheit der Bauern tut eine wirklich wichtige Arbeit für unser Land, zumal wir alle auch regional Produkte essen wollen“, sagte die Kanzlerin. mit dpa

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