Bausparkassen in der Krise : Zerstörtes Vertrauen

Die deutschen Bausparkassen stecken in der Krise. Viele Altkunden bekommen deshalb nun die Kündigung. Wie konnte es so weit kommen?

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Illustration eines zerbrochenen Eigenheims.
Aus: Der Traum vom Haus.Illustration: Istock

Bausparen sei „das Punkigste der Welt“, sagt Schauspielerin Nora Tschirner. Das sei so ein „Sicherheitsding, das einen einfach freier macht“. Jahrzehntelang hat die Branche daran gearbeitet, dieses Image aufzubauen. Spießig, aber cool wollten die deutschen Bausparkassen sein. 2005 sagt das kleine Mädchen in der Werbung zu seinem Vater: „Wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden.“ Es ist ein Satz wie ein Versprechen. Ein Versprechen aus einer anderen Zeit.

Denn heute, zehn Jahre später, stecken die Bausparkassen in der Krise. Aus der Not heraus kündigen fast alle Institute ihren Altkunden die Verträge. 200 000 Verbraucher sind bereits betroffen. Und eine Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Glaubt man Experten, werden die Probleme der Bausparkassen in den nächsten Jahren eher noch größer als kleiner.  

Verantwortlich ist dafür die Europäische Zentralbank (EZB), die die Zinsen niedrig hält. Der Leitzins liegt nun schon seit Monaten auf einem Rekordtief von 0,05 Prozent. Die Notenbanker wollen auf diese Weise die Kreditvergabe und damit die Wirtschaft in der Euro-Zone ankurbeln. Die deutschen Bausparkassen bringt diese Politik jedoch immer mehr in Bedrängnis. Die Institute haben den Sparern einst ein Versprechen gegeben – und können es nun nicht mehr halten.

Ein großes Problem: die Sparzinsen

Drei Prozent Zinsen oder mehr haben die Bausparkassen den Kunden für ihr Erspartes vor zehn Jahren zugesagt. Damals war das noch nicht einmal sonderlich viel. „Kunden, denen es rein ums Sparen ging, hätten ihr Geld durchaus rentabler anlegen können“, sagt Max Herbst von der FMH Finanzberatung. Viele Verbraucher haben sich die Bausparverträge vor Jahren aufschwatzen lassen – und sind heute froh darüber. Auf Tagesgeldkonten bekommt man schließlich schon lange keine drei Prozent Zinsen mehr. Aus Sicht der Sparer ist es deshalb mehr als verständlich, dass sie an ihren alten Verträgen festhalten, so lange es geht. Aus Sicht der Bausparkassen ist das dagegen ein großes Problem. Die Institute können sich die hohen Sparzinsen ihrer Altkunden schlichtweg nicht mehr leisten.

Die Welt der Bausparkassen steht Kopf. Obwohl der Immobiliensektor boomt und immer mehr Menschen sich den Traum vom Eigenheim erfüllen wollen, können die Bausparkassen davon nicht profitieren. Weil die Zinsen so rasant gesunken sind, geht ihr Geschäftsmodell nicht mehr auf. Denn das basiert auf einer simplen Rechnung: Die Institute kassieren über ihre Bauspardarlehen höhere Zinsen, als sie ihren Kunden in der Ansparphase als Guthabenzinsen auszahlen. Derzeit funktioniert das aber nicht mehr, weil zu viele Kunden alte, hochverzinste Bausparverträge haben, das teure Darlehen aber nicht in Anspruch nehmen. Schließlich bekommen sie einen Immobilienkredit bei einer Geschäftsbank viel günstiger.

Bausparkassen wollen Altkunden loswerden

Deshalb wollen die Bausparkassen ihre Altkunden nun loswerden. Zuletzt war es die Schwäbisch Hall, die angekündigt hat, 50 000 langjährigen Bausparern die Kündigung zu schicken. Und das Institut ist mit diesem Schritt nicht Vorreiter, sondern Nachahmer. Die Schwäbisch Hall folgt mit den Kündigungen dem Beispiel von BHW, Wüstenrot und den Landesbausparkassen (LBS). Andreas Zehnder, Vorstandsvorsitzender beim Verband der Privaten Bausparkassen, verteidigt dieses Vorgehen. Die Institute kämen angesichts der Niedrigzinspolitik nun mal „um unpopuläre Maßnahmen nicht herum“. Zumal man nicht wisse, wann die Zinsen wieder steigen würden. „Wenn wir sehen, dass wir auf eine Nebelwand zufahren, müssen wir rechtzeitig bremsen“, sagt Zehnder.

Dabei ist nicht abschließend geklärt, ob die Kündigungen der alten Bausparverträge überhaupt rechtens sind. Klar scheint die Sache nur zu sein, wenn die Kunden die anfangs vereinbarte Bausparsumme bereits erreicht haben. Bei vielen Verbrauchern, die nun ein Kündigungsschreiben bekommen, ist das allerdings nicht der Fall. Häufig ist ihr Vertrag lediglich zuteilungsreif: das heißt, die Kunden haben genug angespart, um theoretisch ein Darlehen der Bausparkasse in Anspruch nehmen zu können. Verpflichtet sind sie dazu allerdings nicht. Sie können nämlich auch einfach weitersparen, bis sie die Bausparsumme erreichen (siehe Kasten).

Die Bausparkassen streiten sich nun mit Verbraucherschützern über die Frage, wie man mit Kunden umgehen soll oder darf, deren Verträge bereits seit zehn Jahren zuteilungsreif sind. Dürfen sie weiter von den Sparzinsen profitieren – auch wenn sie augenscheinlich nie vorhaben, das Bauspardarlehen in Anspruch zu nehmen? Oder darf die Bausparkasse sie – wie es in vielen Fällen nun passiert – rausschmeißen?

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