Wirtschaft : Bayer bleibt Berlin treu

Nach der Absage des Bauprojekts in Wedding kündigt der Konzern neue Projekte in der Stadt an

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Bayer beruhigt. Obwohl der Ausbau des Geländes im Wedding gestoppt wird, will der Konzern weiter eine wichtige Rolle in Berlins Gesundheitswirtschaft spielen.Foto: Mike Wolff
Bayer beruhigt. Obwohl der Ausbau des Geländes im Wedding gestoppt wird, will der Konzern weiter eine wichtige Rolle in Berlins...

Berlin - Auch nach dem vorläufigen Aus für den geplanten „Pharma-Campus“ von Bayer im Berliner Ortsteil Wedding zeigen sich Experten überzeugt davon, dass der Konzern weiterhin eine herausragende Rolle in der Gesundheitswirtschaft der Stadt spielen wird. Die Entscheidung des Unternehmens werde auch kaum Auswirkungen auf die gesamte Branche haben, die zu den wichtigsten Zukunftsfeldern der regionalen Wirtschaftspolitik gehört. In eine „kritische Situation“ gerate aber die von anderen Investoren projektierte „Medical City“ an der nahen Heidestraße, sagte Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und Sprecher des Netzwerks „HealthCapital“, am Freitag dem Tagesspiegel.

Am Vortag hatte die Berliner Konzern- Tochter Bayer Health Care Pharmaceuticals mitgeteilt, die im Frühjahr 2010 vorgestellten Planungen zum Ausbau des alten Schering-Sitzes für mindestens zwei Jahre zurückzustellen. Am Nordhafen sollten unter anderem ein neues Hochhaus mit der Hauptverwaltung sowie ein öffentlich zugänglicher Park entstehen. Jetzt aber habe die Einführung von drei viel versprechenden Präparaten Vorrang, heißt es bei Bayer Health Care. Dabei handelt es sich um einen Gerinnungshemmer, ein Mittel gegen eine Augenkrankheit und ein Medikament zur Behandlung von Prostatakrebs. Angesichts von Einbußen durch die Gesundheitsreform könnten die kostspielige Markteinführung und die Neubauten nicht gleichzeitig finanziert werden, argumentiert die Bayer-Tochterfirma.

Akademie-Präsident Stock, Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) und die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin reagierten wortgleich mit der Einschätzung, das Campus-Projekt sei „aufgeschoben, aber nicht aufgehoben“. Darüber hinaus sieht Stock, der früher dem Schering-Vorstand angehörte, Anzeichen dafür, dass Berlin sogar „von den Funktionen her gestärkt wird“: Bayer Health Care plane zum Beispiel, den Bereich der Krebsforschung (Onkologie) in Berlin zu konzentrieren. Außerdem habe sich das Markteinführungsteam für den Gerinnungshemmer Xarelto in der Stadt angesiedelt. Im Vergleich zu solchen positiven Entwicklungen sei es weniger wichtig, ob Berlin „zwei Jahre länger auf Beton warten“ müsse.

Unternehmenssprecherin Annette Wiedenbach bestätigte auf Nachfrage den Beschluss, die „Onkologieforschung in Berlin zu konsolidieren“. Alle Forschungen in diesem Bereich „werden aus Berlin kommen“, ein Teil davon sei ohnehin immer in der Stadt ansässig gewesen. Wie viele Arbeitsplätze dadurch hinzukommen, konnte die Sprecherin allerdings noch nicht sagen. Es gebe bisher auch keinen festen Zeitplan.

Laut Kai Uwe Bindseil, dem von den Landesregierungen beauftragten Clustermanager für die Gesundheitswirtschaft in Berlin und Brandenburg, unternimmt die Bayer-Tochtergesellschaft außerdem „starke Bemühungen“, um die Zusammenarbeit mit mittelständischen Betrieben auszubauen: In wenigen Wochen solle es in Wedding ein Treffen „führender Akteure“ der regionalen Gesundheitsbranche mit dem Vorstand geben, kündigt Clustermanager Bindseil an.

Die IHK bedauerte den Planungsstopp für die Neubauten, zeigte aber Verständnis für die Gründe. Die Kammer habe keine Zweifel daran, dass „Bayer sich weiter am Standort Berlin engagieren wird und auch die Forschung und Ausbildung fortsetzt“, sagte ein Sprecher.

An der südlich des Firmengeländes und nördlich des Berliner Hauptbahnhofs geplanten „,Medical City“ ist Bayer nicht direkt beteiligt. Rund um die Heidestraße will der Investor CA Immo Deutschland – bis Anfang Juli bekannt unter dem alten Namen Vivico – große Brachflächen mit der sogenannten Europacity bebauen. Zum Projekt gehören Wohnungen und Gewerbe. Dabei geht es nicht zuletzt um „medizinnahe Firmen“, die von der Nähe zur Charité und zum Weddinger Bayer-Gelände profitieren sollen. Ein dortiger moderner Campus hätte wie ein „Anker“ fungieren und die Firmenansiedlung an der Heidestraße erleichtern können, sagt Akademie-Präsident Stock. Das Bayer-Projekt „wäre eine Steilvorlage gewesen“, urteilt auch Clustermanager Bindseil. „Aber es kann ja noch kommen.“

Bis zur Vermarktung der künftigen Gewerbebauten an der Heidestraße hat CA Immo Deutschland jedenfalls noch Zeit; bisher läuft nur der Bau der Deutschland-Zentrale des Mineralölkonzerns Total, die 2012 fertig werden soll. Investorensprecher Markus Diekow nimmt an, dass für die Umgebung „vielleicht in einem Jahr das Baurecht vorliegt“. Über einen Campus in Wedding „hätten wir uns gefreut“, die Gesamtentwicklung der Europacity sei davon aber „völlig unabhängig“. Experten wie Kai Uwe Bindseil halten es jedoch für möglich, dass medizinische Nutzungen einen kleineren Teil als bisher geplant ausmachen werden.

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