Berliner Manufakturen : Handarbeit "made in Germany"

Manufakturen sind im Trend, gerade in Berlin. Die Firma Wünsch & Co fertigt Kleinlederwaren in Handarbeit. Und eine Initiative will ein Gütesiegel für deutsche Handarbeit international etablieren.

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Hinterhaus, zweiter Stock rechts: Hier entstehen unter der Aufsicht von Hartmut und Andreas Wünsch feinste Kleinlederwaren. Das Unternehmen wurde 1890 gegründet.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Mike Wolff
03.03.2012 23:10Hinterhaus, zweiter Stock rechts: Hier entstehen unter der Aufsicht von Hartmut und Andreas Wünsch feinste Kleinlederwaren. Das...

Die Geschichte der Familie Wünsch liegt in 54 Schubladen. Sie wird gut behütet. Nur wenn Hartmut Wünsch den dicken Schlüssel im Schloss des Eichenholzschranks dreht, offenbart sie sich. Unten rechts liegen, von einer Staubschicht überzogen, die Zigarrentaschen, mit denen Karl Wünsch 1890 seinen Lederwarenbetrieb in Berlin begründete. Ein paar Schubladen darüber findet sich ein gerademal fünf mal fünf Zentimeter großes – kleines – Hirschlederetui: „Für Briefmarken“, sagt Hartmut Wünsch. „Das braucht heute keiner mehr.“ In die goldenen zwanziger Jahre ging die Firma mit Otto Wünsch an der Spitze. Hinterlassen hat er Variationen eleganter Geldbörsen. Ottos Söhne bauten das Unternehmen zu einem 100-Mann-Betrieb aus. Dann kam der zweite Weltkrieg, an dessen Ende das Lederwarenviertel um die Kreuzberger Ritterstraße in Trümmern lag. Es war die Witwe Ingeborg Wünsch, die die Firma wieder aufbaute. „Meine Mutter.“

Aus dem oberen linken Drittel des Schranks zieht Hartmut Wünsch ein rostbraunes Muster aus feinstem Lammnappa – eine Schmuckschatulle. Seine Spezialität sind Schreibmappen und Stiftetuis. An seiner Seite steht heute sein 31-jähriger Sohn Andreas. Der präsentiert nicht ohne Stolz eine Aktentasche mit Hightech-Verschluss und zugehöriger iPhone-Hülle.

Historisch stellten Manufakturen (von lateinisch „Hand“ und „machen“) das Bindeglied zwischen Handwerk und Industrie dar – die Wiege des „Made in Germany“. Seit einigen Jahren erlebt der Begriff eine Renaissance. Er wird verbunden mit Qualität und Exklusivität meist hochpreisiger Luxusgüter. Mercedes-Benz unterhält die Maybach-Manufaktur, Volkswagen baut den Phaeton in der Gläsernen Manufaktur. Das Einzelhandelsunternehmen Manufactum, das mit dem Slogan „Es gibt sie noch, die guten Dinge“ wirbt, hat deutschlandweit viele Fans. Hersteller von Uhren, Schmuck und Schokolade werben mit „Manufaktur“ im Namen. Dabei sind etliche, die sich zwar so nennen, aber nicht mehr in Handarbeit herstellen. Rechtlich geschützt ist die Bezeichnung nicht. Immerhin 1000 Betriebe in Deutschland können aber aufgrund ihrer Produktionspraktiken mit gutem Recht als Manufaktur bezeichnet werden. Ihr Gesamtumsatz wird auf mehr als zwei Milliarden Euro geschätzt.

Um die Aufmerksamkeit für wirklich handgefertigte deutsche Produkte zu erhöhen, hat sich 2010 die „Initiative Deutsche Manufakturen“ formiert. Sie will das Siegel „handmade in Germany“ international etablieren. „Es gibt ein Bedürfnis der Kunden nach Sicherheit, Orientierung und Identität überall auf der Welt“, sagt Frank Müller, stellvertretender Vorsitzender, der in seiner Laufbahn Marken wie Glashütte Original und die Schweizer Swatch Group führte. Im Verlag „Deutsche Standards“ ist in Zusammenarbeit mit dem Verbund nun der Bildband „Handgemacht“ erschienen, der 75 Manufakturen vorstellt. Weil Konsum mehr sei als bloßer Verbrauch, heißt es im Vorwort.

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