Wirtschaft : Berliner Samsung-Werk vor dem Aus

Der koreanische Konzern will 750 Arbeitsplätze streichen / Betriebsrat: „Das lassen wir uns nicht bieten“

Alexander Visser

Berlin - Der koreanische Elektrokonzern Samsung will sein Berliner Bildröhrenwerk schließen. Davon wären bis Jahresende rund 750 der 800 Mitarbeiter in Oberschöneweide betroffen. Wie ein Sprecher der Samsung-Tochter SDI Germany am Mittwoch sagte, sollen in Berlin lediglich die Forschungs- und Entwicklungsabteilung sowie ein Vertriebs- und Service-Standort erhalten bleiben.

Grund für die Werkschließung ist nach Worten des Chefs der Samsung-Tochter, Dong-Sik Kim, „der stark reduzierte Bedarf an traditionellen Bildröhren in ganz Europa.“ Die Kunden würden fast nur noch LCD-Geräte oder andere Flachbildschirme nachfragen. „Die Internationale Funkausstellung hat es nochmals überdeutlich gezeigt: Der Markt für Fernsehgeräte mit klassischen Bildröhren bricht schlichtweg ein“, sagte Werksleiter Helmut Meinke. Mit dem Betriebsrat werde nun über einen Sozialplan für die Beschäftigten verhandelt.

Für die Belegschaft war die Ankündigung ein Schock. „Wir haben mit Einsparungen nach der Funkausstellung gerechnet“, sagte Wolfgang Kibbel, Betriebsratsvorsitzender des Werks, dem Tagesspiegel. „Aber nicht mit einer so radikalen Maßnahme. Wir werden uns die Werkschließung nicht so einfach bieten lassen.“ Auf einer Betriebsversammlung wurden die Mitarbeiter am Mittwoch über die Pläne informiert. Danach kam es zu einer spontanen Demonstration am Werktor. „Die Kollegen werfen den Managern vor, die Produktion wegen der geringeren Lohnkosten nach Ungarn verlagern zu wollen“, sagte Kibbel. Samsung zufolge ist keine Verlagerung von Kapazitäten in das im Jahr 2000 eröffnete ungarische Werk geplant, da es ohnehin Überkapazitäten gebe.

Nach Angaben des koreanischen Konzerns sinkt die Zahl der herkömmlichen TV-Geräte seit Jahren. Der Verkauf von Bildröhren-Geräten in Europa werde von rund 42 Millionen im Jahr 2000 in diesem Jahr auf 36 Millionen sinken. Zugleich steigt der Absatz der Flachbildschirme: Nach knapp vier Millionen im Jahr 2004 rechnet Samsung mit einem Verkauf von europaweit 8,7 Millionen Stück in diesem Jahr.

Samsung SDI Germany ist eine Tochtergesellschaft von Samsung SDI, die weltweit Bildschirmtechnologie produziert. Wichtigste Tochterfirma des Samsung-Konzerns in Deutschland ist die Samsung Electronics GmbH Deutschland im hessischen Schwalbach, die seit Jahren wachsende Umsätze verzeichnet. Im Jahr 2004 wuchs der Umsatz um 20 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro.

„Wir können nicht akzeptieren, dass ein Weltkonzern wie Samsung einfach ein Werk mit 800 Mitarbeitern dichtmacht“, sagte Betriebsratschef Kibbel. „Wir werden uns dafür einsetzen, dass ein anderer Produktionszweig nach Berlin kommt.“ Aus Sicht des Konzerns ist das keine Alternative: „Sie können ein Bildröhrenwerk nicht einfach auf PlasmaBildschirme umstellen. Dafür brauchte man ein komplett neues Werk“, sagte ein Sprecher. Die IG Metall kritisierte, dass Samsung für die Bildröhrenfertigung in Berlin „Fördermittel in Millionenhöhe“ in Anspruch genommen habe: „AlsDank dafür soll jetzt den Beschäftigten die Existenzgrundlage geraubt werden.“

Das Samsung-Werk entstand 1993 nach der Übernahme der WF – Werk für Fernsehelektronik GmbH. Mit dem Aus fällt in Oberschöneweide der letzte große Arbeitgeber des Industriestandortes weg. Vor dem Ersten Weltkrieg war hier die AEG zu einem der führenden Elektrokonzerne Europas herangewachsen. Auch zu DDR-Zeiten war Oberschöneweide Industriegebiet mit Betrieben wie dem Transformatorenwerk und den Kabelwerken Oberspree.

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