Berliner Wirtschaft : Die Hauptstadt arrangiert sich mit der Air-Berlin-Pleite

Die Verantwortlichen in der Berliner Wirtschaft sehen kaum Gefahren für ihre Stadt durch die Insolvenz von Air Berlin. Sie setzen auf andere Airlines.

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Ein leerer Schalter von Air Berlin in Düsseldorf
Ein leerer Schalter von Air Berlin in DüsseldorfFoto: AFP/Patrik Stollarz

Gefährdet die Pleite von Air Berlin die Berliner Wirtschaft? Immerhin haben sich die Fluggastzahlen an den beiden Berliner Flughäfen von 2005 bis 2016 auf 33 Millionen Passagiere fast verdoppelt. Die Insolvenz der zweitgrößten Fluggesellschaft wird diesen Aufstieg aber nicht stoppen, glaubt man bei der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK). Dort ist man sicher, dass andere Airlines die Strecken übernehmen und bedienen werden. „Es fallen keine Flugverbindungen weg“, sagt IHK-Präsidentin Beatrice Kramm.

Insider vermuten, dass die starke Unterstützung des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller für einen Einstieg der Lufthansa bei Air Berlin auch mit Zusagen dieser Airline bezüglich der Langstreckenverbindungen zusammenhängt. Demzufolge könnte Lufthansa ihre Bereitschaft erklärt haben, die bisherigen Nordamerikaflüge der Air Berlin fortzuführen. Der Einwand, Lufthansa habe solche Verbindungen bereits früher angeboten und nach kurzer Zeit wegen fehlender Businessclass-Passagiere wieder eingestellt, werden mit dem Hinweis auf die geänderte wirtschaftliche Situation Berlins entkräftet. Inzwischen gebe es einen nennenswerten Kreis aus Wirtschaft und Wissenschaft, der Direktflüge in die USA geschäftlich nutzen und auch entsprechend honorieren könne, heißt es.

Opposition wirft Müller zu wenig Engagement vor

Die Opposition wirft Müller vor, er habe sich zu wenig für Air Berlin eingesetzt. IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder hält diese Kritik für unberechtigt. „Der Staat soll nicht einspringen, wenn ein privates Unternehmen in die Insolvenz geht“, meint Eder. Bestenfalls über eine soziale Flankierung des Arbeitsplatzabbaus könne man nachdenken. Unter den Beschäftigten der Pleite-Airline formiert sich massiver Widerstand dagegen, unter Gehaltseinbußen zur Lufthansa-Tochter Eurowings zu gehen. In einem offenen Brief des Kabinen-Betriebsrats an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD), der dem „Spiegel“ vorliegt, werfen die Arbeitnehmervertreter der Regierung vor, „im Zuge einer Aufspaltung der Air Berlin einseitig deutsche Wirtschaftsinteressen“ zu vertreten und die „soziale Schutzwürdigkeit“ der Angestellten zu vernachlässigen. Lufthansa sucht derzeit in Stellenausschreibungen Personal – zu schlechteren Bedingungen.

Nachteile drohen auch den Kunden. Am Freitag meldete auch das Vielfliegerprogramm „Topbonus“ Insolvenz an. Air Berlin hatte die Mehrheit daran 2012 für 200 Millionen Euro an Etihad verkauft. „Topbonus“ hat 4,3 Millionen Kunden. Diese können das Programm derzeit nicht nutzen. Außer in einem Fall: Das Berliner Restaurant „India Club“ in Mitte akzeptiert 10.000 Meilen als Bezahlung für ein Abendessen.

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