Berliner Wirtschaft : Mit Luxus aus der Krise

Der Hertie-Konzern meldet Konkurs an – andere Warenhäuser haben sich mit neuen Konzepten gerettet

Cay Dobberke

Bislang steht nicht fest, ob die Insolvenz der Kaufhauskette Hertie wirklich das Aus bedeutet – denn die Geschäftsführung hofft, das Unternehmen umbauen zu können und „die Ertragswende zu schaffen“. Andernfalls wäre nicht nur das Schicksal von drei kleinen Kaufhäusern in Moabit, Schöneberg und Tegel sowie 69 weiterer Filialen in anderen Städten besiegelt. Zu verschwinden droht auch einer der berühmtesten Namen der Berliner Handelsgeschichte: „Hermann Tietz“ alias Hertie zählte zu den Begründern der Warenhaus-Kultur. Trotzdem ist die Pleite kein Zeichen für einen allgemeinen Niedergang der Kaufhäuser. „Die großen sind mit Sicherheit weiter konkurrenzfähig, nur die kleinen haben es schwer“, sagt der Handelsexperte der IHK Berlin, Jan Pörksen.

Tatsächlich sieht Karstadt seine Häuser in der Stadt wieder im Aufwind. Seit 2007 wird zum Beispiel Karstadt Steglitz an der Schloßstraße modernisiert. Im Frühjahr 2009 soll das Haus neu eröffnen und in die Spitzengruppe des Konzerns aufrücken. Zur „Karstadt Premium Group“ gehören bereits das KaDeWe und Wertheim am Kurfürstendamm. Das bundesweite Flaggschiff des Mitbewerbers Kaufhof ist die Galeria Kaufhof am Alexanderplatz. Beide Ketten setzen verstärkt auf ein gehobenes Sortiment, um sich von Einkaufszentren abzugrenzen.

Als wichtiges Mittel im Konkurrenzkampf gilt auch das Shop-in-Shop-Konzept mit eigenen Verkaufsflächen von Markenanbietern. Im 2004 eröffneten „Luxusboulevard“ des KaDeWe etwa präsentieren sich internationale Anbieter wie Chanel, Dior und Gucci. Und KaDeWe-Chef Patrice Wagner will den Shop-in-Shop-Anteil weiter erhöhen.

Außerdem ersetzen immer mehr Warenhäuser ihre herkömmlichen Abteilungen durch sogenannte Themenwelten, die den Einkauf zum Erlebnis machen sollen und zueinander passende Waren unter wechselnden Titeln wie „Exotik“ oder „Lifestyle“ präsentieren.

Berlins Kaufhäuser haben gemeinsame Wurzeln oder rückten im Laufe der Zeit durch Firmenübernahmen zusammen. Die Geschichte von Hertie und Kaufhof begann in Birnbaum an der Warthe in der preußischen Provinz Posen; heute liegt die Kleinstadt in Polen und heißt Miedzychód. Dort lebte die jüdische Familie Tietz, der mehrere „Warenhauskönige“ entstammen. Hermann Tietz fungierte als Geld- und Namensgeber riesiger Warenhäuser mit spektakulärer Architektur, bei denen die Bezeichnung Konsumtempel durchaus angemessen schien.

Wenig bekannt ist, dass die treibende Kraft sein Neffe Oscar Tietz war. Das Kaufhauskonzept erprobte er erstmals in einem Textilladen in Gera mit dem Onkel als Teilhaber. Die Neuerungen beschreibt Nils BuschPetersen, der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, in seiner Oscar-Tietz-Biographie: „In der Hoffnung auf einen schnellen Warenumschlag wurden die Preise extrem knapp kalkuliert. Kunden konnten nach Herzenslust stöbern, auch ohne einzukaufen.“ Und: „Es gab keine zeit- und nervenraubenden Feilschereien mehr.“ Alles musste bar bezahlt werden, das übliche „Anschreiben“ entfiel.

Tietz verhalf heute alltäglichem Obst und Gemüse zum Durchbruch: Zuerst wurde ein Warenhaus in München waggonweise mit Orangen beliefert und brachte diese für ein Zehntel des üblichen Preises auf den Markt. Nach demselben Muster verkauften später die Berliner Filialen massenweise Tomaten.

Hier eröffnete Tietz sein erstes Warenhaus 1900 an der Leipziger Straße – nahe dem 1894 entstandenen Wertheim-Warenhaus, das damals das größte in Europa war. Tietz setzte auf eine Stahl- und Glasfassade nach amerikanischem Vorbild und opulente Innenarchitektur. Es gab ein Restaurant, ein Eiscafé und einen eigenen Fuhrpark. 1901 erfand Tietz die „Weißen Wochen“: Im sonst umsatzschwachen Februar brachte man vor allem Stoffe und Textilien mit Rabatten und viel Werbung unters Volk. Für diverse Waren entstand die Handelsmarke Hertie. Bis 1905 gründete Tietz weitere Häuser am Belle-Alliance-Platz, Alexanderplatz und an der Frankfurter Allee. Sein Bruder Leonhard führte Kaufhäuser in anderen Städten, aus denen später die Kaufhof-Gruppe hervorging.

Das KaDeWe war 1907 von Adolf Jandorf gegründet worden, doch 1926 übernahmen es die Erben des drei Jahre zuvor verstorbenen Oscar Tietz. Das Ende der Kaufhausdynastie kam mit der Nazizeit, als die jüdische Familie enteignet und die Firma Hermann Tietz in Hertie umbenannt wurde.

Nach dem Krieg erwarb Hertie mit Wertheim ein weiteres traditionsreiches Kaufhausunternehmen. 1993 wurde Hertie seinerseits von Karstadt übernommen. Karstadt benannte fast alle Filialen um, trennte sich 2005 jedoch von bundesweit 73 kleineren Standorten.

Die britischen Käufer belebten den Namen Hertie neu. Branchenkenner bezweifelten schon damals, dass sich die kleinen Häuser mit begrenztem Sortiment gegen Filialketten und Center behaupten können. Zur Pleite führte aber nicht zuletzt auch der Umstand, dass der Mehrheitseigentümer Dawnay Day durch Immobiliengeschäfte selbst in Finanznöte geraten ist. Ob und wie es mit den drei Hertie-Häusern in Berlin weitergeht, weiß niemand. Mit den berühmten alten Einkaufspalästen haben die Filialen jedenfalls nur noch den Namen gemein.

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