Bio-Kunststoffe : Die Tüten-Lüge

Viele Einkaufsmärkte werben mit kompostierbaren Plastikbeuteln. Doch die landen oft in der Müllverbrennung. Werden die Verbraucher getäuscht?

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Nicht für die Tonne. Aldi Süd führte Biotüten im Jahr 2009 ein.
Nicht für die Tonne. Aldi Süd führte Biotüten im Jahr 2009 ein.Foto: picture-alliance/dpa/dpaweb

Bis zu 400 Jahre kann eine normale, weggeworfene Plastiktüte vor sich hingammeln, bis sie wieder von der Erde verschwindet. Abbaubare Biotüten dagegen zersetzen sich bereits innerhalb von sechs Wochen – wenn die Bedingungen stimmen. Doch hier hakt es noch, oft landen die Tüten am Ende trotzdem in der Müllverbrennungsanlage.

„Dreist“ nennt es darum die Deutsche Umwelthilfe, dass Unternehmen wie Aldi mit Biotüten werben. „Auf den Tüten steht, sie seien 100 Prozent kompostierbar. Wenn sie dann nicht abgebaut werden, ist das eine Verbrauchertäuschung“, sagt Maria Elander, Leiterin Kreislaufwirtschaft bei der Umwelthilfe.

2008 führte die Rewe-Gruppe die abbaubaren Plastiktüten ein, Aldi Süd zog 2009 nach. Mittlerweile bieten immer mehr Unternehmen die Biovariante an, die etwas teurer ist als die herkömmlichen Tragetaschen . Optisch lassen sich die beiden kaum voneinander unterscheiden – oft prangen allerdings Aufdrucke darauf, die dem Kunden sagen, dass er eine umweltfreundliche Version in den Händen hält.

Die Deutsche Umwelthilfe sieht hierin eine gezielte Irreführung, denn Kompostierbetriebe klagen über die Biotüten. „Die machen uns große Schwierigkeiten, weil ihr Abbau länger dauert als die Zeit, in der wir unseren Kompost produzieren“, sagt Herbert Probst vom Verband der Humus- und Erdenwirtschaft Nord. Sechs bis acht Wochen dauere die Produktion, die Plastiktüten bräuchten in der Regel aber zwölf Wochen, um sich vollständig zu zersetzen. Denn nicht im gesamten Komposthaufen herrschen die optimale Wärme und Feuchte für einen schnelleren Abbau.

Das Problem: Die übrig gebliebenen und ausgesiebten Schnipsel lassen sich nicht mehr von normalem Plastik unterscheiden. Weil sich die eine Kunststoffsorte nicht zersetzt und die andere wiederverwertet wird, landen beide in der Verbrennungsanlage. „Ich sehe keinen Nutzen in diesen Tüten“, sagt Probst. „Man sollte den Müll lieber in Papier wickeln.“

Sich ganz von den abbaubaren Tragetaschen abzuwenden ist allerdings nicht nötig. Die Industrie kennt das Zeitproblem – und arbeitet daran. „In zwei Jahren sind wir so weit, dass die Tüten in drei Wochen abgebaut sind“, sagt Jens Boggel von der Victor Güthoff & Partner GmbH, die zu den größten Herstellern in Deutschland gehört. 30 bis 40 Millionen abbaubare Tüten produzieren sie im Jahr mit von BASF entwickelten Biokunststoffen, die auf Maisstärke basieren. Rewe, die Aldi-Gruppe und Toom gehören zu den Abnehmern. In absehbarer Zukunft werde es auch Rohstoffe geben, die sich bei kälteren Temperaturen wie in Wasser auflösen könnten, sagt Boggel.

Die Kritik der Deutschen Umwelthilfe nennt er ungerechtfertigt. „Unterm Strich funktioniert es“, sagt Boggel. Zudem gebe es Kompostwerke, die die Tüten durch andere Verfahren bereits jetzt restlos kompostieren könnten.

„Wir geben eine Zeitspanne an, in der die Tüten tatsächlich kompostierbar sind“, sagt Kristy-Barbara Lange vom Branchenverband European Bioplastics. „Das ist keine Verbrauchertäuschung.“ Die Biokunststoffbranche und die Abfallwirtschaft müssten sich nur noch stärker aufeinander zu bewegen. „Die Rottezeiten werden immer kürzer, da müssen die Tüten jetzt nachziehen.“

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