Börsensegment für Start-ups : Die Rückkehr des Neuen Markts

Deutschen Start-ups fehlen in der entscheidenden Wachstumsphase oft die großen Geldgeber. Ein neues Börsensegment soll das ändern.

Simon Frost
Richtungsentscheid. In den USA entscheiden sich mehr Unternehmen für einen Börsengang als hierzulande. Das hat mit den Rahmenbedingungen zu tun.
Richtungsentscheid. In den USA entscheiden sich mehr Unternehmen für einen Börsengang als hierzulande. Das hat mit den...Foto: dpa

Sigmar Gabriel findet deutliche Worte. „In der Wachstumsphase ist Deutschland sehr schwach“, analysiert der Wirtschaftsminister. Während hierzulande im abgelaufenen Jahr 674 Millionen Euro Risikokapital in Unternehmen geflossen seien, seien es in den USA 32 Mal so viel. „Das ist nicht folgenlos.“ Seine Zuhörer wissen, wovon der Minister redet. Sie sind selbst Unternehmensgründer, Banker oder private Kapitalgeber und trafen sich am Dienstag in Berlin, um über bessere Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups zu diskutieren.

Das Problem: Viele der jungen technologielastigen Unternehmen, die derzeit in Berlin, Hamburg, München und anderen deutschen Großstädten entstehen, finden nur mit Mühe Geldgeber, die sie nach der Anlaufphase mit frischem Kapital ausstatten. „Bei zwei Millionen Euro ist meist Schluss“, sagt Stephan Schambach. „Wer zehn oder 20 Millionen braucht, findet die in Deutschland nicht“, sagt der Manager, der in den 1990er Jahren durch die Gründung des Softwareunternehmens Intershop weltweit bekannt wurde. Erfolgsgeschichten wie Facebook, Google oder Apple seien bei der hiesigen Finanzierungskultur nicht denkbar.

Gemeinsam mit dem Bundesverband Deutsche Startups wirbt der Unternehmer seit geraumer Zeit nicht nur für Steuererleichterung für Investoren, sondern auch für einen neuen Neuen Markt. Ein Börsensegment, über das sich Gründer frisches Kapital für die Wachstumsphase beschaffen könnten, indem sie einen Teil ihres Unternehmens aufs Parkett bringen.

Gabriel will alle Beteiligten an einen Tisch holen

Schambach kennt sich aus, zählte zu den gefeierten Wunderkindern des Neuen Marktes an der Frankfurter Börse, bis die Dotcomblase Anfang des Jahrtausends platzte und der Aktienkurs ins Bodenlose fiel. Seit 2012 ist er mit seinem Softwareanbieter Demandware an der Börse in New York. Ein Debakel wie einst beim Neuen Markt sollen nach dem Willen der Unternehmer schärfere Regeln verhindern.

Wer bei der Debatte um das angedachte Segment an den Neuen Markt denke, kenne zudem die aktuelle Generation der Start-ups nicht, sagt Florian Nöll, Vorsitzender des Start-up-Verbands. Geld gebe es heutzutage ohnehin nur noch für Ideen, die tatsächlich funktionierten. Dementsprechend werde ein neues Börsensegment auch nachhaltige Exits – also Ausstiege – für die Unternehmer schaffen. Im Visier hat der Verband dabei nicht Privatanleger, sondern vor allem institutionelle Anleger aus dem In- und Ausland.

Inzwischen hat sich in der deutschen Politik die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein solches neues Börsensegment, zugeschnitten auf die Start-ups, sinnvoll sein könnte. So haben sich SPD und Union im Koalitionsvertrag darauf geeinigt, einen „Markt 2.0“ zu prüfen. Noch sei keine Entscheidung gefallen, betont Sozialdemokrat Gabriel. Aber: Sieben Börsengänge im vergangenen Jahr seien eine ernüchternde Bilanz. Die Deutsche Börse sei dazu aufgerufen, aktiv zu werden. Im Spätsommer will der Minister alle Beteiligten an einen Runden Tisch bitten.

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