Bombardier vor dem Umbau : Zug-Hersteller auf dem Rangiergleis

Der Bombardier-Aufsichtsrat entscheidet über die Zukunft der deutschen Standorte des Schienenfahrzeug-Herstellers. In Hennigsdorf fürchtet man um viele Jobs.

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Gespannte Erwartung. Bombardier beschäftigt in Deutschland 8500 Mitarbeiter an sieben Standorten. Das größte Werk in Henningsdorf bei Berlin zählt 2400 Beschäftigte – viele bangen schon seit Monaten um ihren Job.
Gespannte Erwartung. Bombardier beschäftigt in Deutschland 8500 Mitarbeiter an sieben Standorten. Das größte Werk in Henningsdorf...Foto: Patrick Pleul/dpa

Spannung und Unruhe bei Bombardier: Der Aufsichtsrat des Schienenfahrzeugherstellers will an diesem Donnerstag in Hennigsdorf bei Berlin über den Umbau und die Zukunft des Unternehmens entscheiden – und womöglich über den Abbau tausender Arbeitsplätze. 8500 Mitarbeiter zählt Bombardier Transportation in Deutschland, rund 3000 davon in der Hauptstadtregion. Spekuliert wird, dass bis zu 2500 aller Jobs in Deutschland verloren gehen könnten.

Die Verhandlungen dauern schon Monate, immer wieder war das Thema auf der Tagesordnung des Aufsichtsrats, entschieden wurde aber nichts. Entsprechend groß ist die Unsicherheit in der Belegschaft. Geschäftsführung und Arbeitnehmervertreter haben zwar vereinbart, Lösungen für den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen zu suchen. Doch ein Kompromiss war bislang nicht in Sicht, weil offen war, wie sich der Zugbauer insgesamt aufstellt. Es geht um die Spezialisierung in Entwicklungs- und Produktionszentren an weltweit 61 Standorten in 26 Ländern, sieben davon hierzulande. Von weltweit rund 40 000 Stellen will Bombardier 5000 streichen.

Trotz voller Auftragsbücher bleibt der kanadische Konzern in Deutschland mit seiner Bahnsparte hinter den eigenen Erwartungen zurück, die Struktur ist ineffizient, der Wettbewerb mit Anbietern aus dem Ausland hart. Auch über eine Fusion der Bahngeschäfte von Bombardier und Siemens wird seit Längerem spekuliert.

Hennigsdorf könnte zum reinen Engineering-Standort werden

„Im Kern geht es um die Frage, ob die Wertschöpfungskette im Schienenfahrzeugbau in Deutschland erhalten bleibt oder ob Produktion ins Ausland verlagert wird“, sagte ein Aufsichtsratsmitglied dem Tagesspiegel. Gemeinsam mit externen Beratern habe man in den vergangenen Wochen immerhin Eckpunkte einer Zukunftslösung erarbeitet.

„Man ist aufeinander zugegangen – aber noch immer weit voneinander entfernt“, beschrieb Heiko Engelmann, Betriebsratschef im Werk Hennigsdorf, am Mittwoch die Ausgangslage. Vor allem die Zukunft des Werks nördlich von Berlin, wo seit mehr als 100 Jahren Züge gebaut werden, ist ungewiss. Schon länger steht der Vorschlag von Bombardier- Deutschland-Chef Michael Fohrer im Raum, die Produktion 2019 abzuziehen, um Hennigsdorf zu einem Engineering- Standort zu machen, wo nur noch Prototypen und Testfahrzeuge hergestellt werden. Das würde die verbleibenden Jobs aber nicht sicherer machen. „Ingenieurleistungen kann man besonders leicht ins Ausland verlagern“, fürchten Arbeitnehmervertreter. Die Serienfertigung würde von Hennigsdorf nach Bautzen gehen, Görlitz würde sich auf Aluminium-Wagenkästen spezialisieren. Der Görlitzer Betriebsrat warnte vor einem „Tod auf Raten“ für das Werk mit 1900 Mitarbeitern.

Mit 2400 Beschäftigten ist Hennigsdorf noch der größte von sieben deutschen Bombardier-Standorten. Aktuell wird hier etwa ein Drittel des neuen ICE 4 für die Deutsche Bahn produziert (Konsortialführer ist Siemens), S-Bahnen für Hamburg, Regionalzüge für Baden-Württemberg und die neue Generation der Talent- Züge. „Wir haben in diesem und im kommenden Jahr eine Auslastung, die mit der Mannschaft kaum zu bewältigen ist“, sagt Betriebsrat Engelmann. Noch dieses Jahr sollen zusätzliche Leiharbeiter eingestellt werden. „Es gibt kein Personalproblem“, heißt es dazu im Aufsichtsrat.

Hennigsdorfer sind wütend über Grundsteinlegung in Bautzen

Neben Hennigsdorf gehören Görlitz und Bautzen (1000 Mitarbeiter) zu den wichtigen ostdeutschen Standorten. Um die Struktur dieser drei Werke dreht sich der schwierigste Teil des Verhandlungsmarathons. Und es gibt traditionell Konkurrenz untereinander, die der Konzern jüngst noch anheizte. Im sächsischen Bautzen will Bombardier in den kommenden zwei Jahren 20 Millionen Euro investieren. Erst vor zwei Wochen legte dort Deutschland-Chef Fohrer zusammen mit Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) den Grundstein für eine neue Endmontagehalle. Fohrer sieht Bautzen als „Taktgeber für die digitale Produktion im Unternehmen“. Der Standort soll ein Kompetenzzentrum für die Serienfertigung von S- und U-Bahnen sowie Regional- und Fernverkehrszügen werden.

Mit „Unverständnis und Wut“ habe die Belegschaft in Hennigsdorf auf die Grundsteinlegung ausgerechnet in diesen Tagen reagiert, berichtet Betriebsrat Engelmann. Auch die Anwesenheit von Zypries irritierte die Beschäftigten. „Sie sollte eigentlich vermitteln“, heißt es. Zypries’ Amtsvorgänger Sigmar Gabriel (SPD) hatte die Beteiligten Anfang des Jahres zu einem Spitzengespräch eingeladen – allerdings ohne Erfolg.

„Es sind noch viele Fragen offen und es wird bis zur letzten Minute verhandelt“, ließ Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) einer Sprecherin der dpa ausrichten. Wie viel vom Konzept des Managements übrig bleibt, wird sich an diesem Donnerstag zeigen, am Nachmittag will der Konzern die Öffentlichkeit informieren. Erst im vergangenen Jahr waren bei Bombardier 1430 Arbeitsplätze in Deutschland weggefallen, darunter viele Jobs von Leiharbeitern.

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