Chef der Desertec-Initiative Dii: : „Ich fühlte mich wie der Präsident einer Bananenrepublik“

Paul van Son, Desertec-Initiative Dii, berichtet über sein turbulentes Jahr mit dem Wüstenstromprojekt, den Putsch-Versuch einiger Mitarbeiter, den Fracking-Boom in den USA und einen möglichen Börsengang.

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Der Niederländer Paul van Son leitet die Desertec-Initiative Dii seit deren Gründung im Jahr 2009.
Der Niederländer Paul van Son leitet die Desertec-Initiative Dii seit deren Gründung im Jahr 2009.Foto: dpa / picture alliance

Berlin - Für Paul van Son war es das bisher turbulenteste Jahr an der Spitze der im Oktober 2009 gegründeten Desertec Industrial Initiative (Dii). „Das hat mich richtig herausgefordert“, sagt der Niederländer, als man ihn fragt, wie er jene Wochen im Sommer erlebt hat, in denen es fast so aussah, als würde seinen Job verlieren und damit die Wüstenstrom-Idee ihr prominentestes Gesicht. Desertec entlarvt als Fata Morgana, als PR-Aktion der großen Konzerne, tönten einige Kritiker und Skeptiker. Im Juni hatte es einen Putschversuch gegeben in der Münchner Geschäftsstelle der Dii. Dort arbeiten rund 30 Experten daran, konkreten Projekten zur Grünstromerzeugung im Nahen Osten und Nordafrika den Weg zu bereiten. Doch daran war zwischenzeitlich kaum zu denken, da van Sons Ko-Geschäftsführerin, die 38-jährige promovierte Betriebswirtin Aglaia Wieland, sich nach längeren Querelen endgültig mit dem 60-jährigen van Son überwarf.

Da tauchte plötzlich ein von elf Mitarbeitern unterzeichneter Brief an die damals noch 20 Gesellschafterkonzerne auf, in der diese Wieland „von ganzem Herzen“ ihr Vertrauen aussprachen – was einem Misstrauensvotum gegen van Son gleichkam. Van Son konterte in einem Brief an die Konzernvertreter, es sei seit dem letzten Gesellschaftertreffen „fast unmöglich“ geworden, Entscheidungen zu treffen. Das Prinzip Augenhöhe „funktioniert einfach nicht“. Er drängte auf eine schnelle Änderung des Führungsmodells. Man möge ihm allein die Entscheidungsgewalt übertragen.

„Ich fühlte mich wie der Präsident einer Bananenrepublik“, lacht van Son heute. Er spricht von „Turbulenzen, die aus irgendwelchen Ecken aufgebauscht worden sind“. Das habe ihn überrascht. Aber dann „war es schnell erledigt“ als er den Gesellschaftern gesagt habe: „So kann ich nicht arbeiten“. Am Ende beschlossen die Konzerne wie Deutsche Bank, Munich Re, Eon, Unicredit und ABB tatsächlich: Wieland muss gehen.

„Viele der jungen Leute wussten gar nicht, was da passiert“. Und wie denkt van Son heute über Aglaia Wieland, die zum Star eines der größten Industrieprojekte hätte aufsteigen können? Van Son vermeidet jedes Wort, das wie Nachtreten klingen könnte. „Was jetzt wichtig ist, sind Frieden und Zusammenhalt.“

Die Arbeit geht weiter. Und die findet derzeit noch mehr als Lobbyist in Berlin und Brüssel als etwa im marokkanischen Ouarzazate statt, wo gerade ein solarthermisches Großkraftwerk entstanden ist, bei dem die Dii beratend zur Seite stand. Van Son zieht ein Blatt mit Zitaten aus dem Berliner Koalitionsvertrag aus seiner Mappe. „Die für uns wichtigen Dinge stehen drin.“ So sprechen Union und SPD den Nachbarländern an der südlichen und östlichen Küste des Mittelmeeres eine „strategische Bedeutung“ zu. Auf dieser Region solle ein „besonderer Schwerpunkt der Entwicklungspolitik liegen“. Auch wichtig für die Dii: Der europäische Strommarkt müsse „verstärkt in den Blick genommen werden“, wie es die Fast-Koalitionäre festgehalten haben.

Aus diesen Sätzen leitet van Son die dringend benötigte Unterstützung für seine Wüstenstrom-Initiative ab. Denn: „Die europäischen Vergütungssysteme sind derzeit nicht darauf ausgelegt, den Energiemix grüner zu machen“, stellt er fest. Geschweige denn, in den Wüsten erzeugten Strom zu finanzieren.

Als eines der größten Probleme für Sonnen- und Windstromprojekte in der Wüste gilt Obamas Energiewende, wie der Schiefergasboom in den USA mitunter genannt wird. Das in den US-Staaten durch Fracking gewonnene Gas ist so billig, dass es wie gewünscht die schmutzigen Kohlekraftwerke substituiert, also den Klimabilanzen der Länder hilft, zugleich aber in aller Welt die Nachfrage nach regenerativen Energien dämpft.

„Das ist für uns nicht relevant“, sagt van Son. „Ich habe in den vergangenen 40 Jahren schon öfter gesehen, wie irgendwo große Mengen Gas oder Öl gefunden worden sind, die alles auf den Kopf stellen sollten. Aber dann ist plötzlich Schluss, die Quelle tot“. Das könne bei Sonne und Wind nicht passieren. Die beste Technologie werde sich langfristig durchsetzen. Zudem würde man auch irgendwann die von der Internationalen Energieagentur IEA errechnete Zahl ernst nehmen, wonach die Staaten der Welt fossile Rohstoffe und Kernkraft mit 535 Milliarden Dollar im Jahr subventionierten. Sechs Milliarden zahle allein das bettelarme, aber sonnige Ägypten.

Äußerlich unbeeindruckt gibt sich van Son von dem Umstand, dass die deutschen Industriegrößen Bosch und Siemens aus dem Gesellschafterkreis der Dii ausgestiegen sind. Dafür klopfen andere an die Tür: Die State Grid Corporation of China zum Beispiel, die 1,5 Millionen Mitarbeiter beschäftigt. Für van Son sind die Verhandlungen „auf einem gutem Weg“.

Auch im nun angebrochenen fünften Jahr ihrer Gründung ist die Desertec-Initiative also stärker in Bewegung, als manchem behäbigen Konzernvertreter lieb sein dürfte: Kommen und Gehen in der Geschäftsstelle und im Unterstützerkreis. Van Son stört das augenscheinlich nicht. Intern diskutiert man auch über Geschäftsmodell und Rechtsform. Wie kann die Dii selbst Einnahmen erzielen, um nicht allein auf die Beiträge der Mitglieder angewiesen zu sein? Die Dii könnte doch an die Börse gehen. Diese Idee hält er für „charmant“, die Zeit dafür aber „noch nicht reif“. Kevin P. Hoffmann

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