• Chefin mit Kind Jedes dritte Unternehmen in Berlin wird von einer Frau gegründet. Vor allem Mütter nutzen immer häufiger die Chance,

Wirtschaft : Chefin mit Kind Jedes dritte Unternehmen in Berlin wird von einer Frau gegründet. Vor allem Mütter nutzen immer häufiger die Chance,

als Selbstständige ihre Arbeit frei zu gestalten. Zwei Erfahrungsberichte.

Larissa Koch
Ausgezeichnet. Gabi Grützner (Mitte) leitet Micro Resist Technology. Sie wurde Unternehmerin des Jahres 2006 und nahm den Preis mit ihren Kindern (v.l.) Christiane, Susanne, Jens und Juliane entgegen. Foto: Privat
Ausgezeichnet. Gabi Grützner (Mitte) leitet Micro Resist Technology. Sie wurde Unternehmerin des Jahres 2006 und nahm den Preis...

Bis zur Wende hat die Chemikerin Gabi Grützner im Werk für Fernseh-Elektronik in Köpenick gearbeitet. Dann ging der Betrieb pleite. „Mit vier Kindern kriegst Du nie wieder einen Job“, musste sie sich immer wieder anhören.

Lange nach Arbeit gesucht hat sie dann aber nicht. Die Entwicklungsingenieurin gründete stattdessen 1993 eine Firma für Halbleiterprodukte, die Micro Resist Technology in Köpenick. Es lief gut. Heute beschäftigt sie 48 Mitarbeiter.

„Die ersten Jahre habe ich nur fünf Stunden die Nacht geschlafen“, erinnert sich die 54-jährige Geschäftsführerin. Damals waren ihre Zwillinge sieben Jahre alt, die beiden älteren Kinder zehn und zwölf. Für die Familie blieb kaum Zeit.

Dennoch hat die junge Chefin darauf geachtet, bestimmte Rituale einzuhalten. Sie hat versucht, es immer einzurichten, mit der Familie zu frühstücken und zu Abend zu essen. Ihr Mann fing frühmorgens an zu arbeiten und konnte sich nachmittags um die Kinder kümmern. „Es ist für die Familie schon eine Belastung, wenn die Zeit zusammen so knapp ist“, sagt Grützner. Dazu kam die Verantwortung im Unternehmen. „Der ewige Druck, dass die Aufträge fertig werden müssen, die Gehälter fließen und am Monatsende alles erledigt sein muss – das hat mich manchmal ganz schön mürbe gemacht“, sagt sie.

Gabi Grützner ist der Inbegriff einer „Mompreneur“, einer Mutter, die ein Unternehmen gründet und die Chefin- und Muttersein unter einen Hut bekommt. Der Begriff beschreibt einen Trend, sagt Katja von der Bey, Geschäftsführerin des Berliner Gründerinnenzentrums Weiberwirtschaft. „Ich erlebe es immer häufiger, dass Mütter gerade in Phasen, in denen das zweite oder dritte Kind unterwegs ist, die Selbstständigkeit wagen.“

Was wie eine Entscheidung zur Unzeit klingt, ist von den Frauen gut begründet, erklärt von der Bey: Fehlendes Verständnis der Vorgesetzten und starre Arbeitszeitmodelle seien oft der Auslöser dafür, dass Mütter Unternehmerinnen werden. Offensichtlich ist es viel einfacher, Beruf und Familie zu vereinbaren, wenn man selbstständig ist, so ihre Beobachtung. Die Vorteile, Chefin im eigenen Unternehmen zu sein, haben auch für Grützner überwogen: „Ich habe selbst die Geschicke in der Hand. Ich allein entscheide, ob ich zum Beispiel meine Kinder auf eine Dienstreise in die USA mitnehme.“

Sabine Daniel, Referentin bei der Senatsverwaltung für Arbeit und Frauen, hat die Erfahrung gemacht, dass Arbeitgeber Mütter nach der Babypause vor die Entscheidung stellen, entweder als Vollzeitkraft – oder gar nicht zurückzukehren. Daniel ist zuständig für die Gleichstellung der Frauen in der Arbeitswelt und richtet jährlich den Berliner Unternehmerinnentag aus (siehe Kasten).

Viele Frauen mit Kindern suchen nach solchen Erfahrungen nach einer Alternative zur abhängigen Beschäftigung. Immerhin jeder dritte Gründer in Berlin ist eine Frau. Unternehmerinnenverbände berichten, dass es zunehmend Mütter sind, die die Möglichkeit, ihre Arbeit flexibel zu gestalten, für sich entdecken. Oft starten sie ihre Selbstständigkeit auch in Teilzeit und stocken später auf.

Auch Lene König war gerade mit ihrem zweiten Kind schwanger, als sie entschied, ein Unternehmen zu gründen. Ihre Karriere in der Medienbranche hängte sie an den Nagel. Die Abhängigkeit war ihr zu groß, die Auftragslage zu unsicher, außerdem musste sie Schichtdienste leisten. Kein Job für eine zweifache Mutter, fand sie. Die damals 31-Jährige wollte ihr eigener Chef sein – und machte ihr Hobby zum Beruf. Sie gründete ein Mode-Label für Kinderkleidung in Moabit und entwarf Kollektionen. Heute, acht Jahre später, hat die Firma vier Mitarbeiter und beliefert 35 Einzelhändler. Von dem Gewinn ihres Unternehmens kann Lene König gut leben. Weniger Arbeit als bei ihrem Job in der Medienbranche hat sie mit ihrer Firma Bubblekid allerdings nicht. „Ich arbeite, wie damals, neun bis zehn Stunden am Tag. Aber ich kann das jetzt zeitversetzt tun.“

Lene König kann ihre Zeit so einteilen, wie die Kinder es brauchen. Sie geht mit ihnen zu Geburtstagen, nimmt sie, wenn sie krank sind, mit ins Atelier. Dort hat sie ein Schlafsofa aufgestellt und eine Spielecke eingerichtet. Oder sie arbeitet ganz von zu Hause aus. Einen Teil ihrer Aufgaben kann sie zudem auf den Abend schieben, wenn die Kinder schlafen.

Die Designerin schätzt diese Freiheiten: „Ich muss nirgendwo um 9 Uhr aufkreuzen. Und ich empfinde Arbeit auch nicht mehr als Arbeit. Ich mache den Job ja für mich selbst.“ Alles, was mit ihrem Beruf zu tun hat, bastelt sie um die Familie herum. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so gut funktioniert“, sagt sie.

Nicht nur die Unternehmerinnen selbst, profitieren von der Doppelrolle als Chefin und Mutter, sondern gegebenenfalls auch die Mitarbeiter.

Weil sie weiß, was es heißt, Job und Familie zu koordinieren, bemüht sich Gabi Grützner darum, dass auch ihre Mitarbeiter beides gut vereinbaren können. „Wenn Mütter oder Väter aus der Elternzeit zurückkehren, können sie bei uns zwei Tage in der Woche arbeiten oder vier oder auch halbtags, je nach ihren Möglichkeiten“, sagt die Chefin. Frauen werden in ihrer Firma besonders gefördert und auf leitende Funktionen vorbereitet. Das Ergebnis: 70 Prozent der Führungspositionen haben Frauen inne – und viele von ihnen sind Mütter.

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