Chefinnen in der Hauptstadt : Warum in Berlin so viele Frauen Karriere machen

In der Hauptstadt besetzen Frauen ein Viertel der Führungspositionen. So gut steht kein anderes Bundesland da. Warum ist das so? Eine Spurensuche

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Frau in Führung. Karen Schmied ist als Programmchefin bei Radio Fritz für 120 Mitarbeiter verantwortlich.
Frau in Führung. Karen Schmied ist als Programmchefin bei Radio Fritz für 120 Mitarbeiter verantwortlich.Foto: rbb/Jenny Sieboldt

Über den Dächern Berlins beginnt Janice Kwiatkowskis Reich. Von hier kann die 31-Jährige die Wolkenkratzer am Potsdamer Platz sehen, genauso wie die goldene Fassade des Axel-Springer-Hochhauses. Zeit, die Aussicht zu genießen, bleibt ihr meist aber wenig: Kwiatkowski leitet beim Berliner Softwarehersteller Projektron die Abteilung Support und technische Beratung – in Teilzeit. Die junge Mutter übergibt nach 14 Uhr an Kollegen, freitags ist sie aus dem Homeoffice tätig. „Per Instant Messenger und Laptop bleibe ich dann mit der Firma in Kontakt“, sagt sie. Die Führung in Teilzeit bekommt ihr gut – immer wieder lächelt sie, wenn sie von dem Konzept erzählt.

Solche Erfolgsgeschichten finden sich viele in Berlin – im Kleinen wie im Großen. Immer wieder fiel in den vergangenen Wochen der Name von Vera Gäde-Butzlaff. Die 60-Jährige tritt am heutigen Sonntag die Leitung des Berliner Gasversorgers Gasag an. Ihre vorherige Position als Chefin der Berliner Stadtreinigung (BSR) übernimmt wieder eine Frau – die Unternehmensberaterin Tanja Wielgoß. Die Liste von erfolgreichen Berlinerinnen lässt sich so beliebig fortsetzen: Dagmar Reim ist Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Andrea Grebe führt seit 2013 das Vivantes Klinikum. Die Berliner Bank wird seit anderthalb Jahren von Stefanie Salata geleitet. Und Sigrid Nikutta steht an der Spitze der BVG. Auch vier Stadtbezirke werden von Frauen regiert.

Jede vierte Führungsposition wird in Berlin von einer Frau besetzt

Es bleibt der Eindruck, dass in Berlin besonders viele Führungspositionen von Frauen besetzt sind. Doch stimmt das auch? Ist die Hauptstadt ein besonders gutes Pflaster für Frauen, die in die Chefetage wollen? Ein Anruf bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) bestätigt das zumindest statistisch: „In Berlin ist jede vierte Führungsposition von einer Frau besetzt. Das ist im Bundesländervergleich spitze“, sagt Simon Margraf von der IHK Berlin. Gleiches gelte auch für Frauen in Geschäftsführerpositionen.

Janice Kwiatkowski arbeitet Teilzeit, einen Tag die Woche macht sie Homeoffice.
Janice Kwiatkowski arbeitet Teilzeit, einen Tag die Woche macht sie Homeoffice.Foto: promo

Wer verstehen will, warum das so ist, muss zunächst einen Blick in die Vergangenheit werfen. „Im Osten Deutschlands waren Frauen schon immer in den Arbeitsprozess eingebunden. Ganz selbstverständlich sind Mütter nach der Geburt ihrer Kinder in den Beruf zurückgekehrt“, sagt Margraf. Das wirke sich noch immer auf die Unternehmenskultur aus. Und auch im Westen der Stadt habe es besonders in den 70er und 80er Jahren eine starke Frauenbewegung gegeben, sagt Katja von der Bey, Vorständin der Genossenschaft Weiberwirtschaft – ein Projekt von mehr als 1700 Frauen. „Aus der historischen Bewegung ist viel Engagement von Frauen für Frauen erwachsen – in Form von Vereinen, Verbänden und Initiativen.“

Im Dienstleistungssektor steigen besonders viele Frauen auf

Die Gründe sind aber auch struktureller Natur, meint IHK-Mann Margraf. „Es gibt in der Hauptstadt einen großen Dienstleistungssektor und einen großen öffentlichen Sektor – diese haben auch im bundesweiten Vergleich einen hohen Frauenanteil.“ Das bestätigt Marion Festing, Professorin für Personalmanagement und Rektorin des Berliner Campus der Management-Hochschule ESCP Europe. „Auch die Gesundheitsbranche sowie die Medien- und Verlagslandschaft sind Bereiche, in denen Frauen verstärkt Führungspositionen innehaben.“

Gut zu beobachten ist das etwa beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). 43 Prozent der Führungspositionen sind dort mit Frauen besetzt. Eine davon ist Karen Schmied. Die 38-Jährige ist seit zweieinhalb Jahren Programmchefin von Radio Fritz – direkt nach ihrer Elternzeit übernahm sie den Posten. Morgens um kurz nach halb zehn steht die zierliche Frau mit dem blonden Bob vor der Scheibe des Sendestudios. Sie schaut auf den Sendeplan, der sich auf einem Flachbildschirm ständig aktualisiert. Gleich ist die Musik vorbei, die Moderatoren bereiten sich auf ihren Wortbeitrag vor. „Am Anfang war die neue Aufgabe hart. Als junge Mutter verändert sich das Leben stark – gleichzeitig bin ich jetzt für 120 Mitarbeiter verantwortlich.“ Aber Belegplätze in der Kita um die Ecke und mobile Technik, mit der sie abends noch etwas erledigen kann, machten es einfacher. „Jetzt ermutige ich alle meine Mitarbeiter, aber besonders die Frauen, ihre Ziele zu formulieren. Nur dann hat man sie für Führungspositionen im Hinterkopf.“

Je größer die Firmen, desto mehr dominieren die Männer

Der RBB, Projektron und viele andere Firmen in Berlin ermöglichen ihren Mitarbeitern zudem, Führungspositionen auch in Teilzeit zu übernehmen. „So etwas muss von der Unternehmensleitung getragen werden“, sagt Professorin Festing. Generell beobachtet sie: Je größer das Unternehmen, desto geringer der Anteil der Frauen in Führungspositionen.

Annett Enderle ist froh über die vielen Kitaplätze in Berlin.
Annett Enderle ist froh über die vielen Kitaplätze in Berlin.Foto: promo

Da ist die Berliner Unternehmensstruktur von Vorteil: Wenige Großkonzerne, dafür ein stark ausgeprägter Mittelstand und etwa 160 000 kleine Unternehmen. „Unter den Gründern sind Frauen ebenfalls überdurchschnittlich vertreten“, erklärt Festing. Die Berliner Start-up-Kultur trägt also zur guten Frauenquote bei.

„Damit es Chancengleichheit geben kann, ist eine der wichtigsten Rahmenbedingungen aber die Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, sagt IHK-Mann Margraf. Sprich: Ohne Kita-Plätze und Ganztagsangebote geht es nicht. „Berlin ist da sehr gut aufgestellt“, sagt Annett Enderle, Mitglied der Geschäftsführung beim Pharmaunternehmen Pfizer Deutschland. Kitas, die von sieben bis 19 Uhr geöffnet haben und Hortangebote bis zum Feierabend – das schätzt sie an Berlin. „Hier muss man sich als Vollzeit arbeitende Mutter nicht rechtfertigen. Anderswo fällt da ab und an das Wort ,Rabenmutter’“, erzählt sie.

Eine Insel der Seligen ist Berlin deswegen aber noch lange nicht nicht. Die viel beschworene gläserne Decke, an der Frauen scheitern – es gibt sie natürlich auch hier. Annette Farrenkopf hat das in einer großen Berliner Medienagentur zu spüren bekommen. Auf der Managementebene wurde der 44-jährigen Kommunikationsexpertin klar, dass sie es als Frau dort nie in die Geschäftsführung schaffen würde. „Ich wollte aber Chefin sein. Also habe ich gekündigt und mit zwei anderen Frauen eine eigene Agentur gegründet“, erzählt sie. Fragt man sie nach der Frauenquote, die im Dezember vom Bundeskabinett verabschiedet wurde – Farrenkopf ist dafür. „Es braucht eben immer noch eine strukturelle Veränderung.“

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