China und das freie Finanzsystem : Zeitenwende für die globale Hochfinanz

In China kehrt sich die Freiheit des Kapitals gegen ihre Verteidiger. Ein Kommentar.

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Der Hang Seng Index steht auf einem Dreijahrestief. Hier eine Anzeige im Zentrum von Hong Kong.
Der Hang Seng Index steht auf einem Dreijahrestief. Hier eine Anzeige im Zentrum von Hong Kong.Foto: dpa/Jerome Favre

Manchmal kündigen sich große Veränderungen in kleinen Bemerkungen mächtiger Akteure an. Gut möglich, dass die Besucher des Weltwirtschaftsforums in Davos am vergangenen Samstag eine solche Episode erlebt haben.

Da empfahl der Gouverneur der japanischen Zentralbank, Haruhiko Kuroda, die Regierung Chinas solle doch vermehrt „Kapitalverkehrskontrollen nutzen, um den Wechselkurs auf eine konstruktive Art zu lenken“. Gleich daneben saß Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) und als solche Gralshüterin der Lehre vom Segen des freien Marktes für Währungen und Kapital. Aber Lagarde widersprach nicht. Und auch die „Financial Times“, Zentralorgan der globalen Geldelite, befand, Kuroda habe recht. „Schärfere Kontrollen“ seien Chinas „einzige Option“, um der „Kapitalflucht“ Herr zu werden.

Grenzen für Geldtransfer galt lange als blanke Häresie

Sperren für den Geldtransfer über die Grenzen? Einschränkungen für Kapitalbesitzer gegen drohende Wechselkursschwankungen? Über Jahrzehnte galt das unter westlichen Wirtschaftslenkern als blanke Häresie. Zwar geschieht es immer wieder, dass der plötzliche Wechsel von Zu- und Abfluss von internationalem Anlagekapital ganze Volkswirtschaften in tiefe Krisen stürzt. Die Liste der Opfer reicht von Brasilien über Russland bis nach Indonesien.

Trotzdem mochten die Finanzgewaltigen in Europa und den USA den betroffenen Regierungen niemals zugestehen, das Kapital einfach einzusperren. Wer es dennoch wagte, wie etwa der malaysische Premier Mahathir bin Mohamad während der Asienkrise 1998, dem drohten die Sachwalter der globalen Hochfinanz bei IWF und Weltbank mit ewigem Kapitalentzug und wirtschaftlichem Niedergang.

Einzig die Regenten des chinesischen Staatskapitalismus ließen sich davon nicht beirren. Noch bis 2010 schirmten sie ihr Land mit eiserner Hand vor den Wirren des freien Finanzsystems ab und erzielten nicht zuletzt deshalb die höchsten Wachstumsraten der Welt. Die Überweisung größerer Summen ins Ausland war streng reguliert.

China musste sich lange Vorwürfe wegen Kapitalkontrollen anhören lassen

Dafür allerdings mussten sie sich jahrelang harte Vorwürfe gefallen lassen. China halte den Wechselkurs „künstlich“ niedrig, um seine Exportindustrie zu fördern, empörten sich Politiker und Ökonomen auf beiden Seiten des Atlantiks und drohten mit Sanktionen. Dieses Dauerfeuer zeigte schließlich Wirkung. Um im Ringen um die globale Währungsordnung mitspielen zu können, lockerten Chinas Wirtschaftsstrategen die Kontrollen. Dafür nahm der IWF-Vorstand den Renminbi in den Korb von Währungen auf, mit denen die Mitgliedstaaten ihre Beiträge abrechnen.

Doch kaum ist diese relative Freiheit für Chinas Kapitalbesitzer erreicht, lehrt sie die Hüter der alten Ordnung das Fürchten. Denn getrieben von der Krise im Reich der Mitte haben Unternehmen und Anleger seit 2014 fast 700 Milliarden Dollar ins Ausland verschoben. Schon hat Chinas Zentralbank mehrere hundert Milliarden Dollar aufgewandt, um den Kurs des Renminbi zu stabilisieren. Das kann sie jedoch trotz großer Reserven nicht auf Dauer durchhalten. Läuft die Kapitalflucht ungebremst weiter, droht also ein Kurssturz, der die Handelsströme und mit ihnen die ganze Weltwirtschaft hart bremsen würde. Und nun plötzlich, da die Freiheit für das Kapital auch den Interessen der Wohlstandsländer zuwiderläuft, drängen diese ausgerechnet Chinas Staatskapitalisten, doch bitte das zu tun, wofür sie jahrelang kritisiert wurden: den Kapitalfluss mittels staatlicher Kontrollen bremsen, um die Wechselkurse stabil zu halten.

So bricht sich mit großer Ironie erneut eine Erkenntnis Bahn, die der britische Ökonom John Maynard Keynes und sein US-Verhandlungspartner Harry Dexter White vor 70 Jahren formulierten, als sie das Währungssystem für die Nachkriegszeit aushandelten. Dieses baute auf feste Wechselkurse sowie kontrollierten Kapitalverkehr und bescherte bis zur Aufkündigung im Jahr 1973 den Mitgliedsländern die erfolgreichste Periode in der Geschichte des Kapitalismus. Es sei „nichts sicherer, als dass die freie Bewegung von Kapitalfonds reguliert werden muss“, schrieb Keynes. Andernfalls würden sie „mit dem Tempo eines Zauberteppichs das Ziel wechseln und diese Bewegungen haben die Wirkung, jedes ordentliche Geschäft durcheinanderzubringen“. Dies, stellte White klar, bedeute „weniger Freiheit für die Besitzer liquiden Kapitals. Aber diese Beschränkung würde eben im Interesse der Völker ausgeübt“. Der Fall China zeigt, wie klug es wäre, erneut ein solches System auszuhandeln.

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