Wirtschaft : Dahrendorf: Der Euro wird Europa spalten

BERLIN (jhw).Der Euro führt nach Ansicht des Soziologen Lord Rolf Dahrendorf nicht zur Einigung, sondern zur Spaltung Europas.Möglicherweise gebe es bald eine Europäische Union, in der die Hälfte der Länder dem Euro anhänge und die andere Hälfte nicht, sagte Dahrendorf am Sonntag im Deutschlandfunk."Das ist bedauerlich, und ich bin sehr gespannt, wie Europa damit fertig wird."

Dahrendorf, der Mitglied des britischen Oberhauses ist, glaubt nicht an den baldigen Beitritt des Vereinigten Königreichs in die Währungsunion.Großbritannien werde vor der nächsten britischen Unterhauswahl, die frühestens 2001 stattfindet, keinesfalls anfangen, die Vorbereitungen für die nötige Volksabstimmung zu treffen.Es würde ihn daher sehr wundern, wenn Großbritannien schon 2002 - wenn das Euro-Geld tatsächlich eingeführt werde - dazugehöre."Meine Vermutung ist: Es wird wesentlich später sein." Der Soziologe warnte vor der Gefahr der "Enteuropäisierung Europas", die weitere und tiefgehende Spaltung mit sich bringe.Dazu habe bereits das langsame Tempo der Ost-Erweiterung der EU beigetragen.Polen beispielsweise werde vermutlich nicht vor 2006 Mitglied der Europäischen Union werden.

Die Arbeitslosigkeit ist nach Auffassung des Altliberalen kein Problem, das auf europäischer Ebene gelöst werden könne."Es ist ein Problem, das sich in jedem Einzelstaat, und da wiederum in Regionen, unterschiedlich stellt." Er mahnte zu einem genaueren Blick auf das, was auf dem Arbeitsmarkt geschehe.Globalzahlen und Prozentsätze besagen Dahrendorf zufolge gar nichts."Dieser genauere Blick wird wahrscheinlich auch zu einer viel detaillierteren, viel komplizierteren, aber viel wirksameren Politik führen, als sie gegenwärtig von irgend jemandem in Europa in die Wege geleitet wird."

Wer genau hinsehe, könne feststellen, daß sich in bestimmten Bereichen die Weltwirtschaftskrise wiederhole."Das östliche Deutschland ist leider dafür ein Beispiel", sagte Dahrendorf.Dort hätten Arbeitslose keine Alternative."Wer arbeitslos ist, hat nichts." Dagegen sei die Arbeitslosigkeit im Westen Deutschlands "ein merkwürdiges Problem": Wer da keine Beschäftigung habe, sei in der Regel "ganz gut versorgt".Die Mehrzahl der deutschen Arbeitslosen stelle sich wirtschaftlich besser als die unteren 20 Prozent der britischen Beschäftigten.

"Der Staat kann nicht sinnvoll das Ziel der Hoffnung auf Lösung aller Fragen sein", konstatiert Dahrendorf.Der Staat erhalte eine beschränktere Rolle, als er sie beispielsweise in den 50er und 60er Jahren hatte.Das 20.Jahrhundert ist dem Liberalen zufolge ein sozialdemokratisches Jahrhundert, das die Antwort von staatlicher Wirtschaftspolitik und von staatlich organisierter Umverteilung erwartet habe.Nun ende es, und es sei eine Reformbedürftigkeit da, stellt der Vordenker fest.Manche der Reformen habe die neue Regierung wieder rückgängig gemacht."Es wird interessant sein zu sehen, welche eigenen Reformen sie anzubieten hat angesichts der neuartigen Probleme."

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