Wirtschaft : Darauf einen Dujardin

Die denkmalgeschützten Ruinen des Patzenhofer-Areals in Friedrichshain werden Teil der neuen Wohnanlage: „An der Brauerei“

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Endlich neue Perspektiven. Vom gesamten Areal blieben die Villa der Patzenhofer Brauerei sowie die Fassaden von Sud- und Lagerhaus erhalten. Sie stehen unter Denkmalschutz. Foto: Promo Estavis
Endlich neue Perspektiven. Vom gesamten Areal blieben die Villa der Patzenhofer Brauerei sowie die Fassaden von Sud- und Lagerhaus...

So geht es auf die feine Berliner Art: Aus den inzwischen etwas angestaubten Industrie- und Gewerbebauten der Gründerzeit werden Wohnungen der gehobenen bis sehr gehobenen Klasse. Wer so etwas findet, greift zu. Zugegriffen hat jetzt auch der Berliner Finanzinvestor Estavis AG – bei der alten Patzenhofer Brauerei in Friedrichshain. 152 Wohnungen und neun Gewerbeeinheiten sollen auf 8400 Quadratmetern im denkmalgeschützten Bestand entstehen; hinzu kommen noch 5500 Quadratmeter Neubaufläche. „In Zukunft sind noch weitere Ankäufe geplant“, erklärt Estavis-Vorstand Florian Lanz. Zunächst einmal werden 43 Millionen Euro in die Friedrichshöhe investiert. Unter der Anschrift „An der Brauerei“.

Das Areal in Friedrichshain, das Projektentwickler in den vergangenen Jahren schon vergeblich in die eine oder andere Verwendung verplant hatten, wird jetzt auf sehr charmante Art verwertet: Das Erfolgskonzept heißt „Elegant wohnen, garniert mit Berliner Geschichte“. Das funktioniert sehr gut: Erst kürzlich hatte sich die Investorengruppe Optima- Aegidius die historischen Werkstätten der Komischen Oper gesichert, um begehrte Lofts zu bauen (Der Tagesspiegel berichtete). Man lebt gediegen im Nachklang von Mozart, Verdi und Tschaikowski. Mit dem richtigen Dreh geht eben alles – und die Berliner Städteplaner könnten den hässlichen Begriff „Industriebrache“ bald aus ihrem Wortschatz streichen.

Estavis selbst hat bereits Erfahrungen mit der alten Glanzfilmfabrik in Köpenick gemacht; die Objekte auf der Spreehalbinsel Krusenick verkaufen sich gut. Man wohnt dort, wo einmal Marlene Dietrich, Marika Rökk und Hans Albers ein- und ausgingen – zur Abnahme der eben gedrehten Filmszenen. Wie heikel und aufregend diese Stunden mit dem „Blauen Engel“ waren, ist Teil der Berliner Filmgeschichte.

Mit Georg Patzenhofer sind mehr die handfesten Genüsse verbunden. Der bayerische Brauereifachmann kam 1855 nach Berlin und mischte die Szene mit einem dunklen Bier Münchner Brauart auf. Mit großem Erfolg. Das Unternehmen firmierte später als „Actienbrauerei-Gesellschaft Friedrichshöhe vorm. Patzenhofer“. Später, unter der Regie von Schultheiss, stand hier die bedeutendste Brauerei Europas, in der zeitweise mehr als 1000 Menschen arbeiteten.

Die Anlage auf der Friedrichshöhe hatte der Architekt und Brauereibauexperte Arthur Rohmer konzipiert, der auch die geologische Besonderheit dieses Standorts zu nutzten wusste: Hier reicht die Grundmoräne des Barnim in die Stadt hinein – beste Voraussetzungen für den Bau von tiefen und kalten Bier- und Eiskellern. Die Gebäude ließ der Architekt aus tiefrotem Ziegel mit gelben horizontalen Bändern bauen. Erhalten aus dieser Zeit sind noch Sud- und Lagerhaus sowie die Fabrikantenvilla. Mit ihrer Terrakotta-Zier an den Fassaden sind die Gebäude ein stilechtes Beispiel des Berliner Industrie-Klassizismus.

Und das ist die andere schöne Seite des Projekts: „Die steuerliche Offerte bei denkmalgeschützten Objekten“, so Estavis-Verkaufsleiter Phillipp Janssen, „ist wirklich interessant.“ Für Kapitalanleger ganz besonders. Menschen mit Geld fragen nach sicheren Anlagen, guten Renditen und günstigen Prognosen. Untermauert durch zahlreiche Studien, kann man das hier versprechen. Friedrichshain bietet neben seiner zentralen Lage inzwischen das zweithöchste Mietniveau bei neuen Objekten und einen kontinuierlichen Anstieg der Nachfrage. In Fachkreisen wird damit gerechnet, dass die Wohnungen im Patzenhofer-Areal ab 3100 Euro je Quadratmeter vermarktet werden. Für Berlin grenzt das schon ans Luxussegment, für Käufer aus dem Süden Deutschlands sind das günstige Einstiegspreise – und von dort kommen die meisten Interessenten, „dort sitzt nun einmal das Geld“, so Janssen. Grüß Gott, Herr Patzenhofer.

Den Menschen von auswärts helfen die historischen Bezüge beim Kennenlernen, bei Berlinern ist das etwas anders. Für diese Ecke in der Stadt sind so viele Namen im Umlauf, dass man nicht alle auf einmal einsammeln kann: Friedrichshöhe oder Kolonie Friedrichsberg. Oder knapp PHB für Eingeweihte, das wäre dann wieder Patzenhofers Brauerei. Dem Berliner von heute mit seinem praktischen Sinn fürs Vorwärtskommen stellen sich die wichtigen Fragen des Alltags gleich vorneweg: Verbindung in die Innenstadt – über die Landsberger Allee. Also direktemang, auch mit der Straßenbahn. Entfernung zur S-Bahn – 1000 Meter zu Fuß, bis zur Ringbahn. Sport und Freizeit – quasi gegenüber im Volkspark Friedrichshain. Großveranstaltungen in allen Geschmacksrichtungen – das bietet das Velodrom, der architektonische Bodendecker gleich hinter dem S-Bahnhof Landsberger Allee. Zur Karl-Marx-Allee kann man zu Fuß bummeln, der Alexanderplatz ist das Einkaufsrevier der ersten Wahl. Fahrradtauglich sind alle Instanzen. Zu DDR-Zeiten war Friedrichshain das Renommierviertel Ost; das hat der Entwicklung des Quartiers nicht wirklich geschadet. Allerdings, es gibt auch hier noch vereinzelt eingeborene Friedrichshainer, die ihrem Lenin nachtrauern – zumindest dem Riesenstandbild am früheren Leninplatz. Er musste weg : „Goodbye Lenin“.

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