Das Ende von Kaiser's : Nicht für alle Lieferanten ist Platz in der neuen Einkaufswelt

Aus Kaiser's wird Rewe oder Edeka. Der Umbau ist in vollem Gange. Nicht nur die Kunden müssen sich umstellen, auch die Lieferanten.

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Auslaufmodell: Edeka und Rewe bauen die Märkte in Berlin um. Bis Sommer ist der Name "Kaiser's" verschwunden.
Auslaufmodell: Edeka und Rewe bauen die Märkte in Berlin um. Bis Sommer ist der Name "Kaiser's" verschwunden.Foto: Lino Marcel Mirgeler/dpa

Der Anruf kam überraschend. Florida Eis möge bitte seine Truhen aus den Kaiser’s-Filialen abholen, sagte der Anrufer aus Köln. Gerade einmal ein bis zwei Tage Zeit habe ihnen die Rewe-Zentrale gegeben, erzählt Olaf Höhn. Doch der Chef des Berliner Eisherstellers ist keiner, der schnell klein beigibt. Höhn griff zum Telefon und rief in Köln an: „Prüfen Sie doch mal, wer wir sind!“, sagte der Unternehmer.

Gerade einmal eine Stunde habe die Prüfung gedauert, erzählt Höhn. Dann war klar: Seine Truhen können in den 60 Filialen, die Rewe von Kaiser’s in Berlin übernimmt, bleiben, sein Eis auch. Eine halbe Million Umsatz sind gerettet.

Wer bekommt was? Die neue Rewe-/Edeka-Welt im Überblick.
Wer bekommt was? Die neue Rewe-/Edeka-Welt im Überblick.Grafik: Fabian Bartel

Innen ist schon Edeka, draußen noch Kaiser's

„Ich war ein bisschen erschrocken“, gibt Höhn zu. Damit dürfte er nicht allein sein. Denn nicht nur die Kunden, auch die Lieferanten, die bislang die 120 Berliner Kaiser’s-Märkte beliefert hatten, müssen sich umstellen. Kaiser’s ist verkauft, seit Anfang des Jahres heißen die neuen Eigentümer Rewe und Edeka. 30 Märkte haben die Kölner an der Spree bereits auf Rewe umgeflaggt, Ende März sollen alle Filialen den neuen Namen tragen. Edeka lässt es geruhsamer angehen. Der Marktführer räumt erst einmal im Innern auf, verkauft die alte Kaiser’s-Ware ab und stellt die neuen Edeka-Produkte in die Regale. Innen ist dann schon Edeka, wenn draußen noch Kaiser’s steht. Im März will aber auch Edeka die neuen Verhältnisse nach außen sichtbar machen und die Kaiser’s-Kanne gegen das erste „Edeka“-Schild austauschen.

Was wird aus den Lieferanten?

Klar ist: Nicht für alle einstigen Kaiser’s-Lieferanten ist Platz in der neuen Rewe- oder Edeka-Welt. Und wer bleiben darf, muss womöglich neue Konditionen schlucken. „Einkaufsgespräche sind oft eine sehr einseitige Sache", sagt ein mittelständischer Unternehmer. Die Fantasie der Einkäufer, Preise zu drücken, ist groß – im gesamten Lebensmittelhandel. Sie reicht von Rabatten über Werbekostenzuschüsse bis hin zu vermeintlichen Umweltabgaben, die Lieferanten zahlen müssen, um weiter im Geschäft zu bleiben. Besonders betroffen, sagt ein Branchenkenner, sind kleine Unternehmen, vor allem die Lieferanten der Eigenmarken. Große namhafte Markenhersteller, die in keinem Laden fehlen dürfen, blieben dagegen weitgehend ungeschoren.

Das Bundeskartellamt hat die Branche im Blick

Öffentlich spricht man darüber aber nicht. Keiner wagt sich aus der Deckung, aus Angst, von der Lieferantenliste gestrichen zu werden. Hinzu kommt die Furcht vor dem Bundeskartellamt. Die Wettbewerbshüter haben ein scharfes Auge auf die Branche und die Geschäftspraktiken. Immerhin teilen sich Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) und Aldi 85 Prozent des Marktes. Kartellamtschef Andreas Mundt wollte wegen dieser Machtballung die Übernahme von Kaiser’s Tengelmann durch Branchenprimus Edeka verhindern. Auch mit Blick auf die Lieferanten, die immer stärker in die Zange genommen werden, je mehr Abnehmer vom Markt verschwinden.

BGH muss über "Hochzeitsrabatte" entscheiden

Gegen Edeka ist das Amt bereits einmal vorgegangen. 2009 übernahm der Marktführer die Supermarktkette Plus und warf einen Blick in deren Lieferverträge. Da, wo Plus bessere Konditionen hatte, forderte Edeka von 500 Lieferanten „Hochzeitsrabatte“, teilweise sogar rückwirkend. Das Amt schritt ein, unterlag aber vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Nun muss der Bundesgerichtshof entscheiden, ob Edeka seine Marktmacht ausgenutzt hat oder ob die Rabatte Ergebnis von Verhandlungen auf Augenhöhe waren, wie das Düsseldorfer Gericht meint.

"Geben und Nehmen"

Und was ist mit Kaiser’s? Alle Lieferantenverträge von Kaiser’s liefen erst einmal weiter, berichtet Edeka-Sprecherin Bettina Stolt, „die Verträge haben Gültigkeit“. Für die Frage, wie es weitergeht, seien Mengen, Konditionen und – allen voran – die Qualität der Waren maßgeblich. Man sei aber auf ein gutes Verhältnis bedacht, „das ist ein Geben und Nehmen“, betont Stolt. Bei Rewe will man sich zu Lieferantenverhältnissen grundsätzlich nicht äußern, „aus kartellrechtlichen Gründen“, sagt Sprecher Raimund Esser.
Wichtig ist, ob der Markt auf eine Marke verzichten kann oder nicht. Darauf bauen auch die Lieferanten aus dem Umland, die Saft- und Wursthersteller aus Brandenburg oder Florida-Eis-Chef Höhn. „Wir haben eine starke Marke“, sagt Höhn. Kaiser’s waren die Ersten, die sein Eis im großen Stil vertrieben haben. Rewe und Edeka haben nachgezogen.

Sehnsucht nach Kaiser's

Auch die Brandenburgischen Lebensmittelhersteller hoffen auf Kontinuität. „Kaiser’s war in Berlin und Brandenburg ein zuverlässiger Partner für Regionalität“, sagt Dorothee Berger. Sie ist Sprecherin des Clusters Ernährungswirtschaft in Brandenburg und selbst Unternehmerin. Das Familienunternehmen aus Petzow stellt Saft, Gelee und Kosmetik aus Sanddorn her. Mit der Marke „Von Hier“ hat Kaiser’s schon vor Jahren auf regionale Produkte gesetzt, erinnert sich Berger. Die letzte Zeit sei für die Lieferanten aber nicht einfach gewesen. Über zwei Jahre hatte die Hängepartie um Kaiser’s gedauert. Berger ist jetzt aber zuversichtlich. Sowohl Edeka als auch Rewe seien „sehr, sehr interessiert“ an regionalen und lokalen Produkten. Ob der Druck auf die Preise steigt? Dafür sei es „noch zu früh“, meint die Unternehmerin.

Der Handel steht selbst unter Druck

Was man auch sehen muss: Der Handel steht selbst unter Druck. Die großen Anbieter halten sich untereinander in Schach, zudem wächst die Konkurrenz aus dem Internet. Vor allem die Angst vor Amazon ist groß. Sollte der Internetkonzern seinen Berliner Feldversuch ausweiten und bald ganz Deutschland mit Lebensmitteln beliefern, wäre das eine harte Konkurrenz für den stationären Handel. Kaiser’s-Filialen dürfen in den nächsten fünf Jahren übrigens nicht geschlossen werden. „Wir haben eine Bestandsgarantie unterschrieben“, sagt Rewe-Sprecher Esser.

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