Wirtschaft : Das Künstlerleben – ein Drahtseilakt

Damit sich Kreative auf dem Markt durchsetzen, braucht es mehr als Begabung. Fortbildungen und Master setzen da an.

Antiona Stahl
Balance halten. Doch wenn es nicht gelingt, von der eigenen Kunst zu leben, kann eine Weiterbildung neue Impulse geben. Ob zur Vertiefung oder zur Neuorientierung, es gibt zahlreiche Masterprogramme und Fortbildungen, die auf Künstler abzielen. Foto: dapd Foto: dapd
Balance halten. Doch wenn es nicht gelingt, von der eigenen Kunst zu leben, kann eine Weiterbildung neue Impulse geben. Ob zur...Foto: dapd

Von der brotlosen Kunst zum Kreativ-Geschäft: Universitäre Weiterbildungen sollen Künstlern helfen, ihre Nische auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Die Angebote sind beinahe so individuell wie die Künstler selbst.

Musiker oder Maler können sich in Sachen Kunsttherapie weiterbilden lassen; Seminare Kreisen um Themen wie erfolgversprechende Selbstvermarktung oder Publikationsmöglichkeiten im Internet. Andere Weiterbildungen stellen rechtliche oder organisatorische Fragen ins Zentrum: Was muss ich als freischaffender Künstler bei der Buchhaltung beachten, welche Steuertipps sind für mich interessant? Welche Voraussetzungen hat ein Kunsttherapeut zu erfüllen? Oder: Welche juristischen Fragen sollte ein Fotograf abklären, wenn er Menschen ablichtet?

Ganze Masterstudiengänge zielen darauf ab, Schnittstellen zwischen der Kunst und der Wirtschaft aufzuzeigen – sie wollen Kreativen den Weg in neue Berufsfelder ebnen. Andere Weiterbildungen vermitteln schlicht Strategien und handwerkliche Techniken – oder Theorien zu besonderen Kunstfeldern. Zwei Fallbeispiele.

Eigentlich wollte Christiane Lünskens Malerei studieren. Doch als sie als junge Frau nach Berlin kam, bekam sie keinen der begehrten Studienplätze an der Hochschule der Künste. Kurzerhand wich Lünskens auf eine bunte Fächerkombination aus Informationswissenschaften, Soziologie, Psychologie und Informatik aus.

Ebenso abwechslungsreich wie liest sich der Lebenslauf der heute 45-Jährigen: Sie arbeitete als IT- und Unternehmensberaterin oder als Galeristin, noch heute geht sie zudem einem Halbtagsjob als Referentin an der TU nach. Den Traum, von der Kunst leben zu können, verlor sie aber nie aus den Augen. Schließlich bot ihr ein befreundeter Architekt die Chance dazu: Sie wird als Teilhaberin in sein Architekturbüro einsteigen.

Mit dem weiterbildenden Masterstudiengang „Bühnenbild - Szenischer Raum“ an der Technischen Universität Berlin bereitet sich die Allrounderin auf den neuen Job vor – mindestens vier Semester. Kosten: 7200 Euro. Neben dem Studium arbeitet sie weiter an der Uni, sie ist überzeugt davon, dass sich ihre 90-Stunden-Woche lohnt. „Außerdem macht’s einfach großen Spaß“.

Zwei thematische Schwerpunkte stehen im Zentrum des Studiums: Einerseits die Gestaltung klassischer Bühnenräume für Theater und Oper, andererseits die Inszenierung von Events, Ausstellungen oder Performances. Gerade den zweiten Fachbereich hält Lünskens für spannend. „Der Beruf des Szenografen für Museen und Veranstaltungen entwickelt sich gerade erst – Kenntnisse in diesem Bereich sind enorm gefragt“, sagt sie. Gepaart mit ihrer Erfahrung als Unternehmensberaterin ist dieses Spezialwissen eine gute Basis für die Arbeit im Architekturbüro.

Gemeinsam mit einer 18-köpfigen internationalen Studententruppe sammelt die sie schon im Studium Praxiserfahrung. Besonders gepackt hat sie eine Projektarbeit zu einer Talkshow mit dem Thema „Gamer“: Im kleinen Team durften die Studenten das gesamte Aufnahmestudio für die Sendung gestalten.

Als Weiterbildung ist „Bühnenbild - Szenischer Raum“ besonders auf ältere Studierende mit Berufserfahrung ausgerichtet – doch eine überzeugende Mappe und ein bestandener Bachelor sind die einzigen Zulassungsvoraussetzungen. Seit der Bachelor-Umstellung sei in dem Studiengang zudem „eine gewisse Tendenz zur Verjüngung“ festzustellen, heißt es seitens der Uni. Christiane Lünskens stört nicht, dass viele Mitstudenten wenig Berufserfahrung mitbringen. Ertragreich seien die Diskussionen zwischen den Musikern, Tänzern, Architekten und Kulturmanagern in jedem Fall.

Ralf Krebs kehrte dem Künstlerleben den Rücken. Jahrelang sind die Einnahmen des professionellen Gitarristen zurückgegangen – und das bei enormem Arbeitsaufwand. Zwei bis vier Stunden Akquise am Tag, daneben Bandprojekte, durch Deutschland touren, CDs aufnehmen, Gitarrenschüler unterrichten. Es reichte ihm. Der heute 45-Jährige rang sich zum Studium am Zentralinstitut für Weiterbildung der Universität der Künste durch. Die Ziele der 18 000 Euro teuren Maßnahme: Ein Titel als „Master of Leadership in Digitaler Kommunikation“ (LDK) – und ein lukrativer Job. “

Ralf Krebs glaubte an den „Return on Investment“ – und tatsächlich ist er bereits vor dem Studienabschluss als Account-Manager in einem großen Software-Unternehmen untergekommen. Die nötigen Kontakte hat er an der Uni geknüpft, den neuen Bürojob empfindet er als großes Glück.

Unter Krebs‘ LDK-Kommilitonen finden sich Führungskräfte aus der Kreativwirtschaft – etwa aus Werbeagenturen – hinzu kommen einige Künstler, IT-Spezialisten oder PR-Fachleute. Sie sollen am ZIW zu Profis auf dem digitalen Arbeitsmarkt ausgebildet werden, sie erlangen Expertise auf Spezialfeldern des E-Business‘ und bei der Optimierung von Kommunikationsprozessen.

Was nach trockener Wirtschaft klingt, ist in Ralf Krebs‘ Augen ein äußerst kreatives Unterfangen. „Wenn es früher darum ging, eine Corporate Identity für ein Unternehmen zu entwickeln, hat man einfach das Logo aufs Briefpapier gesetzt – und fertig“, sagt er, „heute suchen Werbeagenturen nach den Ideen hinter dem Unternehmen. Sie entwickeln Bilder, Texte, Fonds und Strategien, um diese nach Innen und Außen zu tragen.“ Das LDK-Studium verläuft projekt- und praxisorientiert.

Geblockte Seminare werden von Phasen des Selbststudiums abgelöst. Gemeinschaftsprojekte schweißen die Teilnehmer zusammen – „es fühlt sich an, wie in einer richtigen Schulklasse“, sagt Ralf Krebs. „Gemeinsam mit ein paar Kommilitonen hatten wir zum Beispiel die Aufgabe, ein Geschäftsmodell zu entwickeln: eine Plattform zum Hochladen und Verkaufen von Musikstücken und Videos.“ Vom Businessplan bis hin zum Design hat die Arbeitsgruppe das gesamte Unternehmen entworfen. Die Kommunikation zwischen Berlin, Frankfurt, Köln und St. Gallen lief natürlich via Internet.

Offenbar versprechen sich Arbeitgeber viel vom LDK-Studium: Sie übernehmen nach Angaben des Zentralinstituts für Weiterbildung rund 70 Prozent der Kosten. Ralf Krebs musste allerdings selbst in die Tasche greifen. Eine Investition, die sich seines Erachtens nach gelohnt hat: „Für Künstler, die sich wirklich verändern wollen, ist das LDK-Studium ein guter Start“, befindet er, „und umgekehrt erkennen IT-Freaks hier plötzlich ihre kreative Seite.“

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