Wirtschaft : Das nächste Kapitel

Der Weg zum erfolgreichen Autor ist steinig. Studiengänge und Workshops können zum Erfolg führen

Lutz Steinbrück

Das Literarische Colloquium Berlin (LCB) am idyllischen Wannseeufer ist ein renommierter literarischer Schauplatz. Die Fotogalerie der Schriftsteller, die hier lasen, gleicht einem „Who is Who“ der Gegenwartsliteratur. Auch Weiterbildungen für Autoren und solche, die es werden wollen, werden im LCB groß geschrieben. Schon in den 1960ern haben prominente Literaten wie Günter Grass als Mentoren mit damaligen Talenten wie Hubert Fichte in der Autorenwerkstatt „Prosaschreiben“ an deren Texten gefeilt.

Seit 1997 knüpft die jährliche, vom Senat geförderte „Autorenwerkstatt Prosa“ des LCB an diese Tradition an. Acht bis zehn Jungliteraten erhalten Stipendien im Wert von 1500 Euro und treffen sich vier Monate an Wochenenden zu Schreibwerkstätten mit bekannten Autoren. Judith Hermann hat dadurch einen wichtigen Schritt auf der literarischen Karriereleiter gemacht. „Etwa 400 Bewerber pro Jahr schicken ihre Manuskripte“, berichtet Thomas Geiger vom LCB. „Das Stipendium richtet sich an jüngere deutschsprachige Literaten ohne eigene Veröffentlichung.“ Über die Hälfte der Teilnehmer hat danach eigene Werke publiziert.

Tobias Roth gehörte 2010 zu den Auserwählten. Er studiert Europäische Literaturen an der Humboldt Universität, schreibt seit zehn Jahren literarisch und will Schriftsteller werden. „Jeder Teilnehmer bringt einen Text mit, den die anderen Stipendiaten und die Mentoren vorher gelesen haben“, erzählt der 25-Jährige. „Einen Tag befassen sich alle Beteiligten gemeinsam damit.“ In seinem Fall ging es um einen 30-seitigen Roman-Auszug. Roth zieht ein positives Fazit: „In den Diskussionen wurden verschiedene Blickwinkel auf Texte sehr deutlich. Das hat meinen Blick auf das eigene Schreiben und das eigene Korrekturlesen erweitert.“

Stipendien und Literaturpreise sind gängige Formen der Autorenförderung und sehen in der Regel keine Schreibwerkstätten vor. In Berlin gibt es neben dem LCB-Stipendium eine weitere Ausnahme: Beim „open mike“, einem Wettbewerb für bis 35-jährige Prosa- und Lyrikautoren ohne literarische Publikation, winkt Endrunden-Teilnehmern neben Geld und Aufmerksamkeit ein Wochenend-Workshop. Dort werden sie von Autoren und Lektoren beraten. Der mit 7500 Euro dotierte „open mike“ wird jährlich von der Literaturwerkstatt Berlin und der Crespo Foundation ausgeschrieben.

Neben Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien können sich Autoren mit Preisen und Stipendien einen Namen machen. Einen guten Überblick verschafft der Uschtrin-Newsletter. Dort finden sich auch Angebote von Schreibwerkstätten, für die man bezahlen muss. In Kursen und Workshops tummelt sich eine bunte Autorenschar mit unterschiedlichen Niveaus. „In meinen Lehrgängen sitzen Hobby-Literaten neben Autoren, die bereits veröffentlicht haben“, sagt Heidi von Plato. Die Schriftstellerin lehrt literarisches Schreiben am Institut für Kreatives Schreiben in Berlin. Die zehnmonatige Weiterbildung findet an Wochenenden statt und kostet 1500 Euro. Gearbeitet wird an handwerklichen Fertigkeiten wie Figurenentwicklung, Spannungsaufbau oder Erzähltechniken.

Das Schreibwerk Berlin bietet neben individuellem Coaching und Lektorat auch Online-Kurse für literarisches Schreiben an. In drei Monaten stehen dabei zehn Lektionen mit Übungen auf dem Plan. Teilnehmer haben rund um die Uhr Zugriff auf eine Online-Plattform und sollten mindestens fünf Stunden pro Woche investieren. Der Kurs kostet 500 Euro. Ein breites Angebot findet sich an Berliner Volkshochschulen. So startet im September der Lehrgang „Der erste Schritt zum Roman“ an der VHS Tempelhof-Schöneberg. Für zwanzig 45-minütige Abendkurse sind 49 Euro aufzubringen.

Auch Protagonisten der Literaturszene führen Weiterbildungen durch. Der Lektor Christian Döring veranstaltet Wochenend-Schreibwerkstätten für Prosa und Lyrik in einem Palazzo in Venedig. Hier kosten Übungen und Beratungen 195 Euro (Prosa) oder 150 Euro (Lyrik). „Wesentlich für Autoren, um sich weiter zu entwickeln, sind intensive Lektüre und der Austausch mit anderen Autoren über das eigene Schreiben“, sagt Döring. Die Berliner Autorin Ruth Johanna Benrath hat ihren zweiten Roman „Wimpern aus Gras“ im Frühjahr bei Suhrkamp veröffentlicht. Sie kann sich nicht vorstellen, einen kostenpflichtigen Literaturkurs zu belegen: „Wenn jemand seine Lebensgeschichte für die Enkel aufschreiben will, ist das literarisch etwas anderes als der Austausch mit Gleichgesinnten.“ Sie kennt keine hauptberuflichen Autoren, die für Schreibwerkstätten bezahlen.

Bundesweit gibt es zwei Kaderschmieden, an denen Talente die Schriftstellerei studieren können. Am Deutschen Literaturinstitut Leipzig lässt sich Literarisches Schreiben in den Studiengängen Bachelor of Arts (6 Semester) und Master of Arts (4 Semester) studieren. Pro Jahrgang werden etwa 35 von knapp 600 Bewerbern ausgesucht. Der Autor Clemens Meyer zählt zu den Absolventen, zuletzt veröffentlichte er „Gewalten. Ein Tagebuch“.

Die Universität Hildesheim hat den Studiengang „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ im Programm, sechs Semester auf Bachelor. Mit Thomas Klupp und Leif Randt waren kürzlich zwei Ex-Studierende für den Bachmannpreis nominiert. An angehende Dramatiker richtet sich das Masterstudium „Szenisches Schreiben“ der Berliner Universität der Künste. Alle zwei Jahre werden acht bis zehn Bewerber zugelassen.

Wer nicht mehrere Semester an seiner Schreibe feilen will, hat die Chance, an einer einsemestrigen literarischen Werkstatt teilzunehmen – zumindest als Student. Immatrikulierte aller Berliner Hochschulen können jedes Jahr mitmachen. Geleitet wird der Workshop von bekannten Autoren, denen die Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik zugesprochen wurde. Ausrichter ist das Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der FU Berlin.

Mut braucht es für eine weitere Chance, sein Schreiben weiterzuentwickeln: Berlins Literaten können ihre Texte im „lauter niemand“-Literaturlabor vorlesen. Die offene Lesebühne startet sonntags ab 21 Uhr in der Kulturkneipe Rumbalotte ( Metzer Straße 9), am Senefelder Platz. Solche Treffs sind beliebt bei Autoren, um Netzwerke zu bilden. Autorin Ruth Johanna Benrath rät, sich gezielt um Veröffentlichungen, Preise und Stipendien zu bewerben und so zu profilieren. „Wer da nichts vorweisen kann, hat kaum Chancen auf Resonanz“, sagt sie.

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