DDR-Wirtschaft : „Der Versuch war nicht umsonst“

Ehemalige Kombinatsdirektoren erklären, was aus der DDR-Wirtschaft zu lernen ist. Eine Buchvorstellung.

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SKET in Magdeburg, 1992. Ein Arbeiter inmitten der Abrissarbeiten der stillgelegten Stahlgießerei. Foto: IMAGO
SKET in Magdeburg, 1992. Ein Arbeiter inmitten der Abrissarbeiten der stillgelegten Stahlgießerei.Foto: IMAGO

Berlin - Wie bei der Jugendweihe: Auf der Bühne stehen elf Mann und zwei Frauen, jeder strahlt und hält ein Buch in die Kameras. Die „Weihlinge“ da oben haben graue Haare, und jene, die ihnen aus dem Saal applaudieren, auch. Bis auf einige Junge, die das Ganze empfinden wie die Show von einem anderen Stern. Dabei sollen gerade sie aus berufenem Munde hören, wie es denn nun wirklich war in der Wirtschaft der DDR, der erst laut gepriesenen und dann noch lauter gescholtenen.

In der einstigen Kantine des „Neuen Deutschland“ treffen frühere Wirtschaftskapitäne auf ihre Kollegen von damals, darunter viele Professoren und Doktoren, wie man von den Revers ablesen kann. Dies ist eine Buchvorstellung, für 9,99 Euro gibt es draußen den Bestseller des Tages: „Jetzt reden wir!“. Auf 222 Seiten teilen uns DDR- Kombinatsdirektoren mit, „was heute aus der DDR-Wirtschaft zu lernen ist“. Das kann ja heiter werden. Oder auch traurig.

Jedenfalls hat Katrin Rohnstock mit ihren „Rohnstock-Biografien“ die Ansichten von Chefs großer Kombinate zu einst und jetzt zusammengetragen – als großes Nein zu der Vermutung, dass die DDR- Wirtschaftsmanager ihr Land ruiniert hätten. „Ich bin dafür, dass wir das DDR- Wirtschaftssystem besser verstehen, indem wir diejenigen erzählen lassen, die dabei waren“, sagt die Veranstalterin. Damit die soziale Komponente ihrer Arbeit nicht in Vergessenheit gerät.

Denn manche Errungenschaft war für die um 1960 geborenen „Wirtschaftswunderkinder des Ostens“ selbstverständlich: Krippenplätze, Lehrstellen, Kindergärten, Urlaubsheime, Berufsperspektiven. Die Gäste im Saal schätzten die „zweite Lohntüte“, aber kannten genauso die Grenzen und Schattenseiten der Planwirtschaft, die Deregulierung, die Schwerfälligkeit und den ungehemmten Verschleiß.

Davon ist leider nur holzschnittartig die Rede. Vor allem loben sich die volkseigenen Industriekapitäne selbst: immer zum Wohle des Volkes, trotz aller Schwierigkeiten. „Die Generaldirektoren waren Akteure in einer Gesellschaft, in der der Mensch nicht auf eine Humanressource reduziert war, die sich rechnen muss. Sie wirkten in einem System, in dem die Wirtschaft zuvorderst eine soziale Funktion und nicht die Aufgabe privater Profitmaximierung hatte“, schreibt Ex-DDR-Wirtschaftsministerin Christa Luft. Und Eckhard Netzmann vom Schwermaschinenbaukombinat SKET „ist es leid, nach zwanzigjähriger Denk- und Sortierpause zu all unserer Arbeit unter schwierigsten Bedingungen nur so negative Urteile wie Misswirtschaft zu hören. Aus heutiger Sicht scheint vieles, was wir in der DDR schufen, umsonst gewesen zu sein. Der Versuch war es nicht!“

Ein Kombinatsdirektor vom Elektromaschinenbau meint, seine Motoren in mehr als 50 Ländern laufen immer noch, und erst nach 120 Minuten kommt einer auf die Gebrechen der damaligen Wirtschaft: „Das sozialistische Lager wurde immer schwächer, und wir sind mit untergegangen.“ Und warum? „Die kleinen Leute wurden nicht ernst genommen, da ist das passiert, was passiert ist.“

Am Berufsstolz der roten Chefs und zigtausend redlicher Arbeiter hat der Untergang einer kompletten Industrie sicher nicht gelegen, an den systemimmanenten Schwierigkeiten schon eher. Eine Generaldirektorin nennt einen weiteren Grund: „Im Westen hatten sie den Marshall-Plan, wir hatten das Kapital.“ Allerdings nur das von Karl Marx. Und Hans Modrow, Ex-Ministerpräsident, der bescheiden in der letzten Reihe sitzt, beklagt das Zerschneiden der Wirtschaftsstränge zu Ländern des RGW. „Ich habe im Februar 1990 in Bonn gesagt, dass wir ein Volkseigentum von etwa 1,2 Billionen Mark der DDR einbringen, und Treuhand-Chef Rohwedder sprach später von 650 Milliarden D-Mark, die er bekommen hat.“ Warum ist das alles verschwunden? „Das bitte soll die Bundesregierung beantworten und nicht ich.“

„Die Kombinatsdirektoren: Jetzt reden wir. Was heute aus der DDR-Wirtschaft zu lernen ist“ herausgegeben von Rohnstock Biografien, Berlin, 9,99 Euro.

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