Wirtschaft : Dem Euro fehlt noch die emotionale Qualität

KAREN WIENTGEN

BERLIN .Mit eindringlichem Blick wendet sich der korrekt gekleidete ältere Herr an sein Gegenüber.Den rechten Zeigefinger hebt er in die Höhe.Unter dem Foto des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt steht in blauen Buchstaben: "Der Euro ist im deutschen Interesse".Ein Ausschnitt aus der Euro-Kampagne der Bundesregierung, die der mißtrauischen Bevölkerung die Vorteile der Währungsunion näherbringen sollte.

Die Agentur von Mannstein war der kreative Kopf hinter den Anzeigen und Fernsehspots der Euro-Kampagne der Bundesrepublik.Ganz unbekannt war das Solinger Büro in Regierungskreisen nicht: Seit 1975 macht Coordt von Mannstein die Werbung im Bundeswahlkampf für die CDU - das letzte Mal mit groß ins Bild gerücktem Helmut Kohl vor schwarz-rot-gold.Ihr Konzept sei unter den eingereichten Entwürfen als am besten befunden worden, begründet die Agentur selbst, warum sie den Auftrag bekommen hat.

Keine leichte Aufgabe, die die Solinger auf sich nahmen.Denn: Wie wirbt man für ein Produkt, das noch nicht existiert? Wie kann man eine so abstrakte Botschaft wie eine neue Währung vermitteln? Wie die massive Mauer an Bedenken brechen, die gerade bei älteren Menschen besteht, die Angst um Ersparnisse und Rente haben? Denn der Euro hat politische sowie volkswirtschaftliche Auswirkungen und zudem mit dem täglichen Leben zu tun, wie Coordt von Mannstein sagt.Zudem hätten die Menschen eine starke emotionale Bindung an die vorhandene Währung."Um dieser Komplexität zu entsprechen, haben wir unsere Kampagne in unterschiedlichen Stufen geplant", erklärt von Mannstein die Vorgehensweise.Die könnte man zusammenfassend so beschreiben: Vom allgemeinen gingen die Werber zum besonderen.Zudem sollten erstmal die Meinungsbildner angesprochen werden, die dann wiederum die breite Bevölkerung überzeugen - ein klassisches Kommunikationsmodell.

Von vornherein stand fest, bei der Kampagne die Argumente in den Vordergrund zu rücken.Denn viele waren gegen den Euro eingestellt; hier hätte nach Meinung der Solinger Agentur eine rein emotionale Ansprache nichts bewirkt."Gerade beim Euro kam es darauf an, die Sorgen der Menschen, aber auch ihre Hoffnungen in die neue Währung aufzugreifen und durch entsprechende Information Verunsicherungen abzubauen", betont von Mannstein.Darum hat die Agentur in einem ersten Schritt unter dem Motto "Europa ist Zukunft" Denk-Anstöße gegeben.Bekannte Politiker ließ man dabei Aussagen über die politische Dimension des Euros abgeben.In einer zweiten Phase kamen Meinungsführer wie EU-Kommissarin Monika Wulf-Matthies, der Siemens-Vorstandsvorsitzende Heinrich von Pierer oder eben Helmut Schmidt zu Wort.In späteren Phasen ging die Agentur von Mannstein mehr ins Detail.Nach "Ratgeber-Spots" in der dritten Phase zeigte man in einer vierten Phase, wie die Bürger sich eigenständig über den Euro informieren können."Gerade die vierte Phase der Euro-Kampagne soll den Bürger zu einer Informations-Selbständigkeit bringen und ihn veranlassen, sich selbstinitiativ auf seine Fragen zum Euro eine Antwort einzuholen."

Was fehlt jetzt noch? Von Mannstein: "Der Zeitpunkt für eine neue Weichenstellung ist gekommen".Der Euro müßte mehr emotionale Qualität bekommen, indem gerade der Jugend kommuniziert wird, daß der Euro "mehr Spaß" und "mehr Freiheit" bedeute, findet der Professor.Der Auftrag der Agentur ist allerdings ausgeführt, einen neuen erhielt sie von der rot-grünen Regierung nicht.

Auf politischer Seite war das Bundespresseamt für die Information der breiten Bevölkerung zuständig.Zusammen mit der Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament hat es 1996 eine Aktionsgemeinschaft Euro gegründet.Zwischen 15 bis 17 Mill.DM schoß die Bundesregierung der Kampagne zwischen 1996 und 1998 im Jahr zu, aus Brüssel kam noch mal die Hälfte der Mittel.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben