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Der 10-Punkte-Plan : Wie Berlin zur digitalen Hauptstadt werden will

Eine Zehn-Punkte-Agenda soll Berlin zur digitalen Hauptstadt machen. Dafür will Bürgermeister Müller unter anderem 30 neue IT-Professuren schaffen.

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Berlin soll digitale Hauptstadt werden.
Berlin soll digitale Hauptstadt werden.Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Und dann steigt er ein. Die Fahrt nach morgen dauert für Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) an diesem Montag rund zehn Minuten. Vom Vorplatz der Technischen Universität über die Straße des 17. Juni, einmal um den Großen Stern und zurück Richtung Ernst-Reuter-Platz. Müllers Auto entscheidet selbst: Tempo 50 oder langsamer, Ampel rot oder grün, Spurwechsel ja oder nein.

2020 soll hochautomatisiertes Fahren auf deutschen Straßen Wirklichkeit sein – und dabei ein Berliner Markenzeichen. Seit 2011 kurvt dieses Auto aus dem Bestand der FU Berlin fahrerlos durch den dichten Verkehr der Metropole. Wenn es nach Müller geht, ist es nur eines von vielen Projekten, die die Hauptstadt in den kommenden Jahren zur Hauptstadt der Digitalisierung macht.

Mit einer Zehn-Punkte-Agenda, die er am Montag an der TU präsentierte, will er diesem Streben Nachdruck verleihen. „Man kann sich Olympia zum Ziel setzen“, sagte er mit einem selbstkritischen Blick auf die im Frühjahr gescheiterte Bewerbung, „man kann sich aber auch die Digitalisierung zum Ziel setzen.“

Bildung steht an erster Stelle

Dafür setzt Berlin vor allem auf ein Plus in der Forschung. 30 neue IT-Professuren sollen an den Unis und Fachhochschulen bereits im kommenden Jahr entstehen. Als Antreiber der Digitalisierung in den Bereichen Industrie 4.0, Smart City, Big Data und 3-D-Technologie, wie es in dem Papier heißt, an dem seit Juni rund 50 Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft gearbeitet hatten. Im Frühjahr hatte Tagesspiegel-Mitherausgeber Sebastian Turner die Idee von 100 zusätzlichen Professorenstellen in digitalen Disziplinen ins Spiel gebracht.

„Wir haben international starke Konkurrenten“, erläuterte Müller am Montag und meint Städte wie London, Paris oder Barcelona, die ebenfalls zu Vorreitern für die digitale Stadt werden wollen. Aber „wir haben ein starkes Wissenschaftsumfeld, eine einzigartige Gründerszene und ein starkes Partnernetzwerk“. Für 20 Professuren stehe die Finanzierung für 2016 bereits, sagte TU-Präsident Christian Thomsen. Sie seien zu etwa zwei Dritteln von der Wirtschaft finanziert, was aber keine Auswirkung auf die Unabhängigkeit der Forschung habe. Unter anderem hatten sich die Deutsche Telekom und das Berliner Online-Modeversandhaus Zalando an dem Arbeitskreis zur Digitalisierung beteiligt.

Berlin werde für die zusätzlichen Professuren, temporäre Berufungen von Top-Wissenschaftlern als „digitale Leuchttürme“ sowie für ein Zentrum Digitale Zukunft jährlich fünf Millionen Euro zur Verfügung stellen. Die Finanzierung soll über sechs Jahre laufen.

Ein Schaufenster für alle Berliner

Ein weiterer zentraler Gedanken der Agenda: Digitalisierung erlebbar und begreifbar machen. In einem sogenannten City-Lab sollen Bürger Stadtentwicklern, Ingenieuren und Kreativen beim Tüfteln an ihren Projekten zuschauen können. Was kann Digitalisierung? Wie lassen sich Energierversorgung, Müllentsorgung oder Verkehrströme durch die sinnvolle Nutzung großer Datenmengen verbessern? Wie kann der Verbraucher in seinen eigenen vier Wänden davon profitieren? Noch steht nicht fest, wann und wo das Lab eröffnet.

Es werde jedoch eine der ersten Maßnahmen aus der Agenda sein, sagte Nicolas Zimmer, Chef der Berliner Technologiestiftung. Augenblicklich würden mehrere „sehr attraktive Orte“ geprüft. Noch im Dezember werde es konkretere Planungen geben, damit das Lab – wie alle Punkte der Agenda – im kommenden Jahr angeschoben werden kann.

Was Tokio kann, soll Berlin auch können

Nicht ganz so schnell wird es wohl beim Thema 5G gehen. Zwar soll die neue Mobilfunktechnologie in der Hauptstadt als erster Metropole in Europa getestet und ausgerollt werden, wie Müller betonte. „Wir wollen ausgewiesene Testgebiete bestimmen.“ Wie schnell es dann gehen kann, ist nicht klar. Denn die neue Technologie wird erst zum Ende des Jahrzehnts praxisreif. So will Tokio 5G bis zu den Olympischen Spielen 2020 flächendeckend.

Die drei Netzbetreiber hierzulande – Deutsche Telekom, Vodafone und Telefonica (O2, E-Plus) – bekunden zwar Interesse, was Berlin angeht, halten sich aber mit Zusagen zurück. Erst am Wochenende hatte Berlins Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) im Tagesspiegel eine klare Aussage der Unternehmen gefordert. „Ich möchte, dass sich die Netzbetreiber zu Berlin als 5G-Standort bekennen.“ Wichtig wäre die Technologie für die Bundeshauptstadt allemal – auch für den Regierenden Bürgermeister. Denn ohne sie ist autonomes Fahren im Massenbetrieb gar nicht möglich. Müller steigt aus. „Man spürt gar nicht, dass ein Computer das Auto fährt.“

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