Wirtschaft : Der Kampf ist härter geworden

Lobbyarbeit für 1000 Berufe: Die Geschäftsbedingungen der Dienstleistungsgewerkschaft haben sich verschlechtert

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Fingerzeig. Frank Bsirske ist auch für deutliche Gesten zu haben. Mit Kanzler Schröder war er bald über Kreuz. 2001 besiegelten die Gewerkschaftschef die Fusion: Issen (DAG), van Haaren (Post), Mönig-Raane (Handel) Hensche (Medien) und Bsirske (ÖTV, von links). Fotos: dapd/dpa/ZB
Fingerzeig. Frank Bsirske ist auch für deutliche Gesten zu haben. Mit Kanzler Schröder war er bald über Kreuz. 2001 besiegelten...

Ein Mal noch. Mitte September lässt sich Frank Bsirske zum Verdi-Chef wählen. Das vierte Mal, zum letzten Mal. Im Februar wird Bsirske 60, und am Ende der nächsten Wahlperiode, im Herbst 2015, soll Schluss sein. Und dann? „Bsirske ist Verdi“, heißt es anerkennend und abschätzig zugleich in den Industriegewerkschaften Metall und Chemie. „Die Dienstleistungsgewerkschaft ist ein Vielvölkerstaat, der ohne Bsirske in seine Einzelteile zerfällt.“ Kann sein. Im ersten Halbjahr 2011 hatte der Vorsitzende nicht ein freies Wochenende. Ständig ist Bsirske unterwegs im Land, denn irgendeine Konferenz eines Fachbereichs oder Bezirks gibt es immer in der 1000 Berufe umfassenden Organisation. Und Bsirske, Mitglied der Grünen und in den 90ern als Stadtrat für das Personal Hannovers zuständig, hält den Laden zusammen.

Vor gut zehn Jahren ging Verdi an den Start. Nach einem zähen Vorbereitungsprozess fusionierten die ÖTV, die Gewerkschaften Handel, Banken, Versicherungen und Post, die IG Medien und die Deutsche Angestelltengewerkschaft (DAG) zur vereinten Dienstleistungsgewerkschaft. Das war dann damals mit 2,8 Millionen Mitgliedern die größte deutsche Gewerkschaft. Inzwischen ist Verdi an der IG Metall vorbeigeschrumpft: Mit gut zwei Millionen Mitgliedern ist die Dienstleistungsgewerkschaft inzwischen kleiner als die Industriegewerkschaft mit 2,2 Millionen Metallern.

„Wir haben in diesem Jahr deutlich mehr Eintritte und weniger Austritte und werden nur noch ganz knapp im Minus liegen“, glaubt Gerd Herzberg, stellvertretender Verdi-Chef und zuständig für Finanzen. Es gibt viele Ursachen für die Verluste: Der öffentliche Dienst ist auseinandergefallen, die Bundesländer betreiben inzwischen ihr eigenes Tarifgeschäft; das Outsourcen und Privatisieren hat Arbeitsplätze und Mitglieder gekostet; ehemals organisationsstarke Bereiche wie Post und Telekom haben erheblich verloren. Beim Handel, ist inzwischen rund jeder vierte Arbeitsplatz eine Minijob. „Die Prekarisierung schreitet immer weiter voran“, sagt Herzberg. Auch zulasten der Gewerkschaften.

„In Mitteleuropa sterben die Großorganisationen“, meint der Tübinger Sozialwissenschaftler Josef Schmid. Immerhin gebe es noch größere Verlierer als die Gewerkschaften. „Im Vergleich zur SPD oder zu den Kirchen steht Verdi gar nicht schlecht da.“ Der Schwund ist jedenfalls gestoppt, die IG Metall wird vermutlich in diesem Jahr und damit erstmals seit der Vereinigung positiv abschließen. „In der Wirtschaftskrise ist vielen klar geworden, dass Gewerkschaften wichtig sind“, glaubt Schmid.

Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung – diese Grundbotschaften des Turbokapitalismus machen den Gewerkschaften seit 20 Jahren zu schaffen. „Anzahl und Schärfe der Auseinandersetzungen haben erheblich zugenommen“, sagt Verdi-Vize Herzberg. Die Verteilungskämpfe seien „deutlich härter geworden“. Schuld seien die Arbeitgeber, die „früher mehr auf Sozialpartnerschaft setzen und heute mit größerer Härter ihre Position durchzusetzen versuchen“. Die Kräfteverhältnisse haben sich verschoben. Weil die Gewerkschaften schwächer sind und die Tarifbindung nachgelassen hat. Und weil die Politik, vor allem die Agenda-Politik des Sozialdemokraten Gerhard Schröder, die Bedingungen für die Gewerkschaften verschlechterte. „Durch die Ausweitung des Niedriglohnsektors haben die Arbeitgeber heute mehr Möglichkeiten zu agieren und billiges und nicht in einer Gewerkschaft organisiertes Personal einzusetzen“, sagt der Sozialdemokrat Gerd Herzberg. Paradox: Dort, wo es den Arbeitnehmern noch immer ziemlich gut geht, etwa im baden-württembergischen Maschinen- und Fahrzeugbau, ist der Organisationsgrad so hoch wie nirgendwo sonst. Und dort, wo die Arbeitnehmer den größten Schutzbedarf haben, wo sie erbärmlich bezahlt und erniedrigend behandelt werden, treten sie keiner Gewerkschaft bei. Dabei gibt es „gute Tarifabschlüsse nur in den Branchen, Betrieben und Dienststellen, wo es auch viele Verdi-Mitglieder gibt, die bereit sind, für ihre Interessen einzustehen“. So einfach ist das. Jedenfalls für Herzberg, der den Arbeitskampf finanzieren muss, wenn ohne Streik nichts geht. Es gibt keine Vorstandssitzung der Großgewerkschaft, in der nicht der eine oder andere Arbeitskampf genehmigt wird. Deshalb wird der Streikfonds aufgestockt: Von ursprünglich drei über heute sechs bis 2013 auf acht Prozent der Beitragseinnahmen. Damit legt die Dienstleistungsgewerkschaft noch immer deutlich weniger zurück als die IG Metall. 15 Prozent der Beitragseinnahmen fließen dort jedes Jahr in die Rücklagen für Arbeitskämpfe. Bei 442 Millionen Euro Einnahmen waren das im vergangenen Jahr gut 66 Millionen Euro. Verdi kassierte von seinen Mitgliedern 415 Millionen Euro. Der Mitgliedsbeitrag macht ein Prozent des Bruttoeinkommens aus, Rentner und Arbeitslose zahlen ein halbes Prozent ihres Einkommens.

Wenn Industriegewerkschafter bisweilen Verdi als „Chaostruppe“ empfinden, beschreibt Verdi-Vize Herzberg seine Organisation als „bunt, vielfältig und diskussionsfreudig“. Das kann man wohl sagen. In keiner anderen Gewerkschaft zwitschern so viele linke Vögel. Keine andere Gewerkschaft hat so gegen Schröders Agenda-Politik gezetert wie Verdi. Anderes war durchaus erfolgreich. Das jahrelange Beharren auf einen Mindestlohn hat dazu beigetragen, dass es inzwischen in diversen Branchen Lohnuntergrenzen gibt. Und es scheint in der Gesellschaft eine Stimmung für einen flächendeckenden Mindestlohn zu geben. Vielleicht 2013, vielleicht mit einer rot-grünen Regierung. „Das Thema Mindestlohn haben wir immer wieder nach vorne gebracht, andere kamen dann hinterher“, sagt Herzberg.

Überhaupt sei Verdi „eine politische Kraft geworden, die wahrgenommen wird“. Das meint auch Heiner Dribbusch von der Böckler-Stiftung des DGB. „Verdi wird mehr gehört als die Summe der Einzelgewerkschaften vorher.“ Auch ein Verdienst von Bsirske, der als Klassenkämpfer poltert und als Tarifverhandler geschmeidig Kompromisse eingeht. „Bsirske setzt die Themen sehr pointiert und ist doch bei der Umsetzung sehr pragmatisch“, sagt Herzberg über den Weggefährten der vergangenen zehn Jahre. „Im Ergebnis gibt es bei Verdi keine Flügelkämpfe.“ Die Flügel bindet Bsirske zusammen. Noch vier Jahre.

Gerd Herzberg

ist bei Verdi für Finanzen zuständig. Die Gewerkschaft erhöht die Einzahlungen in den Streikfonds. Und erreicht doch lange nicht das Niveau der IG Metall.

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