Deutsche Investoren verlieren 600 Milliarden Euro : Im Ausland verzockt

Schlechte Anlage: 600 Milliarden Euro haben Deutsche seit 2006 verloren. Gleichzeitig wurde im Inland immer weniger investiert.

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In den Sand gesetzt haben viele ihr Geld auf dem spanischen Immobilienmarkt. Am Ende bleiben Bauruinen wie hier in Sevilla. Foto: rtr
In den Sand gesetzt haben viele ihr Geld auf dem spanischen Immobilienmarkt. Am Ende bleiben Bauruinen wie hier in Sevilla. Foto:...Foto: REUTERS

Peer Steinbrücks Zukunftsinvestitionspapier ist voller großer Zahlen: 80 Milliarden Euro sollen hierzulande pro Jahr investiert werden, wenn die SPD an die Macht kommt – in Infrastruktur und Bildung. Das Geld soll in erster Linie von privaten Investoren kommen. Denn der Kanzlerkandidat wirft den Deutschen vor, sie hätten in den vergangenen Jahren zu viel Geld im Ausland angelegt und dabei hohe Verluste gemacht. „Zwischen 2006 und 2012 mussten wir 600 Milliarden Euro unseres Auslandsvermögens abschreiben“, steht in dem SPD-Papier.

Wie kommt diese Zahl zustande? Eine Erklärung gibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Wir haben uns die deutsche Leistungsbilanz, also die Kapitalströme ins Ausland, genau angeschaut“, erklärt DIW-Ökonom Ferdinand Fichtner. Das Ergebnis: Das Auslandsvermögen der Deutschen stieg zwischen 2006 und 2012 nur um 600 Milliarden Euro, obwohl im gleichen Zeitraum 1,2 Billionen Euro im Ausland angelegt wurden. Die Investoren – vom Kleinsparer über den Mittelständler bis zur Großbank – verloren also 600 Milliarden Euro, weil ausländische Immobilien oder Aktien an Wert einbüßten. „Besonders in den Jahren der Finanzkrise hat Deutschland im Ausland hohe Verluste gemacht, etwa beim Platzen der Immobilienblasen in den USA und in Spanien“, erklärt Fichtner. Allerdings sind die 600 Milliarden nur eine Bestandsaufnahme. Die Preise von Aktien und Immobilien können sich wieder erholen.

Alles in allem zieht das DIW den Schluss, dass die Deutschen ihr Geld besser im Inland hätten anlegen sollen: „Die Investitionen im Ausland haben sich aus gesamtwirtschaftlicher Sicht nicht ausgezahlt.“ Inländische Anlagen in Immobilien oder Staatstitel hätten sich dagegen als weitgehend stabil erwiesen. Doch die Deutschen brachten ihr Geld lieber ins Ausland – „wegen zu optimistischer Renditeerwartungen“, glaubt Fichtner. Das hat Folgen: Die schwache Produktivitätsentwicklung und das moderate Wachstum in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt seien auch eine Konsequenz der geringen Investitionen im Inland.

Das kritisiert auch die SPD. „In der Vergangenheit haben wir unsere hohe Ersparnis an das Ausland verliehen, statt in Deutschland zu investieren“, heißt es im Steinbrück-Papier. Die Investitionsquote, also das Verhältnis von Investitionen zum Bruttoinlandsprodukt, sei während der Krise auf 17 Prozent gesunken. „20 Prozent wären im internationalen Vergleich anzustreben“. So hoch ist die Quote etwa in Österreich und Finnland.

Die Wirtschaft weist den Vorwurf, sie investiere zu wenig im eigenen Land, zurück. „Während die Unternehmen in Deutschland heute deutlich mehr investieren als vor zehn Jahren, spart die Politik seit vielen Jahren am falschen Ende“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Martin Wansleben. Nur noch sieben Prozent der Staatsausgaben flössen in Investitionen, der Rest in den Staatsverbrauch. „Damit setzt Deutschland seine Wachstumsgrundlagen aufs Spiel.“

Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie gibt die Kritik an die Politik zurück. „Bund und Länder haben in der Vergangenheit viel zu wenig Wert auf investive Ausgaben gelegt, etwa für den Erhalt und den Ausbau der Infrastruktur“, sagt BDI-Chefvolkswirt Hans-Joachim Haß. Dass die privaten Investoren zögern, sei ebenfalls die Schuld der Politik. „Ein wichtiger Faktor sind Planungsunsicherheiten und Kostensteigerungen, die sich aus der mangelnd koordinierten Energiewende ergeben.“

Das DIW sieht aber durch die anhaltende Euro-Krise eine Trendwende. „Kapital auf der Suche nach sicheren Anlagemöglichkeiten floss mehr und mehr nach Deutschland.“ Die Investitionsschwäche anzugehen, sei nun der beste Beitrag, „den Deutschland leisten kann, um seinen Nachbarn zu helfen.“

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