Deutscher Verbrauchertag : Sharing Economy: Fluch oder Segen?

Carsharing, Airbnb und Co.: Auf dem Verbrauchertag wird heftig über die neuen Portale gestritten. Nur Angela Merkel und Heiko Maas fehlen. Die Krise fordert ihren Tribut.

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Lieber privat? Auch viele Berlin-Besucher buchen über Airbnb.
Lieber privat? Auch viele Berlin-Besucher buchen über Airbnb.Foto: dpa

Die Spürhunde des Bundeskriminalamts waren ein wenig übereifrig. Pflichtbewusst hatten sie erst die Stuhlreihen des altehrwürdigen Museums für Kommunikation in Berlin nach Sprengstoff abgesucht, um dann, offensichtlich Opfer ihrer nervlichen Anspannung, eine unschuldige Abstimmungsbox zu zerfetzen. In die hätten die Besucher des Deutschen Verbrauchertags – Politiker, Behördenvertreter, Wissenschaftler und Verbraucherschützer – eigentlich ihre Karten einwerfen sollen, mit denen sie die alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung hätten bewerten können.
Hätte, hätte, Fahrradkette. Am Ende war der Hundeeinsatz nämlich für die Katz. Bundeskanzlerin Angela Merkel, die noch am Sonntag den Verbraucherschützern ihren Besuch versprochen hatte, sagte am Montag morgen in letzter Minute ab. Griechenland geht vor. Und auch Heiko Maas (SPD), der Bundesjustizminister, schickte seinen Staatssekretär Ulrich Kelber. Maas musste nach Israel reisen statt in die Leipziger Straße, um dort seinen Parteifreund Sigmar Gabriel zu vertreten. Denn auch Gabriel blieb wegen Griechenland zu Hause.

Sharing Economy spart Geld und Ressourcen, sagt die Befürworterin

So konnten weder Maas noch Merkel dem Motto des Verbraucherschutzkongresses frönen – teilen, haben, teilhaben. Gemeint ist damit die Sharing Economy, jenes wachsende Geschäft mit dem Teilen: Statt ein eigenes Auto zu haben, mietet man sich eines bei Bedarf. Statt ins Hotel zu gehen, zieht man in eine online gebuchte Privatunterkunft. Statt ein Taxi zu rufen, steigt man bei Uber ein.
Das spart Geld, stärkt die soziale Community und ist ökologisch nachhaltig, meint Francesca Pick. Sie vertritt auf dem Verbrauchertag das Netzwerk „Ouishare“, das entsprechende Internetportale verknüpft. „Für jedes Bedürfnis gibt es inzwischen eine Plattform“, freut sich Pick – egal, ob es um Heimwerkergerät, Essensreste, Kunstwerke oder Finanzdienstleistungen geht. Pick schwärmt vom höheren Lebensstandard, der entsteht, und dem sozialen Gefüge, das gestärkt werde.

Die Sharing Economy ist schädlich, sagt der Kritiker

Harald Welzer hält das für Blödsinn. Teilen sei keine Erfindung der Internetgeneration, gibt der Soziologe zu bedenken. Auch der öffentliche Raum – Stadtbibliotheken, Schwimmbäder oder Parks, mit Steuergeldern finanziert - sei nichts anderes als Teilhabe. Die Sharing Economy bringt das in Gefahr, fürchtet Welzer, der derzeit eine Professur an der Uni Flensburg innehat. „Alles wird individualisiert und merkantilisiert“ schimpft Welzer über den „Plattformkapitalismus“. Statt einen Besucher wie früher kostenlos im freien WG-Zimmer übernachten zu lassen, wird die Bude bei Airbnb eingestellt. Statt Nachbarn Heimwerkergeräte zu borgen, werden sie im Internet gegen Gebühr angeboten. Mitmenschlichkeit bleibe auf der Strecke, genauso wie sozialversicherungspflichtige, ordentliche Arbeitsplätze, etwa in Hotels oder im Taxigewerbe.
Mit seiner Kritik trifft der Soziologe den Nerv der deutschen Verbraucher. Denn die sind durchaus bereit zu teilen. 88 Prozent würden Dinge verleihen, hat eine am Montag vorgestellte Umfrage von TNS Emnid anlässlich des Verbrauchertags ergeben. Allerdings wollen 79 Prozent der Konsumenten das nur im Freundes- und Bekanntenkreis tun.

Der Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (VZBV), Klaus Müller, ist da weiter. Müller nutzt privat durchaus Privatquartiere oder Carsharing-Angebote, als oberster deutscher Verbraucherschützer sieht er aber auch die Schattenseiten. Datenschutzprobleme, wenn Nutzerprofile gebildet werden, und ungeklärte Haftungsfragen gehören dazu. Zudem seien klare Grenzen zwischen gewerblichen und privaten Anbietern nötig. Privatleuten will der Verbraucherschützer Sharing-Dienste erleichtern – etwa mit Hilfe von Bagatellklauseln, die es Mietern erlauben, Zimmer in Grenzen weiterzuvermieten. Gewerbliche Portale hingegen müssten Qualität sicherstellen.

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