Wirtschaft : Die Baisse an Asiens Börsen ist vorbei

JOBST-HINRICH WISKOW

BERLIN .Asienkrise? Welche Asienkrise, bitte schön? An den asiatischen Aktienmärkten geht es wieder aufwärts.Die Indizes der wichtigsten Börsen haben sich kräftig erholt: Binnen drei Monaten verbesserten sich der Hang-Seng-Index in Hong Kong, gerechnet auf D-Mark-Basis, um 30,0 Prozent der Straits-Index in Singapur um 29,4 Prozent, der Kospi in Seoul um 26,8 Prozent.Sogar die krisengeschüttelte Tokioter Börse machte Plus: Der Nikkei-Index verbesserte sich im selben Zeitraum auf D-Mark-Basis um 4,1 Prozent.

"Tokio ist das nächste große Geschäft", sagt Marc Faber, Vermögensverwalter in Hong Kong.Der Mann, der als traditioneller Skeptiker der japanischen Märkte gilt, strotzt voller Optimismus.Auch der Chefstratege der Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter, Barton Biggs, hält neuerdings große Stücke auf Japan-Aktien.Biggs erhöhte den Anteil japanischer Aktien im Musterdepot - von 40 auf 75 Prozent.Sein Motiv: "Der japanische Markt ist wirklich billig."

Nicht wirklich, Mister Biggs: Zwar notiert der wegweisende Index Nikkei-225 der wichtigen Standardwerte ungefähr auf dem Stand von vor zwölf Jahren.Aber die Aktien sind trotzdem recht teuer.Das kann man mit dem Kurs-Gewinn-Verhältnis herausfinden: Damit stellt man fest, das Wievielfache des anteiligen Gewinns Anleger für eine Aktie bezahlen müssen.Während dieses Verhältnis in Deutschland durchschnittlich zwischen 20 und 25 liegt, beträgt der Schnitt in Japan zwischen 50 und 55.Japanische Aktien sind folglich ungefähr doppelt so teuer wie deutsche Aktien.

Zweifel bringen zudem die nach wie vor pessimistischen Aussichten über die künftigen Unternehmensgewinne."Die Konjunktur bleibt auf Talfahrt", stellt Dung Tran Dinh von der Norddeutschen Landesbank in Hannover fest."Momentan gibt es kein positives Signal für eine Besserung." Selbst das Konjunkturpaket der Regierungspartei hellte die Stimmung an der Börse nicht auf.Am Sonntag beraten Kabinettsvertreter und Spitzenpolitiker der Liberaldemokratischen Partei über das Vorhaben.Es soll mit einem Volumen von mehr als 20 Billionen Yen (277 Mrd.DM) das größte Konjunkturprogramm der japanischen Geschichte werden.Die Reaktion der Börse: Dem Plan fehlten die neuen Impulse, vor allem mangele es an zusätzlichen Steuerentlastungen, um den Konsum in der Rezession wieder anzukurbeln.

Die Gewinne, die die großen Unternehmen veröffentlicht haben, liegen im Durchschnitt zwei Drittel unter denen des Vorjahres - so die von Toshiba, Hitachi und Nomura Securities.Aber es gibt attraktive Ausnahmen: Der Gewinneinbruch bei Sony fiel weniger heftig aus, Canon und Honda haben den Ertrag sogar gesteigert.Trotzdem weisen die Titel von Canon und Honda ein außerordentlich günstiges Kurs-Gewinn-Verhältnis auf: 17 bei Canon, 29 bei Honda.

Warum sind diese Aktien so billig? Tran Dinh: "Viele Anleger haben Export-Aktien verkauft, als der Yen gegenüber dem Dollar viel stärker wurde." Denn deshalb seien die Preise japanischer Produkte im Ausland gestiegen, die Absatzchancen gesunken.Freilich, so der Analyst, habe der Yen inzwischen wieder an Stärke verloren - was gut sei für die Exportwirtschaft.Aufgrund der Risiken empfiehlt Tran Dinh privaten Sparern den Einstieg erst, sobald der Nikkei-Index die 15 000-Punkte-Hürde übersprungen hat.Noch sollten Investoren sich zurückhalten: Am Freitag schloß der Nikkei mit 14 268,21 Zählern.

Dagegen rät die US-Investmentbank Merrill Lynch risikofreudigen Anlegern jetzt schon wieder zu Asien-Aktien."Wir legen nun mehr Geld in Korea und Thailand an, unseren beiden bevorzugten Märkten in Asien", verkündet Merrill Lynch das Comeback der Tigerstaaten.Unterstützung erhalten die Wagemutigen von der Zürcher Bank Hofmann AG.Die verweist darauf, daß "Begriffe wie Crash oder Panik" zum Teil angebracht waren - aber es heutzutage eben nicht mehr sind."Die Schneebälle des anfänglich selektiven Kapitalabflusses aus strukturell problematischen Schwellenländern haben sich zur Lawine des generellen Rückzuges internationaler Investoren ausgewachsen", stellt das Institut fest.

Doch nun könne es gar nicht mehr viel schlimmer kommen, ist Johannes Stoll überzeugt.Der Volkswirt, bei der DG Bank in Frankfurt (Main) zuständig für Asien, spricht inzwischen von der "Reinigungsphase", die im kommenden Jahr in die "Stabilisierungsphase" übergehe."Wir haben den tiefsten Punkt der Krise erreicht." Südkorea, die Philippinen und Singapur dürften 1999 schon wieder einen konjunkturellen Aufschwung erleben.Einzelne Unternehmen wurden durch den Ausverkauf der weltweiten Anleger zu regelrechten Schnäppchen.Beispiel Singapore Airlines: Die Fluggesellschaft, die Vielflieger immer wieder zur besten ihrer Zunft wählen, war auf dem Kurstableau in der Baisse kaum noch etwas wert.Die Börsenkapitalisierung - die Summe der Kurse aller Aktien des Unternehmens - lag sogar ein Drittel unter dem Wert, den man theoretisch erzielt hätte, wenn man alle Flugzeuge von Singapore Airlines verkauft hätte.

Nach Ansicht der DG Bank ist die Zeit des großen Aktienkaufs noch nicht gekommen."Die Chancen sind zwar größer als die Risiken", sagt Jan Holthusen, zuständig für die Geldanlage in aufstrebenden Märkten.Aber private Anleger sollten vorerst noch abwarten.Holthusen: "Wenn das schlechte Szenario doch noch eintritt, sieht es sehr böse aus."

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben