Wirtschaft : Die Billionen-Dollar-Frage

China sitzt auf einem riesigen Devisenberg. Jeden Tag kommen weitere Milliarden hinzu. Das erschwert den Umbau der Wirtschaft

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Alles wird teurer. China kämpft mit einer Inflation von 6,5 Prozent und Spekulationsblasen. Foto: dpa
Alles wird teurer. China kämpft mit einer Inflation von 6,5 Prozent und Spekulationsblasen. Foto: dpaFoto: dpa

Amerikas Schuldenkrise hat China in Aufregung versetzt. Rund 1,2 Billionen US-Dollar hält die Volksrepublik in amerikanischen Staatsanleihen und fürchtet nun um ihre Investitionen. Washington müsse seine „Schuldensucht“ endlich in den Griff bekommen, heißt es in den Staatsmedien.

Die ungewöhnlich harsche Kritik an den USA werten Marktbeobachter jedoch auch als Manöver, mit dem die Führung in Peking von ökonomischen Fehlentwicklungen im eigenen Land ablenken will. Schon seit geraumer Zeit versucht die Regierung, gegen die hohe Preissteigerung vorzugehen – mit mäßigem Erfolg. Im Juli stieg die Inflation erneut stark um 6,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat (zum Vergleich: Deutschland plus 2,4 Prozent). Mit Sorgen betrachten Experten auch die Schuldenberge, die lokale Regierungen angehäuft haben, um Infrastrukturprojekte oder spekulative Immobiliengeschäfte zu finanzieren. Vor kurzem warnte die Ratingagentur Moody’s, dass sich die Verschuldung der Lokalregierungen zu einem ernsthaften Risiko für Chinas Banken entwickeln könnte. Moody’s schätzt, dass acht bis zwölf Prozent dieser Kredite nicht zurückgezahlt werden können.

Die Schuldenlast in den Provinzen, Preissteigerungen und die Immobilienblase – all das sind Folgen des riesigen staatlichen Konjunkturprogramms, mit dem Peking seit 2008 versucht, das Land durch die weltweite Finanzkrise zu steuern. Eben diese Krise hatte die Pläne der chinesischen Regierung ausgebremst, den Umbau der Wirtschaft voranzutreiben. Wichtigstes Unterfangen ist dabei die Neuausrichtung der Wirtschaft, weg von einem exzessiven und exportgetriebenen Wachstum hin zur Stärkung des Binnenmarktes. Wiederholt hat Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao hervorgehoben, dass das derzeitige Wirtschaftsmodell „unausgewogen, instabil und nicht nachhaltig“ sei. Doch der Umbau kommt nur schleppend voran. „Chinas vorrangiges Augenmerk liegt darauf, für Beschäftigung zu sorgen. Und als Exportkraftpaket konnte man die Bevölkerung bisher mit Arbeit versorgen“, sagt Paul Schittek, Marktbeobachter der US-Beratungsfirma „Tigerpacs“, die auch Unternehmen in China berät. Ein zu schneller Umbau der Wirtschaft, fürchtet man in Peking, könnte die Zahl der Arbeitslosen und damit die Gefahr von sozialen Spannungen erhöhen.

Mit dem neuen Fünf-Jahres-Plan hat sich Chinas Regierung zum Ziel gesetzt, den Konsum anzukurbeln und die Abhängigkeit von den Ausfuhren zu verringern. Dass der Wandel kommen muss, darin sind sich auch chinesische Wirtschaftswissenschaftler weitgehend einig. Doch vorerst exportiert China weiter mehr, als es importiert und erwirtschaftet einen gigantischen Handelsüberschuss von zwei Milliarden Dollar am Tag. Doch wohin mit dem vielen Geld? Verglichen mit den Problemen in den USA und in der Eurozone ist dies ein Luxusproblem. Doch die Sorge der chinesischen Regierung um den Wertverlust ihrer Anlagen bleibt.

Über zwei Jahrzehnte hat die Volksrepublik erfolgreich auf den Export gesetzt, auch mithilfe der unterbewerteten chinesischen Währung. Deshalb sitzt die Führung in Peking auf einem riesigen Devisenberg von derzeit rund 3,3 Billionen Dollar. So verständlich die Sorgen um den Wert des Dollarvermögens auch sein mögen, die US-Schuldenkrise offenbart, dass sich China mit dem einseitigen Kauf von US-Anleihen in eine prekäre Situation gebracht hat.

„China muss seine Anlagen in ausländische Staatsanleihen weiter streuen. Die derzeitige Krise muss als Weckruf dienen“, fordert Cheng Xiaohe von der Pekinger „Renmin University“. Dagegen warnt der Chefvolkswirt der „Deutschen Bank China“, Ma Jun, vor Überreaktionen. „Chinas Strategie, seine Devisenreserven schrittweise zu diversifizieren, sollte fortgesetzt werden“, meint er. Einen Schritt in diese Richtung hat die Zentralbank jetzt getan. Am Donnerstag meldete der weltgrößte Rückversicherer Munich Re, dass die Investorentochter SAFE der People’s Bank of China ihre Anteile an dem Unternehmen auf 3,04 Prozent gesteigert hat. Wert der Aktien: rund 472 Millionen Euro.

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