Wirtschaft : Die Greencard-Inhaber fühlen sich überflüssig

Luise Gunga

Ende Oktober meldete die Bundesanstalt für Arbeit, dass die Zehntausender-Grenze bei den Greencards für ausländische Informationstechnik (IT)-Spezialisten überschritten und das Interesse vor allem bei Betrieben mit bis zu 100 Beschäftigten nach wie vor groß sei. Doch während das Sofortprogramm für ausländische Informatiker, die ohne große bürokratische Hemmnisse in Deutschland arbeiten und leben sollten, als Erfolg gefeiert wird, haben die ersten Greencard-Besitzer Deutschland wieder verlassen.

Die Situation ist paradox. In der IT-Branche besteht weiter erheblicher Bedarf nach spezialisierten Arbeitskräften. Zahlen von 80 000 bis 140 000 fehlenden Arbeitskräften werden genannt. Doch die vielen Firmen-Pleiten treffen auch angestellte Greencard-Besitzer. "Viele mussten sich eine Anschlussbeschäftigung suchen", meint Erika Rell vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Wie viele dies jedoch sind, weiß niemand genau.

S. Lim (28, Name geändert) hat einen Hochschulabschluss im Fach Informations-Systeme und lange in den USA als IT-Spezialist gearbeitet. Er wurde bei seiner Firma gekündigt. Damit begann im August eine Ämter-Odyssee, die am 2. Dezember mit seiner erzwungenen Ausreise endete: "Ich bin zum Ausländeramt in Aachen. Sie haben mir nicht geholfen. Irgendwie hatten sie überhaupt keine Idee, was sie tun sollten. Dann war ich beim Arbeitsamt. Die Jobs, die mir angeboten wurden, waren nur für Leute, die Deutsch sprechen konnten. Dann habe ich mein Appartement verlassen und meine Krankenkasse kündigen müssen. Als ich Hilfe brauchte, bin ich zum Sozialamt gegangen. Sie haben mir nicht geholfen, weil ich kein Deutscher bin." Zum Schluss musste er sogar seinen Computer verkaufen.

Den deutschen Behörden ist anzumerken, dass niemand damit gerechnet hat, dass die IT-Spezialisten arbeitslos werden könnten. Für Greencard-Besitzer, die geglaubt haben, gebraucht zu werden, ist diese Entwicklung ein Schlag ins Gesicht. Warum, fragen sich die Computer-Kräfte, werden von ihnen Kranken-, Arbeitslosen- und Sozialversicherungsbeiträge in voller Höhe in das deutsche Versicherungssystem einbezahlt, wenn sie in den ersten zwölf Monaten ihres Hierseins im Notfall selten Leistungen erhalten? Hier sind die Sozialämter zuständig. Werden die Ausländerbehörden eingeschaltet, setzen diese unter Umständen alles daran, bedürftig gewordene IT-Fachkräfte in ihre Heimatländer zurück zu senden. Aber auch hier lässt sich keine einheitliche Linie der Behörden feststellen. Die Aufenthaltsgenehmigung für IT-Fachkräfte fußt auf einer eigenen Rechtsgrundlage und ist nicht an das Ausländerrecht gekoppelt. "Das ist das Problem", meint auch Jochen Reuter, Vorstand der Wimmex AG in München, die eine Greencard-Studie vorgelegt hat. Verliert ein IT-Fachmann seinen Job, kann er sich eine neue Arbeit nur in der IT-Branche suchen.

München hat in Deutschland die mit Abstand größte Zahl an ausländischen Arbeitnehmern mit Greencard. Die Zahl der arbeitslos gewordenen IT-Spezialisten ist auch hier noch an zwei Händen abzuzählen. Schwieriger ist dagegen die finanzielle Situation der arbeitenden Greencard-Inhaber, die nicht selten 30 Mark für den Quadratmeter Wohnraum berappen müssen. Viele angeworbene Spezialisten fallen aus allen Wolken, wenn sie als Single in Deutschland mit Abzügen von bis zu 48 Prozent konfrontiert sind und dann erst den erheblichen Unterschied zwischen Brutto- und Nettolohn begreifen. Naiv? Wohl kaum, denn das Erstaunen über die Höhe der Abgaben ist auch bei den deutschen Arbeitnehmern immer wieder groß. Zumal das 100 000-Mark-Jahresgehalt nur bei 1392 der 10269 Greencard-Arbeitsverträgen vereinbart wurde. "Das Gros", so Hans-Joachim Fuchs, Bereichsleiter Greencard-Arbeitnehmer des Arbeitsamtes München, "verdient deutlich darunter - mit sinkender Tendenz". Die Firmen zahlen für Berufseinsteiger 60 000 bis 85 000 Mark, immer noch stolze Summen, die jedoch mit den Löhnen der Boomphase 2000 nicht zu vergleichen sind.

Arbeitslose Experten nehmen oft an, ihr Aufenthaltsrecht sei nur an den Arbeitsvertrag gebunden. Nachdem sie gekündigt wurden, hätten sie Deutschland wieder zu verlassen. Das müssen sie jedoch nicht. Erst wenn es ihnen nicht gelingt, in der Branche weiter beschäftigt zu werden und sie nicht in der Lage sind, sich selber zu finanzieren, müssten sie heimkehren, erklärt Sabine Seidler von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung. Auch das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung sieht das Problem, dass ausländische IT-Arbeitnehmer zu wenig betreut würden. Das Münchner Arbeitsamt hat bereits Pläne: Sie wollen Stammtische für Inder einrichten, um die IT-Spezialisten zueinander zu bringen und ihnen gezielt Informationen geben zu können. IT-Spezialist Wong Chan ist bereits nach China zurückgekehrt. Er möchte aber nach Deutschland wiederkommen "auch wenn ich nur komme, um hier ein China-Restaurant zu eröffnen".

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