Wirtschaft : Die Mehrwertsteuer-Piraten

In ganz Deutschland steigt der Satz, nur auf Helgoland bleibt er bei null Prozent. Die Insel hofft auf ein kleines Wirtschaftswunder

Nils-Viktor Sorge

Helgoland - Wenn Kaufmann Rudolf Antony auf die Mehrwertsteuererhöhung zu sprechen kommt, lächelt er, und ein paar seiner Goldzähne blitzen hervor. „Ich erhoffe mir davon schon einen gewissen Aufschwung“, sagt er und nickt, sein grauer Pferdeschwanz beginnt dabei zu wippen. Antony handelt auf dem Helgoländer Oberland mit Ferngläsern, Kosmetik und dänischem Porzellan – ein für die Insel typisches Gemischtsortiment wertvoller Produkte mit einem Sinn: Die Kunden sparen jede Menge Mehrwertsteuer, die auf Helgoland nicht anfällt. „Schon jetzt bin ich deshalb deutlich billiger als die Konkurrenz auf dem Festland“, sagt Antony. Er blickt über seine Kasse hinweg durch das Schaufenster auf die unruhige Nordsee. „Und ab dem 1. Januar wird der Abstand noch größer.“

Helgoland freut sich auf die Mehrwertsteuererhöhung. Denn während Handel und Verbraucher in der übrigen Bundesrepublik dem Anstieg des Satzes von 16 auf 19 Prozent mit ungutem Gefühl entgegensehen, bleibt auf Deutschlands einziger Hochseeinsel alles beim Alten: null Prozent auf Lebensmittel, null Prozent auf alle sonstigen Produkte und Dienstleistungen. Angela Merkels Steuer-Manöver auf dem Festland könnte den zuletzt wirtschaftlich gebeutelten Felsen für Touristen und Investoren daher attraktiver machen, hoffen viele der 1650 Insulaner.

Ihre heutige Rolle als MehrwertsteuerPiraten verdanken die Helgoländer noch einer anderen mächtigen Frau. Nachdem die Insel von 1808 bis 1813 den Engländern als Schmuggelplatz gegen Napoleons Kontinentalsperre diente, erließ die englische Königin Victoria zum Dank später das Zolldekret, auf das die Mehrwertsteuerfreiheit zurückgeht. Die damals britische Insel wurde von Abgabenzahlungen gegenüber dem Mutterland freigestellt. Helgoland sollte seinen Gemeindehaushalt mit eigenen Einfuhrzöllen auf teure Verbrauchsgüter wie Spirituosen und Petroleum bestreiten.

Die Deutschen, die die Insel 1890 im Tausch für die Kolonie Sansibar erhielten, behielten dieses Prinzip bei. Helgoland gehört weder zum Zollgebiet der EU noch zum deutschen Steuergebiet. Es ist daher auch nach dem Ende der Butterfahrten Ende der 90er Jahre ein Duty- Free-Paradies geblieben, das auch von den Einkäufen der Touristen lebt – zuletzt allerdings immer schlechter. Denn mit den Billigfliegern wurden andere Ziele für die Deutschen interessant. Zudem schmälerten die Preisschlachten der Discounter den Reiz, auf der Insel einzukaufen. Naturliebhaber glichen die Verluste nicht aus.

Die jüngste Hiobsbotschaft erreichte die gut einen Quadratkilometer große Insel am 9. Dezember: Die „Wappen von Hamburg“, 41 Jahre altes Flaggschiff für 1800 Passagiere und Symbol des Helgolandverkehrs, hat ausgedient. Gleichwertigen Ersatz wird es nicht geben. In den 70er Jahren kamen jährlich mehr als 800 000 Gäste auf die damals oft als „Fusel-Felsen“ verspottete Insel, mittlerweile nur noch gut die Hälfte. Auch von den traditionellen Börtebooten, die die Passagiere von den Schiffen an Land bringen, gibt es deshalb weniger. Trotzdem klammern sich viele Insulaner an das Geschäft mit den Einkaufstouristen. Die Steuererhöhung soll nun die Wende zum Besseren bringen.

Vom Südhafen ist es zu Fuß gut eine Viertelstunde ins Helgoländer Ortszentrum. Andreas Cohrs hat in seiner Parfümerie außer Flakons auch Modelleisenbahnen im Schaufenster – „als Hingucker“, sagt er. Die Kunden schauen auf die Preisschilder: Etwa 16 Prozent über Cohrs’ Preis liegt die zum Vergleich angegebene Empfehlung von Märklin. Der TEE kostet bei Cohrs 687 Euro, der Hersteller empfiehlt 798 Euro. Zum 1. Januar wird der Insulaner seine Preise wohl sogar senken. Denn Märklin habe die höhere Mehrwertsteuer bereits eingepreist. Deshalb kann er die drei Prozentpunkte im neuen Jahr an die Kunden weitergeben. Der TEE koste dann nur noch 670 Euro.

Von diesem Effekt erhofft sich auch Helgolands Bürgermeister Frank Botter (SPD) einen Aufschwung für die Insel, zumal die Freigrenze für den mehrwertsteuerfreien Einkauf für Touristen zum Jahreswechsel von 175 auf 430 Euro erhöht wird. Doch die Insel müsse die Steuererhöhung noch anderweitig nutzen, um langfristig überleben zu können: Unternehmer sollen Helgoland als Steuerparadies für sich entdecken. „Wir müssen den Menschen hier zukunftsfähige Jobs bieten“, sagt Botter und streift seine Wetterjacke über den Seglerpulli.

Draußen bläst ihm der Wind aus Südwest ins Gesicht, während er in Richtung des alles überragenden Sendemastes der Deutschen Telekom auf dem Oberland marschiert. Botter kürzt den Weg über eine Wiese ab, die gespickt ist mit Ziegelsteinen und anderen Trümmerresten. 1945 zerbombten die Alliierten die deutsche Militärbasis Helgoland, zwei Jahre später versuchten sie als Besatzer vergeblich, die Insel komplett in die Luft zu jagen.

Vor dem rot-weiß lackierten Mast, der jetzt auf den Trümmern steht, bleibt Botter stehen und grinst. „Alles, was unsere Insel über diesen Mast verlässt, ist mehrwertsteuerfrei.“ TV-Sender, Callcenter, Internetdienstleister – sie alle könnten nach Botters Vorstellung ihre Angebote von Helgoland aufs Festland funken, ohne ihren Kunden die Steuer auf die Rechnung zu schlagen.

Der erste Weg auf der Insel könnte sturmfeste Unternehmer in die Steuerkanzlei Forseti führen, benannt nach dem heidnischen Schutzgott des Helgoländer Süßwasserbrunnens. „Stoßen Sie sich nicht den Kopf“, warnt Frank Winter Mandanten, die er in der kleinen Küche des 60-Quadratmeter-Büros im Dachgeschoss über der Volksbank empfängt.

Winter, früher Finanzbeamter, bestätigt: „Wer Unternehmenssitz und Betriebsstätte auf Helgoland hat, muss Privatkunden für bestimmte Dienstleistungen keine Mehrwertsteuer berechnen.“ Das sehen immerhin auch der Deutsche Steuerberaterverband und das schleswig-holsteinische Finanzministerium so. „Ab einer gewissen Umsatzgröße könnte daher auch ein Umzug lohnen“, sagt Winter. Erst recht nach der Steueranhebung.

Ihn wundert es nicht, dass eine Reihe von Steueroasen-Findern die kleine Insel bereits auf dem Radarschirm haben. „Ziehen Sie um nach Helgoland“, rät etwa der selbst ernannte „Finanz-Guru“ Gerhard Kurtz in einer elektronischen Broschüre. So ließe sich die „hässliche 19“ umgehen. Sonst gibt Kurtz Reports wie „Liechtenstein intim“ oder „Sark intim“ heraus.

Bislang ist die große Invasion der Investoren zwar ausgeblieben. Den Flecken Erde, auf dem man lebt, in 45 Minuten umwandern zu können – diese Aussicht schien den Steuervorteil für viele Landratten zuletzt noch aufzuwiegen. Einige Insulaner versuchen die soziale Kontrolle zu umgehen, indem sie ihr Toilettenpapier online bestellen und in einer neutralen Verpackung bekommen. „Die anderen müssen nicht auch noch wissen, ob ich zwei- oder dreilagiges Papier benutze“, sagt einer.

Doch die ersten Interessenten haben bei Bürgermeister Botter schon angerufen. Und eine Handvoll Schiffsgastronomen hat Helgoland bereits als Unternehmenssitz gewählt, um ihre Currywurst an Bord von Fähren steuerfrei anzubieten. Ein weiterer Unternehmer hat seinen Sitz vom Festland auf die Insel verlagert, um Inhalte von Online-Diensten von der Insel aus zu verkaufen – ohne Mehrwertsteuer. Mit Fremden reden die Inhaber dieser Firmen nicht gerne. Zu tief sitzt offenbar die Furcht, Festland-Politiker könnten den Insulanern ihre Freiheit wieder nehmen.

Bürgermeister Botter dagegen besteht auf den Steuerprivilegien für seinen „Stein“, wie er die Insel gern nennt. „Wir haben sonst einfach keine Entwicklungsmöglichkeiten.“ Auch die im Südhafen geplante Marina für 240 Jachten sei wegen der mehrwertsteuerfreien Serviceleistungen für Skipper interessant. Auf dem Weg zurück in sein Büro blickt Botter noch einmal aufs Meer. „Wir müssen endlich lernen, dass die Welt dahinten am Horizont nicht zu Ende ist.“

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