Wirtschaft : „Die Qualität ist wichtiger als der Preis“

Warentester Brinkmann über gefährliche Produkte und Konzerne, die schlechte Prüfurteile nicht hinnehmen

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Herr Brinkmann, wie sinnvoll sind Ihre aufwendigen Produkttests in der heutigen Zeit, in der vor allem der Preis zählt?

Die „Geiz-ist-geil“-Mentalität gefällt uns nicht. Der Preis ist ein wichtiger Orientierungsmaßstab, aber man sollte ihn nicht zu sehr in den Vordergrund stellen. Die Qualität ist wichtiger als der Preis.

Unterschiede zwischen den Produkten können doch häufig nur noch die Produkttester feststellen.

Nein, wir haben nach wie vor große Unterschiede bei unseren Qualitätsurteilen. Vor allem wenn man bestimmte Vorstellungen von dem hat, was man will, bleiben oft nur zwei oder drei Produkte übrig.

Gibt es Produkte, die immer noch gefährlich sind?

In der gesamten Gartentechnik haben wir Sicherheitsmängel, zum Beispiel bei Komposthäckslern. Auch dann, wenn die Nutzung von elektrischem Strom und von Wasser zusammenkommt, kann die Sache gefährlich werden. Bei Dampfreinigern hatten wir auch solche Probleme.

Wie kann es so etwas in Deutschland geben? Haben wir zu schwache Gesetze, oder halten sich die Hersteller nicht daran?

Beides. Es gibt Anbieter, die fahrlässig mit der Gesundheit der Kunden umgehen. Aber auch die Gesetze bieten keinen rundum wirksamen Schutz. Sie enthalten Generalklauseln, die dem Produzenten viel Spielraum lassen. Wir haben oft erlebt, dass ein Hersteller das CE-Prüfzeichen bekommt und wir später feststellen, dass das Gerät unsicher ist.

Gibt es Produkte, die Sie nicht testen können?

Zigaretten und Spirituosen testen wir aus ethischen Gründen nicht. Fertighäuser und Segelyachten wären im Einkauf zu teuer. Das würde schon einen Großteil unseres Prüfetats aufzehren.

Was kostet ein Produkttest?

Zwischen 30 000 und 80 000 Euro.

Ein Pizzatest wohl eher 30 000 Euro?

Wo denken Sie hin! Lebensmitteltests sind teuer. Sie dürfen sich nicht vom niedrigen Beschaffungspreis täuschen lassen. Lebensmittelprüfungen sind aufwendig. Wenn wir Verbraucher bitten, Säfte oder Ähnliches zu probieren, brauchen wir schon 130 Konsumenten, manchmal sogar doppelt so viele, um ein aussagekräftiges Bild zu bekommen.

Und am Ende siegt sowieso wieder Aldi.

Nein, Aldi schneidet manchmal auch mangelhaft ab. Aber dann nimmt Aldi das Produkt sofort aus seinem Sortiment. Man muss schon sagen, dass sich Aldi intensiv um gute Qualität kümmert.

Will Aldi nur wissen, was los ist, oder versucht der Discounter auch, schlechte Testergebnisse wegzuverhandeln?

Alles.

Machen das nicht alle Anbieter so?

Nein, es gibt deutliche Unterschiede. Zum Beispiel reagieren die Banken auf uns gar nicht, die Versicherungen aber schon.

Wie oft versucht jemand, Sie zu bestechen?

Inzwischen gar nicht mehr. Dafür sind unsere Abläufe zu kompliziert. Es würde ja nicht reichen, einen Mitarbeiter zu bestechen, um ein gutes Testergebnis zu bekommen, sondern man müsste mindestens drei Leute schmieren: den Tester im Prüflabor, den Projektleiter und den Redakteur. Und dann schauen bei uns auch noch Verifizierer und die Abteilungsleiter auf den Test.

Warum testen Sie keine Autos?

Das haben wir früher mal gemacht. Aber das ist bei unseren Lesern nicht so gut angenommen worden. Ich glaube, die Entscheidung für ein bestimmtes Auto ist eine emotionale Angelegenheit. Wenn ich das aktuelle Modell will, kaufe ich das auch, egal was im Test herauskommt.

Wie finden Sie es, wenn McDonald’s mit einem guten Testurteil wirbt?

Wir haben einen bestimmten Burger getestet, und der war okay. Und er war auch besser als andere Burger. Deshalb kann McDonald’s zu Recht mit dem guten Urteil werben. Aber das heißt natürlich nicht, dass man den ganzen Tag Burger essen soll. Oder dass das Essen bei McDonald’s generell gesund ist. Wenn man zum Burger auch noch Pommes isst und einen Milchshake trinkt, sieht die Sache schon wieder anders aus.

Essen Sie nach dem Ekelfleischskandal eigentlich noch Döner?

Nein, aber das habe ich auch vorher nicht gemacht.

Verkaufen sich Tests von Lebensmitteln besser als die von Waschmaschinen oder Toastern?

Unser größter Verkaufserfolg in der letzten Zeit war der Test von Olivenöl vor einem Jahr. Von dem Heft haben wir am Kiosk mehr als 200 000 Exemplare verkauft. Unser wichtigster Bereich ist Gesundheit, Ernährung gehört dazu. Die Verbraucher leben heute gesundheitsbewusster.

Der Springer-Verlag will Ihnen mit einer eigenen Test-Zeitschrift Konkurrenz machen. Wie reagieren Sie darauf?

Falls das Produkt wirklich kommt, wird Springer sicherlich andere Leser ansprechen als wir. Wir glauben, dass unser Abonnentenstamm stabil bleibt.

Wie viele Abonnenten haben Sie?

460 000 bei „test“ und 210 000 bei „Finanztest“. Vielleicht verkaufen wir am Kiosk mal 1000 Exemplare weniger, wenn Springer mit einem starken Titel kommt. Aber die Einzelheftverkäufe spielen bei uns wirtschaftlich eine deutlich geringere Rolle als die Abonnements.

Und inhaltlich?

Die Stiftung Warentest ist der große, unabhängige Testveranstalter in Deutschland. Wir haben mehr als 40 Jahre Erfahrung. Das kann Springer nicht bieten. Springer hat nicht unsere Erfahrung, und „Test-Bild“ wird nicht unabhängig sein, weil es Anzeigen aufnehmen wird.

Was geschieht eigentlich mit Ihren getesteten Produkten?

Die werden verschrottet, wenn sie Sicherheitsmängel haben. Ansonsten werden sie versteigert. Manchmal kaufen auch die Hersteller die Prüfmuster zurück.

Warum machen die Hersteller so etwas?

Als wir zum ersten Mal untersucht haben, wie lange eine Waschmaschine hält, haben alle Hersteller ihre Maschinen zurückgekauft, weil sie solche Tests selber noch nie gemacht hatten und wissen wollten, wie ihre Geräte aussahen.

Wie sehen Produkttests in zehn oder 20 Jahren aus?

Die Produkte werden immer komplizierter, deshalb wird die Frage nach ihrer Handhabung immer wichtiger. Und ich glaube, dass auch die Frage, wie ein Produkt hergestellt worden ist – die sozialen und ökologischen Umstände –, für unsere Leser wichtiger wird. Außerdem werden wir bei schnelllebigen Produkten unsere Testergebnisse sofort ins Internet stellen, so bald sie da sind, noch bevor die Zeitschrift auf den Markt kommt.

Das Interview führten Heike Jahberg und Moritz Döbler.

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