Wirtschaft : Die Rezession kommt

Womöglich schrumpft die japanische Wirtschaft nun monatelang – schon seit 1991 steckt sie in der Krise

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Berlin - Als das Beben und der Tsunami am vergangenen Freitag Japan trafen, war die Wirtschaft des Landes bereits stark angeschlagen. Seit 20 Jahren schleppt sich der asiatische Staat durch die Deflation. Nun kommen noch die Folgen der Naturkatastrophe hinzu. Japan werde dadurch in die Rezession rutschen, befürchteten Wirtschaftsexperten am Montag. Wie tiefgreifend die Probleme sind und wann das Land zur Normalität zurückkehren kann, lässt sich bislang nicht seriös sagen – zu unklar sind das Ausmaß und die Folgen der Zerstörung.

„Auf Sicht von zwei bis drei Monaten dürfte es einen deutlichen Rückgang der japanischen Wirtschaftsaktivität geben“, erwartet Andreas Rees von der italienischen Bank Unicredit. Fachleute der WestLB gehen sogar davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt bis Ende Juni schrumpfen wird. Es werden Parallelen zum Erdbeben von Kobe 1995 gezogen – es gilt mit volkswirtschaftlichen Schäden von 100 Milliarden Dollar als die teuerste Katastrophe seiner Art. Dieses Mal dürften die Kosten noch höher liegen, sagt Matthias Thiel von der Bank M.M. Warburg – selbst wenn eine größere Verseuchung mit Radioaktivität ausbleibt. Das Wirtschaftsleben und der Wiederaufbau werden durch die Engpässe in der Stromversorgung stark gebremst.

Über Jahrzehnte wuchs der Inselstaat praktisch ununterbrochen. Bis 1991 eine Immobilienblase platzte – seither steckt Japans Wirtschaft in der Krise. Das Wachstum lag nur bei durchschnittlich 0,7 Prozent pro Jahr. Die Löhne schrumpfen, die Preise sind in sieben der vergangenen zehn Jahre gesunken. Die Notenbank kämpft bislang vergebens dagegen an – die Zinsen liegen seit 1999 mehr oder weniger gleichbleibend bei null. Das hat Folgen: Die ökonomische Vorherrschaft in Asien musste Japan an China abtreten. Seit 2010 ist die Volksrepublik die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Die Staatsschulden dürften durch die Kosten des Wiederaufbaus noch mehr aus dem Ruder laufen – schon bislang ist die Gesamtverschuldung mehr als doppelt so hoch wie die jährliche Wirtschaftsleistung. Allerdings hat das Land einen wichtigen Vorteil: „Die Japaner verfügen über viel Kapital im eigenen Land und müssen es sich nicht wie die USA im Ausland leihen“, sagt Warburg-Experte Thiel.

Aber selbst wenn Häuser, Häfen und Straßen wieder aufgebaut werden, sind die Perspektiven dürftig. Die Zahl der alten Menschen nimmt rapide zu: In 40 Jahren könnte jeder vierte Japaner über 65 Jahre alt sein, die Bevölkerung schrumpft. Anders als heute werden diese Menschen nicht mehr sparen, sondern ihre Rücklagen ausgeben – dann muss sich Japan andere Käufer für seinen Staatstitel suchen.

Für Deutschland dürfte das Beben kaum Folgen haben – ein Prozent der Exporte gehen nach Japan, drei Prozent der Importe kommen von dort. Dennoch gleichen sich beide Länder in vielerlei Hinsicht: Über Rohstoffe verfügen sie kaum, beide sind stark im Export, beide verdienen ihr Geld vor allem mit Autos, Maschinen und Chemieprodukten. Und in der Krise 2009 stürzten beide Länder so tief ins Minus wie kein anderes Industrieland – wobei Japan noch geringfügig stärker betroffen war. Carsten Brönstrup

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