Wirtschaft : Die schlummernde Weltwährung

Fluggäste haben 14 Billionen Bonusmeilen angesammelt. Deren Wert: Rund 700 Milliarden Dollar

Jenni Roth

Berlin - Nicht der starke Euro, nicht der japanische Yen oder der chinesische Yuan können vorerst den Dollar als führende Geldeinheit überholen. Statt dessen schlummert im Verborgenen eine heimliche Nebenwährung, die bereits jetzt den Greenback in den Schatten stellt: die „frequent-flyer miles“. 14 Billionen gesammelte Flugmeilen lagern weltweit auf unangetasteten Vielfliegerkonten. Allein bei der Deutschen Lufthansa summieren sich die Meilenrückstände aus dem Programm „Miles & More“ auf umgerechnet 491 Millionen Euro, sagte eine Unternehmenssprecherin dem Tagesspiegel.

Nach Berechnungen des britischen Wirtschaftsmagazins „Economist“ ist eine Meile ein bis zehn US-Cent wert. Geht man von einem Durchschnittswert von fünf Cent aus, haben sich damit im weltweiten Luftfahrtgeschäft unsichtbare Reichtümer von rund 700 Milliarden Dollar angehäuft. Das ist weit mehr, als Dollarnoten und -münzen im Umlauf sind.

Gründe für die weltweite Sammelmanie muss man nicht lange suchen. Ravindra Bhagwanani, Gründer von Global Flight, einer Ratgeber-Gesellschaft für Vielflieger, weist darauf hin, dass inzwischen mehr als 130 Fluggesellschaften Sammelofferten als Kundenbindungsinstrument in ihr Programm aufgenommen haben und damit offensichtlich Erfolg haben. So wächst etwa das Lufthansa-Programm seit seiner Gründung 1993 um 20 Prozent pro Jahr und zählt als erfolgreichster Anbieter in Europa neun Millionen Mitglieder.

American Airlines stellt diese Zahlen mit seinen 48 Millionen Nutzern allerdings in den Schatten. Denn die amerikanischen Fluggesellschaften haben einen historischen Vorsprung. Jenseits des Atlantik fingen Flugfreunde schon zehn Jahre früher an, ihre Meilenkonten zu füllen. Man kann sich also ungefähr vorstellen, welche Dimensionen die Meilenstatistik in nicht allzu ferner Zukunft annehmen wird, wenn auch das Guthaben europäischer Konten wächst.

Dass unter den Reisenden eine regelrechte Sammelwut ausgebrochen ist, freut die Fluggesellschaften. Womöglich haben ihre Marketingstrategen sogar vorausgesehen, dass die meisten Kunden ihre angehäuften Schätze geradezu horten. Flüge der ersten Klasse verfallen zwar nicht und lassen sich damit auf Lebenszeit nutzen. Doch werden Bhagwanani zufolge immer mehr Meilen auf Privatreisen gesammelt – und das sind in der Regel Flüge der Economy Class. Wer solche Bonuspunkte nicht innerhalb von drei Jahren nutzt, verliert bei den meisten Programmen das Anrecht auf Freiflüge.

Nach Ansicht von Marc Tügel, Chefredakteur des Geschäftsreisemagazins „Business Traveller“, gibt es schon jetzt „kein anderes Gebiet mit so vielen Karteileichen“. Viele Kunden wissen offenbar nicht, wie sie ihre Meilen aufbrauchen sollen. Dabei steigt die Summe der gesammelten Bonuspunkte immer weiter an. In den USA wird nach Angaben von General Flight inzwischen die Hälfte der Flugmeilen auf alternativen Wegen gesammelt – vor allem per Kreditkarte. Wer sich ein Paar Schuhe mit einer American Express Card oder neuerdings mit der Lufthansa-Karte kauft, erhält Punkte auf dem Meilenkonto, pro Dollar oder Euro einen Bonuspunkt.

Dass manch einer sogar seinen Verlobungsring von Christ eigentlich der Lufthansa zu verdanken hat, oder doch zumindest sein Focus-Abo oder den Pullover von Peek & Cloppenburg, hat sich bisher kaum herumgesprochen. Dabei stehen Kooperationen mit Juwelieren ebenso wie mit Supermärkten und Finanzdienstleistern auf dem Konzept der Meilenprogramme. Umgekehrt lässt sich ein Minimum an Meilen je nach Anbieter auch gegen Espressomaschinen, Gymnastikanzüge oder gar stundenweise Übungen in Flugsimulatoren eintauschen.

Als sei eine 14-stellige Zahl unangetasteter Bonuspunkte nicht genug, lässt sich nun ein neuer Trend in den USA ausmachen: In Zukunft sollen die Meilen nicht mehr verfallen. Experte Tügel geht davon aus, dass dadurch auch hier zu Lande die Meilenkonten weiter wachsen. Dieser Tendenz entspricht eine Analyse des „Economist“, nach der die Zahl uneingelöster Meilen in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 20 Prozent zugenommen hat. Inzwischen ist der Vorrat so groß, dass die Sammler ein Vierteljahrhundert von den Meilen zehren könnten – wenn sie weiterhin so wenige Meilen einlösen wie gegenwärtig.

Doch der Meilenmarkt funktioniert so wie andere Finanzmärkte auch: Bringt ein Land zu viele Geldnoten seiner Währung in Umlauf, verliert diese unweigerlich an Wert. Das allerdings könnte die „Anleger“ dazu bewegen, ihre Meilen zügiger als bisher einzutauschen. Für den Meilenmarkt wäre das nicht ungefährlich: Bhagwanani verweist auf eine Untersuchung von American Airlines, wonach die Gesellschaft nach nur einem Monat bankrott wäre, wenn sie alle Premiumflüge auf einmal einlösen müsste.

Allerdings beschreibt der Experte dieses Szenario als Hypothese, die mit der Wirklichkeit nicht viel gemein hat. Denn in erster Linie führe die Meileninflation dazu, dass die Airlines bei Standardflügen und Upgrade-Tarifen ihre Bedingungen verschärfen. Dazu gehört, dass die Fluglinien für Freiflüge nur ein bestimmtes Kontingent freihalten. Ist das ausgeschöpft, hat der Sammler keine Aussicht auf eine Bonusreise. Eine Ausnahme bildet nur AirBerlin, die bislang die einzige Billig-Airline mit Vielfliegerprogramm ist. Doch wenn deren Nutzer ihre Meilen plötzlich alle einlösten, wäre das kaum genug, um das unsichtbare Währungssystem zum Zusammenbruch zu bringen.

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