Die Schweiz wird für viele unbezahlbar : 22 Euro für Bier und Pizza

Die Freilassung des Franken hat für Schweiz-Touristen starke Konsequenzen. Doch Deutschland kann von dem Umbruch auch profitieren.

Jan D. Herbermann
Erste Hilfe leisten die Schweizer Rettungshunde in den Bergen. Gegen Geldprobleme sind sie aber machtlos.
Erste Hilfe leisten die Schweizer Rettungshunde in den Bergen. Gegen Geldprobleme sind sie aber machtlos.Foto: picture-alliance/ dpa

Es war zunächst nur eine dürre Meldung auf der Internetseite der Schweizerischen Nationalbank. „Die Schweizerische Nationalbank hebt den Mindestkurs von 1,20 Franken pro Euro auf“, stand da geschrieben. Doch die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Auf den Anzeigetafeln der Banken stürzte der Kurs des Euro zum Franken ab, für einen Euro gab es vorübergehend weniger als einen Franken. Die Kurse an der Schweizer Börse brachen massiv ein. Zeitweise verlor der Leitindex SMI elf Prozent – so viel wie noch nie. „Damit wurden auf einen Schlag rund 140 Milliarden Franken an Marktkapitalisierung vernichtet“, meldete das Schweizer Fernsehen besorgt. Uhrenkönig Nick Hayek, der Chef von Swatch, sprach von einem „Tsunami“. Das ist jetzt neun Tage her. Die Folgen werden Helvetiens Unternehmen, aber auch Firmen und Touristen aus dem Euro-Raum noch lange zu spüren bekommen – es gibt große Gewinner und große Verlierer.

Eidgenossen werden noch mehr in Deutschland einkaufen

Zu den Gewinnern gehören europäische Unternehmen, die in die Schweiz exportieren. Denn Waren aus Deutschland, Österreich, Frankreich oder Luxemburg werden nun für die Eidgenossen billiger. Für einen Franken erhalten Schweizer Importeure auf einen Schlag wesentlich mehr Euro. Auch die Grenzregionen in Süddeutschland, Österreich, Frankreich und Italien werden profitieren: Schweizer können im Euro-Raum mit ihrem starken Franken noch billiger shoppen als bisher.

Urlauber meiden die Schweiz

Schweizer Exporteure hingegen müssen mit massiven Einbrüchen rechnen. Ihre Waren werden sich im Euro-Raum deutlich verteuern. Auch wird der teure Franken viele potenzielle Touristen aus Deutschland, Frankreich und anderen Euro-Ländern von einem Schweiz-Besuch abhalten. Schon seit Jahren ärgern sich Reisende über die Mondpreise zwischen Bodensee und dem Tessin – wer bezahlt für eine normale Pizza mit Bier schon gerne 22 Euro? Nach der jüngsten Geldschwemme durch die Europäische Zentralbank und den weiteren Verfall des Euro-Kurses wird für Euro-Bürger der Aufenthalt in der Schweiz noch teurer.

Politiker sehen Arbeitsplätze bedroht

Keine Frage: Helvetiens Tourismusbranche wird große Probleme bekommen. Kein Wunder, dass Parteien wie die Sozialdemokraten Alarm schlagen: Durch den „unverständlichen Hochrisiko-Entscheid der Nationalbank“ drohten katastrophalen Folgen für Volkswirtschaft und Arbeitsplätze.

Eingeführt wurde der Mindestkurs vor mehr als drei Jahren. Damals stöhnte die Schweizer Wirtschaft unter ihrer Hartwährung. Der Franken und der Euro lagen nur wenige Cent auseinander. Die Nationalbank legte den Franken an die Kette – auch auf politischen Druck hin. Durch die „außerordentliche und temporäre“ Maßnahme des Mindestkurses habe man die Schweizer Wirtschaft vor schwerem Schaden bewahrt, verteidigt der Präsident der Nationalbank, Thomas Jordan, den damaligen Schritt.

Die Nationalbank ist geschwächt

Doch auch die Währungshüter selbst könnten zu den Verlierern ihrer Politik zählen. Lange hatte die Schweizer Notenbank unbeirrt verkündet, dass sie an dem Mindestkurs von 1,20 festhalten wolle. „Die Nationalbank wird den Mindestkurs weiterhin mit aller Konsequenz durchsetzen. Zu diesem Zweck ist sie bereit, wenn nötig unbeschränkt Devisen zu kaufen und bei Bedarf weitere Maßnahmen zu ergreifen“, lautete noch im Juni 2014 die SNB-Parole. In Zukunft dürfen wohl Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Schweizerischen Nationalbank erlaubt sein.

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