Wirtschaft : Die Türken kommen

Waschmaschinen, Fernseher, Weizenbier: Das Partnerland der Hannover-Messe erobert Westeuropa

Thomas Seibert

Istanbul - „Man kann sich nicht nur auf den inländischen Markt verlassen“, sagt der Großunternehmer. „Man muss ein globaler Spieler sein.“ Mit diesen Worten verkündete der weltgewandte Geschäftsmann Bülent Eczacibasi kürzlich den millionenschweren Einstieg beim deutschen Unternehmen Villeroy & Boch. Der 57-Jährige trat zusammen mit seinen Gästen aus der Bundesrepublik in den Räumen seines familieneigenen Museums für moderne Kunst vor die Presse und präsentierte hochgesteckte Ziele. In der Fliesenbranche will der Industrielle bald zu den drei größten Anbietern der Welt gehören. Nicht aus den USA, Russland oder Ostasien kommt der finanzstarke Investor, der mit der deutschen Firma die Welt erobern will: Eczacibasi ist Türke. Und er ist nicht der einzige Unternehmer seines Landes, der in Westeuropa gute Chancen sieht, Firmen aufzukaufen und Geld zu verdienen.

Seit der Wirtschaftskrise vor sechs Jahren geht es mit der türkischen Wirtschaft steil aufwärts. Die wachsende Anziehungskraft des Landes zwischen Ost und West für Firmen aus aller Welt hat sich herumgesprochen und dazu beigetragen, dass die Türkei zum Partnerland der Hannover-Messe wurde, die an diesem Sonntag von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan eröffnet wird.

Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres flossen rund zwölf Milliarden Dollar an ausländischen Direktinvestitionen in die Türkei, das ist schon mehr als die Hälfte der letztjährigen Gesamtsumme von 20 Milliarden. Es gibt inzwischen mehr als 2500 Firmen mit deutscher Beteiligung in der Türkei.

Weniger bekannt ist, dass türkische Firmen wie Eczacibasi sich zunehmend im westlichen Ausland engagieren und dort Absatzmärkte erschließen. Die Computerfirma Casper (Slogan: „Das Prestige der Türkei“) nahm vor wenigen Wochen die Produktion in einer nagelneuen, für 40 Millionen Dollar gebauten Fabrik in Istanbul auf, die jedes Jahr eine Million Computer ausspucken soll. Die meisten sind für den Export bestimmt. In den nächsten sechs Jahren will die Firma auf acht internationalen Märkten vertreten sein.

Viele in Deutschland verkaufte elektronische Geräte kommen schon aus der Türkei: Fernseher der Traditionsmarke Grundig werden in einem Werk des zum Arcelik-Konzern gehörenden Unternehmens Beko in Istanbul gebaut, der Name Telefunken wurde von der Profilo-Gruppe gekauft, und das Unternehmen Vestel (Slogan: „Technologie auf Türkisch“) beherrscht nach eigenen Angaben über Marken wie SEG inzwischen satte 26 Prozent des europäischen Fernsehmarktes.

Darüber hinaus bauen die Türken Waschmaschinen, Küchengeräte und Wäschetrockner für die europäischen Verbraucher, denen häufig nicht bewusst ist, dass sie Produkte aus der Türkei gekauft haben. Auch in traditionellen Industriezweigen wie der Textilbranche und dem Autobau sind die Türken stark. Toyota lässt seinen neuen „Auris“ nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Adapazari bei Istanbul bauen; Busse von Mercedes-Benz für den internationalen Markt werden schon lange in der Türkei gefertigt. Insgesamt importierte Deutschland im vergangenen Jahr Güter für 9,1 Milliarden Euro aus der Türkei.

Türkische Unternehmen und Produkte seien inzwischen auf dem internationalen Parkett zu Hause und viele türkische Geschäftsleute seien sich ihrer Stärken eher bewusst als früher, heißt es in der deutsch-türkischen Handelskammer in Istanbul. Dieser Trend ist nicht nur bei Computern, Fernsehern und Fliesen zu beobachten. Die Fluggesellschaft Turkish Airlines wurde nach ihrer Teilprivatisierung vor kurzem Mitglied in der Star Alliance von Lufthansa und anderen führenden Airlines. Mit ihren mehr als 100 Maschinen will Turkish Airlines in diesem Jahr 23 Millionen Passagiere befördern. Wachsen will das Unternehmen dabei nicht in Anatolien, sondern vor allem in Europa. In zwei Jahren will Turkish Airlines die viertgrößte Fluggesellschaft auf dem Kontinent sein.

Selbst auf Sektoren, die für ein moslemisches Land ungewöhnlich scheinen mögen, expandieren die Türken. Die Brauerei Efes exportiert ihr Bier in mehr als 50 Länder und hat sich rechtzeitig vor der Sommersaison eine urdeutsche Biertradition zu eigen gemacht: Efes bietet das erste türkische Weizenbier an.

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