Die Wirtschaft und der Klimaschutz : „Wir verlangen nichts, was wir nicht selbst tun“

Michael Otto begründet im Interview, warum die Unternehmerstiftung Zwei Grad von der Kanzlerin mehr Klimaschutz verlangt und warum die bundeseigene KfW-Bank nicht mehr in Kohlekraftwerke investieren sollte.

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Michael Otto ist schon 1991 als "Ökonmanager des Jahres" ausgezeichnet worden, 1997 wurde ihm der Deutsche Umweltpreis verliehen. Das Foto zeigt ihn mit einem Feuersalamander. Otto fördert mit seiner eigenen Naturschutzstiftung unter anderem ein Pilotprojekt für eine umweltfreundlichere Landwirtschaft.
Michael Otto ist schon 1991 als "Ökonmanager des Jahres" ausgezeichnet worden, 1997 wurde ihm der Deutsche Umweltpreis verliehen....Foto: Michael Reichel/picture alliance/dpa

Die Stiftung Zwei Grad, die Sie 2007 mit begründet haben, hat ein Positionspapier zum Klimagipfel vorgelegt, das auch eine Selbstverpflichtung enthält. Was wollen Sie damit erreichen?

Zunächst einmal fordern wir nichts, was wir nicht auch von uns selbst verlangen. Wir wollen selbst Wege zum Klimaschutz entwickeln und damit beispielhaft vorangehen. Auf der anderen Seite fordern wir als Unternehmen von der Regierung aber auch Rahmenbedingungen ein, die langfristig sicherstellen, dass Planungs- und Investitionssicherheit da ist. Dafür sind langfristige Ziele sehr wichtig. Gleichzeitig  brauchen wir aber auch Meilensteine als Zwischenschritte, damit wir überprüfen können, ob wir die Ziele auch erreichen.  Wir arbeiten übrigens auch mit ähnlichen Unternehmensinitiativen in anderen Ländern wie Großbritannien oder den USA zusammen, die ebenfalls erreichen wollen, dass die globale Erwärmung unter zwei Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung gehalten wird.

Beim G-7-Gipfel in Elmau hat die Bundesregierung zum ersten Mal in einer internationalen Vereinbarung das Wort „Dekarbonisierung“, also die Befreiung der Weltwirtschaft vom Kohlendioxid, untergebracht. Ihr Papier liest sich wie eine Handlungsanweisung zur unternehmerischen Umsetzung. Ist das auch so gemeint?

Wir haben uns das tatsächlich genauso gedacht. Wir wollen mit der Stiftung Zwei Grad eine Dekarbonisierungsinitiative starten, und damit müssen wir sofort anfangen, wenn wir bis 2050 den Kohlendioxid-Ausstoß um 95 Prozent reduziert haben wollen. Sonst werden wir das Ziel nicht erreichen. Außerdem wollen wir zeigen, dass aus der Wirtschaft nicht immer nur Kritik an der Klimapolitik der Regierung kommt. Wir wollen die Regierung ermutigen, ehrgeizige Ziele zu setzen.

Sie haben von Rahmenbedingungen für die Wirtschaft gesprochen. Was meinen Sie damit?

Wir brauchen eine Langfristplanung auf Seiten der Regierung, die aufzeigt, wie sie die Ziele erreichen will, die sie sich selbst gesetzt hat. Wir müssen beispielsweise wissen, wo es gegebenenfalls steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten gibt. Ich denke dabei an die Altbausanierung, bei der wir dringend vorankommen müssen, wenn wir die Ziele erreichen wollen. Wir erwarten auch, dass langfristig planbare Weichen gestellt werden und die Unternehmen nicht damit rechnen müssen, dass sich in zwei oder drei Jahren alles wieder ändert.

Wirtschaft fordert weiterhin Steuerförderung für Altbausanierung

Der Versuch einer Steuerförderung für die Gebäudesanierung ist seit nunmehr acht Jahren immer wieder gescheitert. Sie halten trotzdem daran fest?

Gerade in der Altbausanierung sollen jedes Jahr zwei Prozent des Bestands energetisch saniert werden. Davon sind wir weit entfernt. Die Bundesländer, die sich beklagen, dass eine solche Steuerförderung ihre Einnahmen schmälert, liegen falsch: Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung zeigt eindeutig, dass die Altbausanierung neue Jobs im Handwerk schafft, diese Handwerker zahlen Einkommensteuer und Lohnsteuer, und für die Materialien werden Mehrwertsteuern fällig. Insgesamt gesehen lohnt sich diese steuerliche Abschreibung auch für die Länder und für den Bund. Es ist ein regelrechtes Konjunkturprogramm. Dass das gescheitert ist, obwohl eigentlich inhaltlich alle dafür sind, ist traurig. Da könnte man manchmal schon verzweifeln. Zu diesem Thema muss parteienübergreifend ein Konsens gefunden werden.

In Ihrer Stiftung haben sich die Unternehmen zusammengefunden, die im Klimaschutz die Zukunft sehen, die vorangehen wollen. Die Verlierer des Wandels sind bei Ihnen eher nicht vertreten.

Wir sind auch zum Beispiel mit Energieunternehmen im Gespräch, die vor gewaltigen Umstrukturierungen stehen und gewaltige Belastungen zu tragen haben, vom Ausstieg aus der Kernenergie bis hin zur Kohle. Aber auch da gibt es große Unterschiede. Es gibt Unternehmen, die sehr innovativ sind, die angefangen haben, umzusteuern, und unserer Initiative sehr nahe stehen.

An diesem Montag wollen Sie Ihr Positionspapier Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) übergeben. Was erhoffen Sie sich davon?

Wir wollen die Kanzlerin ermutigen, beim Pariser Klimagipfel im Dezember ambitionierte Ziele zu verfolgen und zu versuchen, auch international andere Länder zu begeistern. Wir wollen Deutschland in seiner Vorreiterrolle bestärken. Und wir wollen zeigen, dass es auch in der Wirtschaft starke Kräfte gibt, die das unterstützen und einfordern.

"Bei der Energieeffizienz ist Deutschland nicht führend"

Sie haben sich nicht auf Forderungen beschränkt, Sie haben auf sieben Seiten auch Initiativen der beteiligten Unternehmen zusammengetragen, wie sie sich die Dekarbonisierung ihrer Geschäftsfelder vorstellen können. Da geht es um den Einsatz erneuerbarer Energien, um Energieeffizienz. Was davon ist Ihrer Meinung nach auch auf andere Unternehmen übertragbar?

Gerade das Thema Energieeffizienz ist besonders wichtig und eines, bei dem wir in Deutschland noch nicht führend sind. Denn die billigste Energie ist die, die nicht verbraucht wird. Die Beispiele aus unseren Unternehmen sind auch in ihren jeweiligen Branchen umsetzbar. Das lässt sich an unserem eigenen Beispiel, der Otto Group, ganz gut zeigen. Für alle Branchen ist eine Effizienzverbesserung in den eigenen Verwaltungsgebäuden machbar: Strom und Wärme lässt sich überall einsparen. Bei uns als Distanzhändler spielt zudem das Thema Verkehr eine große Rolle. Da geht es einmal um die Verkehrsströme, die Waren zu uns bringen, und dann um diejenigen, die diese Waren zu den Kunden bringen. Bei den Eingangsverkehren haben wir Luftfracht auf Seefracht verlagert. Dafür mussten wir unseren gesamten Beschaffungszyklus verändern, was wir schrittweise auch getan haben. Mit unserer Versandtochter Hermes haben wir uns vorgenommen, bis 2020 sogar 50 Prozent unseres CO2-Ausstoßes zu senken. Derzeit sind wir schon bei 30 Prozent CO2-Minderung angekommen. Die Touren werden optimiert. Wir setzen alternative Antriebe ein; es gibt Elektrofahrzeuge, Gasfahrzeuge und Brennstoffzellenfahrzeuge. Wichtig ist aber auch die optimale Auslastung der Fahrzeuge, damit diese nicht halbvoll fahren. Da gibt es viel Potenzial.

Für die Otto-Group ist der Klimaschutz ja nichts Neues. Sie machen das schon lange. Kommen Sie da langsam an Grenzen, wo Sie sagen: Jetzt kommen wir nicht mehr weiter?

Es gibt zwischendurch immer mal Phasen, in denen wir denken: Jetzt haben wir schon viel erreicht, da ist nicht mehr viel drin. Aber interessant ist, dass wir gemeinsam doch immer wieder neue Ideen entwickeln. Im Grunde ist das ein permanenter Prozess, der nie endet.

Und der wird von Ihren Mitarbeitern bereitwillig mitgetragen?

Ich habe 1986 in unserer Unternehmensgruppe Umweltschutz und nachhaltiges Wirtschaften als weiteres Unternehmensziel vorgegeben. In den ersten Jahren habe ich mich persönlich sehr engagiert, um unsere damals in der Mehrheit eher skeptischen Mitarbeiter zu begeistern. Aber inzwischen ist das schon so lange ein Teil unserer Unternehmenskultur, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ständig neue Vorschläge machen. Das geht gut voran.

"Die Natur wird ständig übernutzt"

Mit ihrer eigenen Stiftung treiben Sie seit Jahren auch die Diskussion über den Naturschutz voran. Der Versuch, der Bundesregierung, mehr Flächen der Natur zu überlassen und Wildnisgebiete entstehen zu lassen, hat vor allem bei den Waldbesitzern Protest ausgelöst. Sie argumentieren, der „konservierende Naturschutz“ sei altmodisch und überholt, weil sich die Natur doch ohnehin ständig ändere. Wie sehen Sie das?

Die Natur ist natürlich ein sich ständig veränderndes System. Aber dazu muss man ihr auch die Chance geben. Wir greifen permanent ein und wollen die Entwicklung in eine bestimmte Richtung führen, um höhere Erträge zu bekommen. Die Natur wird ständig übernutzt. Wir sind heute schon so weit, dass wir im Grunde eineinhalb Erden bräuchten, damit sich die Natur wieder regenerieren kann. Deshalb müssen wir schauen, wo wir die Eingriffe begrenzen und die Übernutzung reduzieren. Die Michael-Otto-Stiftung selbst ist dabei, ein Konzept für eine Erhöhung der biologischen Vielfalt in der Landwirtschaft gemeinsam mit Ministerien und dem Bauernverband zu erarbeiten. Die Biodiversität ist auf dem Land in Deutschland extrem zurückgegangen. Dabei kann man auch dann ertragreich Landwirtschaft betreiben, wenn man etwas für die Artenvielfalt tut. Es hat eine Weile gebraucht, bis wir uns darauf einigen konnten, unser Konzept auf einigen noch zu bestimmenden Bauernhöfen auszuprobieren. Das ist jetzt aber gelungen. Wir sehen darin große Chancen.

Haben Sie den Eindruck, dass das Thema Klimaschutz in den Wirtschaftsverbänden gut aufgehoben ist? Oder sehen Sie da noch Verbesserungsmöglichkeiten?

Bei den Verbänden ist schon einiges geschehen. Aber da sie immer die gesamte Branche oder die gesamte Wirtschaft repräsentieren müssen, geht es dann nach dem Geleitzug-Prinzip, dass die Langsamsten auch noch mitgenommen werden müssen. Sie können nie so fortschrittlich und innovativ sein wie Unternehmen, die sich zusammengeschlossen haben,  um schnell ein gemeinsames Ziel zu verfolgen.

"Die KfW sollte nicht mehr in Kohlekraftwerke investieren"

In ihrer Erklärung haben Sie als ein Handlungsfeld auch die „Erhöhung von Klimaschutzinvestitionen“, also im Grunde die Erfüllung der Forderungen der Divest-Invest-Bewegung, kein Geld mehr in klimaschädliche Geschäfte zu stecken, aufgenommen. Gab es darüber viel Streit?

Wir haben alle Punkte zum Teil kontrovers und intensiv diskutiert. Aber wir sind zu einem Konsens gekommen. Was wir damit beispielsweise meinen, ist eine Forderung an die Regierung: Welche Projekte unterstützt die bundeseigene KfW-Bank? Ist es wirklich sinnvoll, dass die KfW international immer noch den Bau von Kohlekraftwerken unterstützt? Wir finden, das dürfte nicht sein. Das Geld müsste in zukunftsfähige Energieprojekte fließen. Sie dürfen nicht die Energiekonzepte von gestern unterstützen.

Sie wollen also keine Infrastrukturen mehr unterstützen und unterstützt wissen, die für 50 oder 100 Jahre stehen, die den Klimawandel weiter antreiben?

Ganz genau.

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