DIVERSITY 2012 : Mehr als Frauen

Unternehmen, die Diversity ernst nehmen, tun etwas für ihre Zukunft – und für den Standort Deutschland. Eine Frauenquote ist noch kein Beleg für besondere Vielfalt. Die Konferenz DIVERSITY 2012 beim Tagesspiegel.

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Innovativ. Firmen
Innovativ. Firmen

Berlin - Vielfalt ist nicht allein Frauensache. Und eine Frauenquote ist noch kein Beleg für besondere Vielfalt. Gleichwohl erfährt die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), bei ihrer Arbeit, dass beim Thema Diversity viele Manager zuerst an ein Thema denken: Frauen. „Bis sich Wissen in konkretes Handeln verwandelt, vergeht viel Zeit“, sagte Böhmer am Donnerstag auf der Konferenz DIVERSITY 2012, die der Tagesspiegel und die Charta der Vielfalt veranstalteten. 70 Prozent der deutschen Firmen hätten noch gar keine explizite Diversity- Strategie. Und die, die eine haben, konzentrierten sich in 80 Prozent der Fälle auf das Thema Frauenförderung.

Dabei geht es bei Diversity um viel mehr: um die Wertschätzung und Förderung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unabhängig von Geschlecht, Nationalität, ethnischer Herkunft, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter oder sexueller Orientierung. Ein weites Feld – und „eines der großen Zukunftsthemen für die deutsche Wirtschaft“, wie Maria Böhmer, die Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin, sagte. „Vielfalt ist ein Standortfaktor – Diversity-Management ist Chefsache.“

Nicht mal beim Thema Frauen haben die meisten deutschen Chefs allerdings bislang viel erreicht. Bei den börsennotierten Unternehmen will der Gesetzgeber deshalb nachhelfen. Auch Maria Böhmer ist für eine gesetzlich Regelung. Sie spricht sich für eine Frauenquote von zunächst 30 Prozent in Aufsichtsräten aus. „In einem zweiten Schritt sollten dann beide Geschlechter zu mindestens je 40 Prozent in Aufsichtsräten vertreten sein“, sagte die Staatsministerin.

Böhmer geht damit über den Gesetzentwurf hinaus, den der Bundesrat im September mithilfe der CDU-geführten Länder Saarland und Thüringen angenommen hatte. Der Gesetzentwurf, den der Bundestag bisher nicht verabschiedet hat, sieht vor, dass Aufsichtsräte von Dax-Unternehmen ab 2018 zu mindestens 20 Prozent und ab 2023 zu mindestens 40 Prozent mit Frauen besetzt sein sollen.

Zum Zeitplan einer Quoteneinführung äußerte sich Böhmer am Donnerstag nicht, auch die Frage, ob nicht-börsennotierte Unternehmen einbezogen werden sollten, ließ sie offen. Große, international tätige Unternehmen aus Deutschland hätten beim Thema Frauenförderung und Diversity aber eine „Leitfunktion“. Eine gesetzliche Frauenquote auch für Vorstände sei indes „schwierig, schon wegen rechtlicher Vorgaben“, gab die Integrationsbeauftragte zu bedenken.

Die 2006 gegründete Wirtschaftsinitiative „Charta der Vielfalt“, der sich 1300 Firmen, Organisationen und Behörden angeschlossen haben, hat sich zum Ziel gesetzt, das Thema Diversity in seiner ganzen Breite nach vorne zu bringen. „Wir verstehen uns als Agendasetter“, sagte Charta-Geschäftsführerin Aletta Gräfin von Hardenberg am ersten Konferenztag, zu dem rund 300 Teilnehmer in das Tagesspiegel-Verlagsgebäude kamen. Auf die geringsten Widerstände trifft die Charta dabei noch bei den international aufgestellten Konzernen.

Die Deutsche Telekom etwa ist eines der ersten deutschen Großunternehmen, das sich bereits 2010 eine interne Frauenquote von 30 Prozent gesetzt hat – bei allen rund 3000 Positionen im mittleren und Top-Management. „Die Beteiligung von Frauen ist Normalität – erst darüber hinaus fängt Diversity eigentlich erst an“, sagte Personalvorstand Marion Schick selbstbewusst. Mit Blick auf die Wiederwahl von Barack Obama sagte die Managerin: „Die Wahl war ein Abgesang auf jene Philosophie, derzufolge man mit weißen Männern Wahlen gewinnt.“

Schick, früher Kultusministerin in Baden-Württemberg, wehrte sich gegen die Erwartung, die Unternehmen könnten die Gesellschaft verändern. Kritisch betrachtet die Managerin aber die „sozialen Barrieren“ in Deutschland. Die Verknüpfung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg sei in Deutschland so eng wie in kaum einem anderen Industrieland. Und: Wer „nur die Besten“ ins Unternehmen holen wolle, drücke sich vor der Verantwortung in der Personalentwicklung. „Wir müssen den Talentbegriff erweitern“, forderte Schick. Das freilich setzt Lernbereitschaft voraus: Im Multikulti-Unternehmen Telekom mit weltweit 230 000 Mitarbeitern wird gerade darüber diskutiert, ob Englisch als Konzernsprache eingeführt wird.

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