Wirtschaft : Ein Stuhl in 20 Stunden

Vogt + Weizenegger produzieren mit Hilfe des Computers Unikate nach Maß

Elfi Kreis

WOHNEN & DESIGN

Es klingt wie ein futuristisches Designermärchen: Man geht in ein Geschäft, um neue Möbel zu kaufen wie einen Maßanzug. Man teilt dem Verkäufer die eigenen Vorlieben mit, der die individuellen Vorstellungen am Computer visualisiert. Gleich an Ort und Stelle kann man dann zusehen, wie eine Maschine auf Knopfdruck das Gewünschte produziert. Der Kunde erhält ein Unikat, das auf seinen Geschmack und die persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten und innerhalb von 24 Stunden abholbereit ist. Visionäre Zukunftsmusik? Science Fiction?

Die Zukunft hat bereits begonnen. Mit einem Stuhl von Oliver Vogt und Hermann Weizenegger. Sie hat auch schon einen Namen: „Sinterchair“. Ihr „Plan-A“ für die futuristische Sitzmöbel-Produktion läuft. Der Sinterchair ist weiß, aus Plastik, charakteristisch für ihn ist seine durchbrochene Wabenstruktur. Wenn sie nicht wäre, könnte man ihn fast für einen ganz gewöhnlichen Kunststoffstuhl halten.

Das Grundprinzip für den Aufbau des Sinterchair haben Vogt + Weizenegger der Natur abgeschaut. Als Inspirationsquelle dienten ihnen Mikroorganismen, Meereseinzeller, Plankton, so genannte Radiolaren, die mit ihrer Silikathaut unter dem Mikroskop wie eine Kreuzung aus komplexen, futuristischen Geometrien und kunstvollen Ufos aussehen und eine unendliche Vielfalt an Variationsmöglichkeiten bieten.

Für das Skelett des Stuhls wählten die Designer bewusst diese spezielle, biomorphe Korallenstruktur, um die neue Technik augen- und sinnfällig zu machen, die hinter dem Sinterchair steckt. Muster, die wie ein Spielkartenhaus aus Dreiecken zusammengesetzt sein können, mal Korallenstöcken oder Bienenwaben ähneln oder aus Würfel-, Rechteckformen stereometrische Gitterformationen generieren, haben nämlich eines gemeinsam: Im konventionellen Spritzgussverfahren ließen sie sich nicht herstellen. Dem Designerduo aus Berlin geht es dabei um mehr als reine Ästhetik: „Wir wollen die starre Rollenteilung Produzent-Konsument, Design-Fabrikation, Design-Kunst aufbrechen“, lautet ihr Credo.

Das gelang Vogt + Weizenegger bereits beim ersten gemeinsamen Anlauf mit dem Ideencoup ihrer „Familie Blaupause“ prächtig. Statt fertiger Möbelstücke gaben sie dem Käufer eine genaue Bauanleitung plus Einkaufszettel in die Hand. Mit den kreativitätsfördernden Möbelschnittmustern wurde aus dem Konsumenten im Handumdrehen sein eigener Produzent: Do-it-yourself-Design für Fortgeschrittene.

Dieses pfiffige Projekt machte das frisch gegründete Designbüro 1993 mit einem Paukenschlag bekannt. Ein erfolgreiches Jahrzehnt später, inzwischen an der Universität der Künste zu Professorenwürde gelangt, öffnen uns Vogt + Weizenegger erneut die staunenden Augen für experimentelle Denkansätze und ungewohnte Ansprüche im Design. Sie wollen die Rolle des Konsumenten neu definieren, ihn am Produktionsprozess beteiligen, zum „Prosumenten“ machen. Versetzten sie zurzeit der Blaupause die Designwelt mit Low-Tech ins Staunen, gelingt ihnen das beim „Sinterchair“ nunmehr mit einem High-Tech-Verfahren. Solid-Imaging-Anlagen lassen das scheinbar Unmögliche Wirklichkeit werden. Sie übertragen Computerbilder in dreidimensionale Objekte. Diese Anlagen wurden für den Bau von Prototypen im Automobil- und Flugzeugbau entwickelt. Vogt + Weizenegger setzen für die Herstellung ihres Sinterchair eine Laser-Sintermaschine der Firma 3d-Systems erstmals auch für die Gestaltung von Möbeln ein. Die Maschine sieht wie eine Kreuzung von Kühlhaus und einem gigantischen Fotokopierer und ist hoch komplex.

Das Funktionsprinzip erscheint hingegen denkbar einfach: staubfeines Nylonpulver wird Schicht um Schicht aufgetragen. Der Laser zeichnet ein hauchdünnes Segment der Form nach dem anderen im Pulver, bringt es an den entsprechenden Stellen zum Schmelzen, wo es dann auch härtet. Am Ende steht nach 20 langen Stunden der fertige Stuhl in einem Block aus dichtem, schneeweißem Pulver.

Man kann den Sinterchair bereits bestellen. Allerdings hat der Spaß an der experimentellen Stuhlherstellung seinen stolzen Preis: 4900 Euro. Dafür bekommt man immerhin ein maßgefertigtes Unikat, das ganz gewiss in die Designgeschichte eingehen wird.

Die Persönlichkeit entscheidet

Doch hat die Sache gerade an dem Punkt einen Widerhaken, wo man ihn am wenigsten erwartet hätte. Wer einen Sinterchair erwirbt, füllt dazu einen Fragebogen aus. Zwar kann man zwischen Parametern wie hart oder weich, reduziert oder opulent, offen oder geschlossen wählen und seine Körperhöhe angeben. In allererster Linie aber funktioniert der Fragekatalog nach dem Prinzip „Sag mir, welche Musik du hörst, welchen Künstler du magst, welche Bücher du liest oder was deine Leibspeise ist und wir liefern den entsprechenden Stuhl, der zu deiner Persönlichkeit passt“.

Welche Wabenvariante die Sintermaschine am Ende ausspuckt, bestimmt der künftige Besitzer des Sinterchair nur indirekt mit. Vogt + Weizenegger geben das Design nicht vollends aus der Hand. Statt dessen machen sie eine Art Typenberatung im Stil von „Sind Sie eher ein Frühlings-, Sommer, Herbst- oder Wintertyp?“

Was wohl den Stuhl des Stonesfan von dem des Sinatra- oder Straussjüngers unterscheiden mag? Gefragt ist in jedem Fall ein erlebnisorientierter Kundentyp, der gern ein Abenteuer in Kauf nimmt. Das erinnert wieder an jene guten, alten Zeiten, als es noch Wundertüten gab.

Weitere Informationen im Internet:

www.vogtweizenegger.de

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