Einwegbecher : Coffee to stay

Mindestens 170 Millionen Kaffeebecher werden jährlich in Berlin weggeworfen. Die Politik will das ändern – notfalls mit Zwang.

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Eine typische Berliner Getränkespezialität? Coffee to go. 49 Becher davon konsumiert der Durchschnittsberliner pro Jahr, hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) ermittelt.
Eine typische Berliner Getränkespezialität? Coffee to go. 49 Becher davon konsumiert der Durchschnittsberliner pro Jahr, hat die...Foto: picture alliance / dpa

Eine typische Berliner Getränkespezialität? Nein, Weiße war vorgestern. Jetzt ist es der Coffee to go: 49 Becher davon konsumiert der Durchschnittsberliner pro Jahr, hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) anhand von Zahlen aus der Branche und einer eigenen repräsentativen Umfrage ermittelt. Das ergibt allein für die Hauptstadt – ohne Touristen – 170 Millionen Einwegbecher; bundesweit sind es, bei durchschnittlich 34 Bechern pro Bürger und Jahr, fast 2,8 Milliarden. Waagrecht nebeneinander würden allein die Berliner Becher bis Australien reichen, aber real verstopfen sie eher die Mülleimer oder fliegen auf Wegen und in Parks herum. Am Ende landen sie – ein Verbund aus Papierfasern und Plastik, also Erdöl – in der Müllverbrennung.

Ein Rabattsystem könnte Abhilfe schaffen

Damit wollen sich die Berliner Politiker nicht länger abfinden. In seltener Einigkeit haben die Umweltexperten aller fünf Fraktionen die großen Kaffeehäuser, Bäckereien und Tankstellenbetreiber angeschrieben, um auf das Müll- und Verschwendungsproblem hinzuweisen. Für den 8. Februar haben sie die Branchenvertreter zum Gespräch bei der DUH geladen. Sollten die Händler kein Interesse zeigen, wollen SPD und Grüne notfalls mit Zwang nachhelfen, wie ihre umweltpolitischen Sprecher Daniel Buchholz und Silke Gebel am Freitag ankündigten. Im Gespräch sind mehrere Optionen. So könnte ein Mehrwegsystem etabliert werden, bei dem die Kunden ihre Becher überall erhalten und zurückgeben können – ähnlich wie Mehrwegflaschen. Dafür wären allerdings noch logistische Fragen zu klären, etwa zur Reinigung der Becher. Als Alternative käme ein Rabattsystem infrage: Wer den eigenen Becher mitbringt, bekommt seinen Kaffee billiger. Nach Auskunft der DUH gibt es diese Variante bei Starbucks längst, aber kaum jemand wisse davon, zumal der Nachlass von 30 Cent nicht beworben werde.

Auch Steuern und Abgaben sind im Gespräch

Die Anregung einer freiwilligen Kampagne sei „der letzte Schuss in Richtung Einzelhandel“, sagt Buchholz: Machen die Händler nicht mit, soll eine Steuer oder Abgabe eingeführt werden. Bisher galt eine lokale Regelung nach Auffassung des Senats als rechtswidrig. Aber jetzt kommt ein von der Grünen-Fraktion beauftragtes Gutachten des Wissenschaftlichen Parlamentsdienstes zu dem Schluss, dass es doch ginge – dank einer Änderung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes: Anders als beispielsweise bei Einweg-Plastiktüten existiere beim Coffee to go der „örtliche Bezug“, der eine lokale Steuer rechtfertigen würde. Die würde bei 170 Millionen Bechern immerhin 34 Millionen Euro pro Jahr einbringen. Das Geld würde nach Auskunft von Buchholz in erster Linie in die Sauberkeit der Stadt investiert werden. Eine Abgabe wäre ohnehin zweckgebunden.

Buchholz sieht den Angriff auf die Becherberge als politische Pflicht – und verweist auf die entsprechende EU-Richtlinie sowie auf das Abfallwirtschaftskonzept des Landes und auf die Beschlusslage der SPD zur Müllvermeidung.

Verbot ist unwahrscheinlich

Ein Verbot von Einwegbechern wäre nach Auskunft von Thomas Fischer, Experte für Kreislaufwirtschaft bei der Umwelthilfe, juristisch nicht möglich. Ohnehin soll das von der Stiftung Naturschutz geförderte Projekt in freundlichem Ton und nicht als Gängelung vermarktet werden. Die DUH betreibt bereits seit dem Sommer ihre „Becherheld“-Kampagne und würde Berlin auch wegen der Signalwirkung als Mehrweg-Vorbild etablieren.

Die Politiker träumen bereits vom „Bärenbecher“ als Berliner Markenzeichen: außen schick, innen Edelstahl, dazwischen isolierend, damit der Kaffee länger heiß bleibt. Ein ausgeklügelter Verschluss soll vor Malheuren bewahren. Der Anschaffungspreis – der bei der Pfandvariante zunächst die Händler beträfe – läge bei Großbestellungen um fünf Euro, ein ökologischer Vorteil wäre etwa nach der fünften Benutzung erreicht.

Plastiktüten stehen vor dem Aus

Doch nicht nur für Einwegbecher, auch für kostenlosen Plastiktüten scheint die Zeit zu Ende zu gehen. Bereits im vergangenen Jahr hat die Drogeriekette dm das Angebot abgeschafft, jetzt zog Konkurrent Rossmann nach. „Nur die Restbestände werden noch aufgebraucht“, sagte eine Sprecherin. Auch Tchibo teilte Anfang des Jahres mit, keine kostenlosen Tüten mehr abzugeben. Vor wenigen Tagen schloss sich Karstadt dem an: Ab März sollen Plastiktüten je nach Größe 5 bis 30 Cent kosten, ab Mai würden dann in allen Filialen Mehrwegtaschen für 1,50 Euro eingeführt, teilte das Unternehmen mit. Bei anderen großen Einzelhändlern laufen regionale Tests dazu.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) setze weiter auf eine freiwillige Vereinbarung mit dem Bundesumweltministerium, sagte Geschäftsführer Kai Falk dem Tagesspiegel. Man wolle andere Branchen einbeziehen, etwa Tankstellen, Apotheken und Großbäckereien. Zurzeit verbraucht der Durchschnittsdeutsche 71 Tüten pro Kopf und Jahr. Die EU fordert ein Limit von 90 Tüten ab 2020 und 40 Tüten ab 2027. Die dünnen Folientüten für Obst und Gemüse zählten nicht mit.

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