Einzelhandel : Wie kleine Buchläden im Digital-Zeitalter aufleben

Auf der Frankfurter Buchmesse reden alle über die digitale Zukunft. In der Gegenwart begeistern traditionelle Läden wieder mehr Kunden - auch in Berlin.

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Jedes Stück eine Empfehlung. „Wir haben nur vorrätig, was wir gut finden“, sagt Buchhändlerin Tatjana Mischke.
Jedes Stück eine Empfehlung. „Wir haben nur vorrätig, was wir gut finden“, sagt Buchhändlerin Tatjana Mischke.Foto: Georg Moritz

Berlin - Der Große kam, warf seinen Schatten – und ging wieder. Zehn Jahre existierte der Ableger der Buchhandelskette Wohlthat’sche wenige Meter entfernt von der kleineren Franz-Mehring-Buchhandlung in Berlin-Friedrichshain, nahm ihr Kundschaft und Umsatz weg. Jetzt hat er dichtgemacht. Tatjana Mischke und ihr Laden sind geblieben, von Endzeitstimmung keine Spur. Auch wenn draußen Begriffe wie Amazon und E-Book herumspuken, in der Franz-Mehring-Buchhandlung ist fast alles beim Alten geblieben. Es riecht nach Holz, im hinteren Teil, gegenüber dem Eingang, finden sich die antiquarischen Bücher, links die Kinderecke.

Zwar sinkt die Zahl der stationären Buchhandlungen nach wie vor – 5500 gibt es in Deutschland noch –, derweil Versandhändler stetig neue Umsatzrekorde erzielen und sich der Absatz elektronischer Bücher im Jahr verdoppelt. Doch während Thalia jüngst ankündigte, 20 Filialen zu schließen, und auch die Konkurrenten Hugendubel und Wohlthat’sche, die in den 90er Jahren viele kleine Buchhandlungen verdrängten, echte Probleme haben, hat sich die Zahl der unabhängigen, inhabergeführten Buchhandlungen zumindest in den Großstädten stabilisiert. In Berlin wächst sie sogar. Erst kürzlich entstanden schicke Läden wie Uslar & Rai am U-Bahnhof Eberswalder Straße in Prenzlauer Berg oder das Ocelot in Mitte mit großzügig arrangierten Loungemöbeln und integriertem Café. Läden, die „Einkaufserlebnisse gestalten, ein Lebensgefühl vermitteln“, wie Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, sagt. Wer neu einsteige, müsse sich was einfallen lassen: „Emotionalität erzeugen“.

Das gelingt offenbar auch unaufgeregteren Buchhandlungen wie der Franz-Mehring-Buchhandlung, die sich augenscheinlich nicht bemüht, besonders hip zu sein. „Ich mag die Atmosphäre hier“, sagt Mareike Kühne, 31, die im Laden von Tisch zu Tisch streift, hier und da ein Buch in die Hand nimmt. „Und ich lasse mich gerne von Covern anlocken.“ Wer bei Amazon kauft, weiß meist, was er will. Zu Tatjana Mischke kommen die Menschen, um zu stöbern. „Bemerkenswert ist, dass im stationären Buchhandel etwa Kinderbücher viel stärker nachgefragt werden als online“, sagt Skipis. Weil Erwachsene oft nicht wüssten, was in der Kinderwelt angesagt und zugleich anspruchsvoll ist, erst recht, wenn sie selber keine Kinder haben. Da gehen sie lieber in einen Laden, fragen: „Mein Neffe wird acht. Was hätten Sie da so?“

Das Manko der kleinen Läden ist zugleich ihr Vorteil: das begrenzte Sortiment. 5000 Titel hat Mischke vorrätig. „Unsere Kunden müssen lesen, was wir gut finden“, sagt die 52-Jährige. Jana Simons „Sei dennoch unverzagt“ zum Beispiel – Gespräche zwischen Enkelin und den Großeltern Christa und Gerhard Wolf. Oder ein Werk von anonym: „Die Rote Köchin – Geschichte und Kochrezepte einer spartakistischen Zelle am Bauhaus Weimar“.

Aus dem schier grenzenlosen Angebot filtern lokale Buchhandlungen heraus, was sie für lesenswert erachten. Der Buchhändler als Kurator, jedes Buch eine Empfehlung. Alle anderen bestellt Mischke gern. „Ich mag zum Beispiel diese Connie-Bücher nicht, aber wenn jemand sie haben möchte, sind sie am nächsten Tag hier.“ Vielen Menschen scheint das nicht – oder nicht mehr – bewusst zu sein: 900 000 Titel kann der Buchhandel in der Regel über Nacht beschaffen. Immer wieder stehen Studenten staunend vor der Verkäuferin, wenn sie das hören. Wer ein Buch ordert, kann es am nächsten Morgen abholen. So schnell ist nicht einmal Amazon. Dank Buchpreisbindung kostet es das Gleiche. Und am Abend steht Mischke immer noch da, bis mindestens halb acht, wenn die Postfiliale längst geschlossen ist. 60 Stunden die Woche, oft mehr. Genau diese Präsenz schätzen die Kunden. „Der Buchhändler kennt seine Stammkunden, ihre Interessen und Qualitätsansprüche. Mit keinem Computeralgorithmus der Welt ist das herzustellen“, sagt Verbandschef Skipis. Mischke ist vielen eine Vertraute. „Schwangerschaft, Scheidung, Krankheit – wir begleiten unsere Kunden durch alles.“

Seit mehreren Jahren schon nimmt Tatjana Mischke Bestellungen auch über das Internet an. Früh haben ihr Mann, der zwei U-Bahn-Stationen weiter stadteinwärts eine auf Reiseführer spezialisierte Buchhandlung betreibt, und sie sich eine Internetadresse gesichert, für die heute wohl mancher viel geben würde: bookmarket.de. „Drei Viertel aller Buchhandlungen sind schon mit professionellen Websites ausgestattet“, sagt Skipis.

Jan Balster liefert Bücher sogar aus. Seine Buchhandlung am Kaiserdamm in Charlottenburg gilt als die älteste Berlins. Seit mehr als 60 Jahren besteht das Geschäft am gleichen Fleck in dem Quartier, in dem einst Schriftsteller wie Alfred Döblin wohnten und die Redaktion der „Weltbühne“ ihren Sitz hatte. Inzwischen verkauft Balster, der die Buchhandlung 2010 übernommen hat, am häufigsten Rechts- und Steuerliteratur, obwohl er nichts dergleichen vorrätig hat. „Hier wohnen viele Juristen und Steuerberater, und die wissen, sie können bei mir anrufen und haben es am nächsten Morgen auf dem Tisch.“ Die Laufkundschaft werde weniger. Die Lieferungen machen mittlerweile fast 80 Prozent seines Umsatzes aus. Aber das sei okay, sagt er. Ärgern tut er sich über Politik und Verwaltung. „19 Behörden muss ich Rechenschaft ablegen, das ist einfach zu viel. Und wenn ich am Wochenende mal vergesse, ein Schild reinzunehmen, brummt mir das Ordnungsamt gleich eine Strafe auf.“ Die Digitalisierung bereite ihm da weniger Sorgen. Ein E-Book kann man zu Weihnachten nicht unter den Baum legen. „Und viele meiner Kunden boykottieren Amazon bewusst.“

„Alle gehen in Bioläden, entsorgen ihre Teebeutel an drei verschiedenen Stellen – irgendwann merken sie auch, welchen Wahnsinns-Verpackungs- und Transportaufwand sie verantworten, wenn sie jedes Teil im Internet kaufen“, sagt Buchhändlerin Mischke. „Leser sind zunehmend sensibilisiert, welche Konsequenzen Käufe bei Amazon haben“, sagt auch Skipis. Dass die Abhängigkeit von wenigen Anbietern wächst, Innenstädte veröden. „Nicht zuletzt die Debatte um Arbeitsbedingungen in Logistikzentren ist bei manchem hängen geblieben.“

Auch Tatjana Mischke trägt ihren Teil dazu bei, die Menschen zu sensibilisieren. Jeden Tag nehmen sie und ihre Mitarbeiterin Pakete für die Nachbarn an. „Es sei denn, sie kommen von Amazon“, sagt sie. „Das sind die kleinen Spitzen, die wir uns leisten.“

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