Einzelhandelsbilanz : Was Deutschland einkauft

E-Bike statt Ehering: Von der anhaltenden Kauflust der Deutschen profitieren nicht alle Händler.

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Ladenhüter: Das Geschäft mit Schmuck und Uhren lief im vergangenen Jahr nicht so glänzend.
Ladenhüter: Das Geschäft mit Schmuck und Uhren lief im vergangenen Jahr nicht so glänzend.Foto: dpa

Die Deutschen gönnen sich was: Gestern, heute – und nach Einschätzung des Handelsverbands (HDE) auch morgen. Für 2017 rechnen die Händler mit einem Umsatzrekord, und damit mit dem achten Wachstumsjahr in Folge. „Die Kauflaune der Verbraucher ist ungebrochen“, sagte Hauptgeschäftsführer Stefan Genth am Dienstag in Berlin. 482 Milliarden Euro gaben sie ersten Hochrechnungen zufolge im vergangenen Jahr im Einzelhandel aus, das waren 63 Milliarden mehr als 2009. Größter Wachstumstreiber war erneut der Onlinehandel, der elf Prozent zulegte.

"Die Kleiderschränke sind voll"

Die Zinsen bleiben niedrig, die Energiekosten überschaubar, die Erwerbstätigenzahlen hoch – gute Voraussetzungen für einen starken Konsum. Dennoch hat der Verband seine Prognose für 2017 mit Plus zwei Prozent eher moderat angesetzt – zum einen zählt das laufende Jahr vier Werktage, also auch Shoppingtage weniger als das vergangene, zum anderen sei in einigen Bereichen eine gewisse Sättigung erreicht. So konnten 2016 nicht alle Händler gleichermaßen von der Kauflust profitieren. Händler von Uhren, Schmuck, Keramik und Glaswaren haben Umsatzeinbußen von preisbereinigt knapp fünf Prozent zu beklagen, auch der Bekleidungshandel, nach dem Lebensmittelhandel zweitgrößte Branche, verfehlte das Vorjahresniveau um 0,9 Prozent. Das Wetter verhagelte das Saisongeschäft: „Wenn im Juni zehn Grad sind, kauft niemand Bademode, der heiße Spätsommer hat den Absatz von Wintermänteln gebremst.“ Derlei verpasste Umsätze hole keiner nach. Zumal man sich nichts vormachen müsse, sagte Genth: „Die Kleiderschränke sind voll.“

Terrorangst im Weihnachtsgeschäft?

Das Weihnachtsgeschäft lag nach erster Einschätzung 2,4 Prozent über dem Vorjahr, wobei die Händler einen überproportional guten November und einen damit verglichen schwachen Dezember verzeichneten. Künstlich geschaffene Schnäppchen-Events wie „Cyber-Monday“ und „Black Friday“, die ihren Ursprung in den USA haben, sind inzwischen auch in Deutschland fest verankert und fielen in den November. Weshalb der Dezember trotz einer nahezu vollen Handelswoche vor dem Heiligabend hinter den Erwartungen zurückblieb, wagt der Verband noch nicht zu beurteilen – sicher könnte der Terroranschlag am Breitscheidplatz eine Ursache sein, sagte Genth. Doch ob dessen Folgen für den Einzelhandel wirklich von nennenswertem Ausmaß waren, sei „sehr spekulativ“. Vereinzelt blieben Weihnachtsmärkte geschlossen, zugleich hätten Berliner wie Deutsche insgesamt besonnen auf das Ereignis reagiert.

Kartoffelsalat statt Karpfen

Ungewöhnlich ist, dass der Lebensmitteleinzelhandel im Dezember schwächelte – vielleicht fiel die Entscheidung diesmal in überdurchschnittlichen vielen Haushalten zugunsten von Kartoffelsalat und Würstchen aus, statt auf Hochpreisiges wie Gans oder Karpfen. Grundsätzlich beobachtet der HDE einen Trend hin zu mehr Qualität. „Regio und Bio wachsen aus der Nische, auch immer mehr Discounter reagieren auf die steigenden Ansprüche der Verbraucher.“ Dabei seien die Kunden nach wie vor preissensibel.

Besonders gefragt waren im vergangenen Jahr Kosmetik, Körperpflegemittel und – mit deutlichem Vorsprung gegenüber allen anderen Produktsegmenten – Fahrräder und -zubehör. Hier lag der Umsatzgewinn im Vergleich zum Vorjahr bei nominal 9,7, inflationsbereinigt 6,4 Prozent. „Da hat der Fachhandel seine Nische gefunden und besetzt sie auch sehr gut“, urteilt Genth. Die Zahlen spiegelten aber auch das Freizeitverhalten der Deutschen wieder, ein wachsendes Interesse an E-Bikes sowie ihren Wunsch nach Individualität – das Standard-Fahrrad aus dem Baumarkt ist nicht mehr attraktiv.

Offlinehandel im Nachteil

Mit Blick auf die Bundestagswahl wünscht sich der Einzelhandel mehr Planungssicherheit bei verkaufsoffenen Sonntagen. Gerichtsentscheidungen, die zum Beispiel verkaufsoffene Sonntage bei der Frankfurter Buchmesse und dem Münsteraner Weihnachtsmarkt kurzfristig kippten, seien für die Branche verheerend gewesen. „Die Händler müssen die eingeplanten Mitarbeiter trotzdem bezahlen. Das Internet hat sieben Tage die Woche 24 Stunden geöffnet.“ Auch Investitionen in Einkaufszonen stehen auf der Wunschliste. 50 000 Einzelhandelsadressen droht laut HDE das Aus, weil Kunden das Offline-Shoppingerlebnis „nur noch in den Ballungszentren suchen“.

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