Emanzipation : Kritikerinnen stürzen sich auf Facebook-Managerin Sandberg

Mit ihrem Buch provoziert Facebook-Managerin Sheryl Sandberg Frauen weltweit – und will sie doch eigentlich fördern.

Thomas Jahn,Axel Postinett
Toperfolgreich im Beruf und als Familienmutter - für Facebook-Managering Sandberg ist das keine Utopie.
Toperfolgreich im Beruf und als Familienmutter - für Facebook-Managering Sandberg ist das keine Utopie.Foto: Reuters

Vor einigen Jahren besuchte Timothy Geithner die Konzernzentrale von Facebook. Geschäftsführerin Sheryl Sandberg lud dazu eine Handvoll Manager aus dem Silicon Valley ein, fast ausschließlich Männer. Das Team des damaligen US-Finanzministers bestand aus vier Frauen. Die nahmen auf abseits stehenden Stühlen Platz. Als Sandberg sie aufforderte, auch an den Konferenztisch zu kommen, weigerten sie sich – „obwohl sie jedes Recht der Welt hatten“, wie sich Sandberg erinnert. Sie war erstaunt: Die Frauen reduzierten sich „von Teilnehmern zu Zuschauern“.

Das war ein Schlüsselerlebnis für Sandberg. „Ich war Zeugin, wie Frauen nicht nur mit Vorurteilen, sondern mit internen Barrieren zu kämpfen haben“, sagt sie. Am heutigen Montag veröffentlicht sie das Buch „Lean in: Women, Work, and Will to Lead“, die deutsche Übersetzung erscheint im April unter dem Titel „Frauen und der Wille zum Erfolg“. Darin fordert die 43-Jährige: Frauen sollen sich mehr „reinhängen”, an sich arbeiten, „Willen zum Führen“ zeigen.

Frauenquote? Betreuungsoffensive? Vätermonate? Sandberg eröffnet die Geschlechterdebatte neu – aus der anderen Richtung. Sie fordert vor allem Frauen auf, an ihren Karrieren zu arbeiten. Die Argumentation ist nicht ganz neu, die ehemalige taz-Chefredakteurin Bascha Mika veröffentlichte in Deutschland vor zwei Jahren ähnliche Thesen. Aber Sandberg, neben Gründer Mark Zuckerberg die Schlüsselfigur bei Facebook, verleiht ihnen nun eine weltweite Wucht.

Dabei liefert sie Patriarchen und Männercliquen in den Konzernspitzen keine platten Ausflüchte dafür, sich mit Frauenquoten zwischen fünf und zwanzig Prozent in den Vorständen zufrieden zu geben. Ähnlich wie die Journalistin Mika vor zwei Jahren in Deutschland bestreitet Sandberg nicht, dass in vielen Unternehmen Frauen der Aufstieg systematisch verwehrt wird. Sie glaubt nur nicht, dass Männer diese Ungleichbehandlung freiwillig einstellen, und betont deswegen den Handlungsbedarf von Frauen selbst.

Insofern ist das Buch der Facebook-Chefin zutiefst feministisch. „Ich will nicht Frauen die Schuld geben“, sagt sie. Es gebe viele Hindernisse: sexistische Chefs, deutlich niedrigere Gehälter für die gleiche Arbeit. Aber für Sandberg ist die Benachteiligung kein Grund, nicht „mehr die Hand zu heben“. Das gilt nicht nur für das Büro: So sollen Frauen mehr vom Ehemann verlangen. Es sei nicht akzeptabel, dass sich Frauen 40 Prozent mehr um Kinder kümmern und 30 Prozent mehr Hausarbeit leisten als ihr Partner – obwohl beide Vollzeit arbeiten.

Was die Kritik der Facebook-Frau so glaubhaft macht: Sandberg lebt vor, was sie von anderen fordert. Auch mit ihren Mann David Goldberg habe sie „endlose Diskussionen“ führen müssen, um eine gerechte Teilung hinzubekommen. Goldberg kündigte schließlich einen Führungsposten bei Yahoo in Los Angeles, damit Sandberg im Silicon Valley arbeiten kann. Sandberg ist bei Facebook bekannt dafür, fast jeden Tag um 17.30 Uhr nach Hause zu fahren. Allerdings: Wenn die Kleinen im Bett liegen, arbeitet sie bis tief in die Nacht weiter. Fragen danach, wie viel Hilfe sie von Babysittern hat, weicht sie gezielt aus: „Das würde niemand einen Mann fragen.“

Ähnlich wie vor zwei Jahren in Deutschland, als Autorin Mika Verrat an der Frauenbewegung vorgeworfen wurden, stürzen sich in den USA Kritiker auf die Top-Managerin. Sandberg habe leicht reden, mit zwei Harvard-Abschlüssen, einem reichen und hilfsbereiten Ehemann und einer Armada von Haushaltshilfen. Avivah Wittenberg-Cox, Chefin der Wirtschaftsberatung 20-first, sagt: „Frauen zu sagen, dass sie wie Männer werden sollen, um Erfolg zu haben ist, eine Beleidigung.“ Doch Sandberg glaubt an den Sinn der Debatte. Mit dem Buch will sie kein Geld verdienen – allein ihre Facebook-Aktien sind 450 Millionen Dollar wert –, sondern eine Bewegung für Frauen gründen. (HB)

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