Energiekonzern Vattenfall : Deutschland bezahlt Schwedens Energiewende

Die Vattenfall-Zentrale in Stockholm beschließt, in Schweden nur noch in Erneuerbare zu investieren. In dem Land der grünen Wälder und glasklaren Seen kommt das gut an. Doch das Geld dafür bringt Braunkohle aus Brandenburg.

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Baggern fürs Klima. Nur wenige Schweden wissen, wie ihr Staatskonzern in Ostdeutschland Kohle scheffelt.
Baggern fürs Klima. Nur wenige Schweden wissen, wie ihr Staatskonzern in Ostdeutschland Kohle scheffelt.Foto: dpa

Der schwedische Staatskonzern Vattenfall will grüner werden – und das mit den Einnahmen aus der klimaschädlichen Stromproduktion aus Braunkohle finanzieren. Bis zum Jahr 2020 sollen alle Investitionen nur noch in Anlagen zur regenerativen Stromerzeugung fließen. Dafür darf der Konzern sogar weniger Gewinn einfahren, die schwedische Reichsregierung verlangt nur noch eine Marge von neun statt bisher 15 Prozent. Das hat eine außerordentliche Hauptversammlung der Konzerns in Stockholm beschlossen.

Klimaschützer und Umweltverbände machten sich angesichts der Direktive, alles auf Erneuerbare Energien zu setzen, bereits Hoffnung auf ein Ende der Ära der Braunkohle in Deutschland, deren Umwandlung zu Strom wegen des hohen Ausstoßes von Kohlendioxid (CO2) als besonders klimaschädlich gilt. Doch jetzt machte die Konzernspitze klar, wie sie den Wandel im Vattenfall-Verbund finanzieren will. „Wir bekennen uns nach wie vor zum deutschen Markt und zur Braunkohle. Mit den Erträgen aus der Braunkohle wollen wir unseren Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreiben“, erklärte Vorstandschef Øystein Løseth.

Gemeint sind die Pläne für drei neue Tagebaue in der Lausitz, zwei im Süden Brandenburgs, einer in Sachsen. Für sie soll perspektivisch auch ein neues Kohlekraftwerk in Jänschwalde gebaut werden. Auch am Bau des Steinkohlekraftwerks in Hamburg-Moorburg und des Braunkohlekraftwerks im sächsischen Boxberg hält der Vorstand fest, obwohl beide die CO2-Bilanz des Konzerns erheblich belasten.

Gefahr für Berliner Grundwasser
Der Energiekonzern Vattenfall will den Tagebau Welzow-Süd in Cottbus ab 2027 erweitern. Dafür sollen rund 2.000 Hektar Land in Brandenburg und im angrenzenden Sachsen abgebaggert werden. In dem Feld sollen nach Angaben des Konzerns rund 200 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert werden.
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11.09.2012 18:47Der Energiekonzern Vattenfall will den Tagebau Welzow-Süd in Cottbus ab 2027 erweitern. Dafür sollen rund 2.000 Hektar Land in...

Noch im September 2011 gelobte der damals neue Vorstandschef Løseth, Vattenfall werde aufgrund einer neuen Eigentümerdirektive der Regierung seine Kohlekraft in Deutschland verkaufen oder abwickeln. Jetzt aber sagte ein Sprecher in Stockholm: Deutschland sei ein traditionelles Braunkohleenergieland und werde das auch noch lange sein. „Wir investieren aber auch sehr viel in Windkraft“, sagte Boo Ehlin, Sprecher der Stockholmer Zentrale. Im Konzern sei man sich einig: Es gebe keine Konflikte zwischen dem Deutschland-Chef Tuomo Hatakka und der Führung in Stockholm. In der rechtsliberalen schwedischen Regierung gibt man sich zufrieden mit der 2010 frisch ausgetauschten Führung.

Das wundert Isadora Wronski von Greenpeace Schweden. „Bis 2020 will Vattenfall laut Regierungsdirektive seinen CO2-Ausstoß, der derzeit übrigens doppelt so hoch ist wie der vom ganzen Industrieland Schweden, um 30 Prozent senken. Wie die das schaffen wollen, ist mir unklar.“ Deutschland solle die Rendite erwirtschaften. Auch der deutsche Greenpeace-Experte Karsten Smid versteht nicht, wie Vattenfall seinen jährlichen CO2-Ausstoß von 91 Millionen Tonnen im Jahr 2010 auf 65 Millionen Tonnen im Jahr 2020 senken will. „Das wäre nur zu schaffen mit einem Ausstieg aus der Braunkohle“, sagt er. Vattenfall selbst setzt immer noch auf die CCS-Technologie für die Lausitz in Jänschwalde, mit der CO2 in Kraftwerken abgetrennt und dann unterirdisch gespeichert werden kann. In Deutschland sind CCS-Initiativen aber kläglich gescheitert, für derlei Projekte fehlt die Akzeptanz.

Die Lausitz und die Braunkohle
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29.07.2009 08:28Eine gute Autostunde südlich von Berlin wird ein großer Teil der Energie für die 3,4 Millionen Hauptstädter produziert. Aus den...

Ein Konzernsprecher in Cottbus sagt: „Wir müssen zum jetzigen Zeitpunkt nicht über einen Kraftwerksneubau entscheiden. Das wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren passieren müssen. Wir würden aber nicht ohne CCS bauen.“ Soll heißen: Bis 2020 wird kräftig in Öko-Strom investiert, danach ist wieder alles offen. „Hier geht es um Greenwashing und nicht um eine verantwortungsvolle Unternehmenspolitik“, sagt Axel Vogel, Chef der Grünen-Fraktion im Potsdamer Landtag. In Schweden aber kommt das nur spärlich an.

Isadora Wronski von Greenpeace sagt: „Ein großes Problem ist, dass sich die schwedische Bevölkerung gar nicht richtig darüber bewusst ist, dass das Unternehmen, das ja in Schweden hauptsächlich auf Wasserkraft und Atomkraft setzt, im deutschen Ausland so viel CO2 ausstößt. Das ist leider kaum ein Gesprächsthema.“ Auch im Stockholmer Reichstag sieht es mau aus. Die sozialdemokratische Opposition hält sich zurück. Verhaltene Kritik kommt lediglich von den in Schweden sehr gemäßigten oppositionellen Grünen und der Linken.

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